Und weil sie selbst merkt, wie vage das klingt, schiebt sie schnell hinterher: "Das hört sich jetzt sehr allgemein an, ist aber sehr konkret: Wir werden erreicht haben, dass große Mengen an Daten wissenschaftlicher Ergebnisse so klar und computerkompatibel beschrieben sind, dass andere Wissenschaftler nahtlos damit arbeiten können." Dazu gehöre unter anderem "der bisher umfangreichste Hirnatlas in 3-D, dessen hochpräzise Daten andere Forscher nutzen können".

Solch ein Austausch von Wissen ist natürlich immer sinnvoll; doch mit dieser Idee hat das HBP längst Konkurrenz bekommen. Zwei seiner schärfsten Kritiker, die Neuroforscher Alexandre Pouget aus Genf und Zachary Mainen aus Lissabon, haben vor zwei Jahren eine Art Gegenprojekt initiiert. Im "International Brain Lab" wollen 21 Neurolabors aus Europa und den USA ebenfalls vorhandenes Wissen austauschen, allerdings bezogen auf eine ganz spezifische Frage: Wie trifft das Gehirn Entscheidungen? "Möglicherweise sind solche Bottom-up-Initiativen sinnvoller und am Ende effizienter als Großprojekte wie das HBP, die einen riesigen bürokratischen Überbau haben und zur Unbeweglichkeit neigen", kommentiert Andreas Herz, der an der LMU München den Lehrstuhl Computational Neuroscience innehat.

Wie Herz befürchten auch andere Forscher (von denen viele nicht namentlich genannt werden wollen), dass ein Megaprojekt wie das HBP eine ungute Eigendynamik erzeuge. Was mit so hoher politischer Ambition gestartet wurde, sei "too big to fail": Die Politik könne gar nicht anders, als es weiter zu fördern und am Ende zum Erfolg zu erklären – egal, was dabei herauskomme. Die Ausstellung im Bundestag könnte man deswegen auch als den Versuch interpretieren, sich der politischen Rückendeckung für ein Projekt zu versichern, das wissenschaftlich nach wie vor umstritten ist.

Hinzu kommt, dass die EU von der in Aussicht gestellten Milliarde höchstens die Hälfte übernimmt. Für den Rest müssen die einzelnen Länder und Labors selbst einstehen. So könnte die gewaltige Finanzierung des HBP am Ende dafür sorgen, fürchten viele Neuroforscher, dass andere vielversprechende Projekte leer ausgehen.

Auch bei der EU ist Ernüchterung eingetreten: Neue Flaggschiffe wird es künftig nicht mehr geben. Im Frühjahr, noch während der Wettbewerb für die nächste Flaggschiff-Runde lief, gab die EU bekannt, dass das Programm eingestellt werde.

Wenn also das Human Brain Project wirklich als Europas Apollo-Mission gedacht war, ist der Schub enorm verpufft. Oder um im Bild zu bleiben: Aus der Reise zum Mond wurde nun ein Rundflug über dem Berliner Regierungsviertel. Das wäre auch mit weniger Aufwand gegangen.

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