Vor einiger Zeit saß ich in der Kneipe, und ungefähr beim dritten Bier wurde mir bewusst, dass kein Mann meiner Generation es jemals in eine führende Position schaffen wird. Weil über jedem das Damoklesschwert seiner Internet-Historie hängt. Wir sind derart erpressbar, dass es unverantwortlich wäre, uns die Führung eines Unternehmens oder gar eines Landes anzuvertrauen. Zu groß ist die Gefahr, dass etwas Unangenehmes zum Vorschein kommt.

Beachten Sie bitte, ich bin Jahrgang 86. Ich gehöre der ersten Generation an, die ihre Jugend im Netz verbracht hat. Im Grunde wurden wir von den Erwachsenen im Stich gelassen. Komplett unbeaufsichtigt haben wir jeden pubertären Impuls auf unseren Computern ausgelebt.

Ich spreche nicht nur von den Pornos (schon klar, das wollen Sie jetzt nicht hören, die Pornos der anderen sind immer widerlich), sondern auch von den makabren Videos, die man sich gegenseitig zugeschickt hat. Halb fasziniert, halb angeekelt schauten wir Two Girls One Cup, ein brasilianisches Video, in dem sich zwei Frauen mit Fäkalien füttern (sorry!). Bisschen jugendfreier und trotzdem peinlich: all die Party-Fotos, die auf irgendwelchen Facebook-Servern liegen. Zum Beispiel das eine aus Lissabon, auf dem ich es schaffe, in zwei Richtungen gleichzeitig zu gucken. Im Gegensatz zu einigen meiner Freunde habe ich zumindest immer mein Hemd angelassen. Nacktbilder habe ich auch nie verschickt, aber das war ein Problem der Nachfrage. Und ich weiß nicht, wie viele homophobe Sprüche ich als Jugendlicher gemacht habe, aber ich bin sicher, in den fünf verschiedenen sozialen Netzwerken, in denen ich seither angemeldet war, sind einige dokumentiert.

2010 hat der damalige Google-Chef Eric Schmidt vorausgesagt, dass Jugendliche in der Zukunft routinemäßig ihren Namen ändern könnten, nur um ihre Internetgeschichte hinter sich zu lassen. Bis jetzt ist da noch nichts passiert. Allerdings hat Google erfolgreich daran mitgearbeitet, dass das Problem mit der Erpressbarkeit nicht mehr nur hormonell übersteuerte 14-Jährige trifft. Denn wenn ich richtig gelesen habe, leben wir ja im Zeitalter des Überwachungskapitalismus, so nennt es die Harvard-Ökonomin Shoshana Zuboff. Was bedeutet, dass die großen Tech-Unternehmen permanent alle Daten über uns sammeln, die sie bekommen können. Der Saugroboter vermisst heimlich die Wohnung. Alexa hört nachweislich unsere intimen Gespräche mit. Und Google hat sich unlängst in den USA durch die Kooperation mit einem Gesundheitsanbieter die medizinischen Daten von Millionen US-Bürgern gesichert. C’est la vie.

Seit dem besagten Kneipenabend überlege ich fieberhaft, wie man aus dieser Nummer wieder herauskommt. Ich habe verschiedene Varianten durchgespielt. Okay, eigentlich nur zwei. Weil ich ein zuversichtlicher Mensch bin, kam ich erst mal zu dem Schluss, dass sich das Problem von allein lösen wird. Denn in einer Welt, in der wirklich jeder in Gefahr schwebt, dass irgendein alter Mist über ihn zum Vorschein kommt, in der wir alle potenziell erpressbar sind, weil alles, was wir tun, aufgezeichnet wird, werden die Menschen schon aus Selbstschutz gnädiger miteinander umgehen. Ich finde, das ist ein ganz rührender Gedanke. Nur habe ich dann ins Internet geguckt und mich daran erinnert, dass das Gegenteil geschieht.

Aus Mangel an Alternativen beschloss ich, dass dann eben Radikalität helfen müsse. Vielleicht lag es auch am Bier. Erpressbarkeit, so dachte ich, komme ja durch Scham zustande. Echte Freiheit vor dem Datenterror wäre also nur möglich, wenn man sich für nichts mehr schämt. So wie Trump halt oder Boris Johnson. Zugegeben, das sind jetzt keine guten Vorbilder. Aber konfrontiert mit einem übermächtigen Gegner wie Google muss jede Gegenwehr erlaubt sein. Seitdem suche ich händeringend jemanden, der diese Philosophie mal für mich ausprobiert.

Kurz dachte ich auch darüber nach, ob es da einen Zusammenhang geben könnte: zwischen der Dauerüberwachung auf der einen und dem Erfolg schamloser Arschlöcher auf der anderen Seite. Ab da wurde es mir dann aber zu kompliziert.