Ja, sagt Friederike Höhn, sie sei wohl eine "richtige Öko-Tussi". Die 32-Jährige isst wenig Fleisch, kauft Kleidung secondhand und verzichtet weitgehend aufs Fliegen, obwohl ihr Freund am Bodensee lebt und sie in Berlin. Und Plastik: Eine Zahnbürste sei okay, aber ansonsten eben so wenig wie möglich. Doch eine Sache fehlt noch zu einem nachhaltigen Lebensstil: die richtige Geldanlage.

Keine Frage, das Thema Nachhaltigkeit boomt – aber den Bereich Finanzen sparen viele Verbraucher aus. Insgesamt waren 2018 in Deutschland knapp drei Billionen Euro in Investmentfonds oder von Vermögensverwaltern angelegt. Allerdings waren nur 4,5 Prozent der Investitionen an nachhaltigen Kriterien ausgerichtet. Davon wiederum stammten satte 93 Prozent von institutionellen Investoren wie Pensionsfonds oder Versicherungsunternehmen, also von Profis.

Das zeigt der aktuelle Report des Forums Nachhaltige Geldanlage (FNG). In dem Branchenverband sind vor allem Banken, Versicherungen und Vermögensverwalter organisiert. Hinzu kommt: Die Investitionen der Profi-Anleger wachsen sehr viel schneller als die der Privatanleger. Da geht noch was.

Den Eindruck hatte auch Christian Klein. Der Wirtschaftsprofessor an der Universität Kassel hat eine Studie gemacht: "Wir wollten wissen, warum Tante Erna nicht nachhaltig investiert." Tante Erna steht für den normalen Verbraucher – ohne Bankausbildung oder BWL-Studium. Das Ergebnis: Der überwiegende Teil der Befragten findet das Thema zwar "wahnsinnig spannend", investiert aber trotzdem nicht. Aus drei Gründen: Die Befragten haben Angst, Geld zu verlieren; der Bankberater hat ihnen nichts angeboten; und sie fühlen sich nicht ausreichend informiert.

Das liegt allerdings nicht daran, dass es zu wenig Informationen gibt. Friederike Höhn fühlt sich regelrecht erschlagen von den Blogs, Broschüren und Studien. Sie recherchiert schon seit einigen Monaten. Aber das Gefühl, durchzublicken und eine gute Entscheidung treffen zu können, hat sie bislang nicht.

Wer nachhaltig anlegen möchte, muss viele Entscheidungen treffen. Zu Anfang muss er sich fragen, wie viel Aufwand er betreiben möchte. Reicht es, ab und zu etwas in einen nachhaltigen Fonds zu investieren? Das bieten fast alle Banken und Sparkassen an. Oder sollen die kompletten Finanzen umgestellt werden, inklusive Girokonto, Sparbuch und Tages- oder Festgeld? Auch solche Konten haben eine Auswirkung. "Die Leute denken oft, sie würden nicht in Atomkraft oder Rüstungsfirmen investieren, wenn sie ihr Geld einfach auf dem Sparbuch lassen", sagt Klein. Wenn ihre Bank aber Kredite an solche Firmen vergibt, fördern sie das indirekt mit ihrem Ersparten.

Wer das nicht will, kann zu einer alternativen Bank wechseln. Dazu gehören die GLS Bank, Triodos, die Ethikbank oder auch kirchliche Institute wie die KD Bank. Sie versprechen, Kredite nur zu vergeben, wenn ethische oder ökologische Kriterien erfüllt sind. Die alternativen Banken sind sehr viel kleiner als die konventionellen Institute. Filialen haben sie nur wenige, wenn überhaupt. Deshalb sollte man prüfen, wo man Bargeld abheben kann. Oft gibt es dafür Kooperationen mit Genossenschaftsbanken oder Sparkassen.

Aber auch hier gibt es bessere und schlechtere Kandidaten, jedenfalls nach Meinung der Nichtregierungsorganisation Facing Finance. Der gemeinnützige Verein kritisiert regelmäßig die Geschäftspraktiken der Kreditwirtschaft und hat Banken auf ihre Selbstverpflichtungen hin überprüft. Finanzieren sie Rüstungs- oder Tabakfirmen? Sind sie am Bau von Kohlekraftwerken beteiligt? Das Ergebnis ist der Fair Finance Guide. In dem Ranking können Verbraucher nachsehen, wie ihre eigene Bank abschneidet und welche Geschäftspraktiken Facing Finance kritisiert. Bislang umfasst das Ranking allerdings nur 14 Institute. Einige Direktbanken wie comdirect oder DKB sollen aber bald folgen, verspricht Thomas Küchenmeister, Vorstand von Facing Finance. Daneben betreibt die Organisation seit vergangener Woche das Portal Faire-Fonds.info. Dort können Verbraucher nachschauen, ob ein Fonds Beteiligungen etwa von Rüstungs- oder Mineralölkonzernen hält. Enthalten sind 3.800 Fonds der großen Anbieter Allianz, Deka, DWS und Union Investment.