Frage: Herr Pickel, ländliche Regionen bluten aus, die Menschen zieht es zunehmend in Großstädte. Der Dresdner Altbischof Joachim Reinelt hat nun vorgeschlagen, auch die Kirche solle sich auf die Ballungszentren konzentrieren. Ein guter Rat?

Gert Pickel: Ich bin nicht der Meinung. Natürlich gibt es Abwanderungsprozesse vom Land in die Stadt, gerade im strukturschwachen Osten. Aber was ist mit denen, die nicht abwandern? Zumal alle religionssoziologischen Studien belegen, dass die Bindung an die beiden Großkirchen im ländlichen Raum pro Kopf wesentlich höher ist als in den Städten. Da wäre es eine Art Selbstaufgabe von Kirche, wenn sie sich in die Großstädte zurückzöge.

Frage: Aber selbst unter Seelsorgern heißt ein beliebter Leitspruch: Kirche muss dahin gehen, wo die Menschen sind.

Pickel: Deshalb muss die Kirche in den Städten ja auch präsent sein, gar keine Frage. Aber was passiert, wenn man sich aus der Fläche zurückzieht und sich nur auf die demografischen Hotspots konzentriert, zeigt die Deutsche Bahn: Die führt ja schon seit Langem Erhebungen durch, wie viele Fahrgäste auf ihren Linien fahren. Auf kleinen Linien sind es weniger, als sie brauchen, damit es sich lohnt. Also werden sie eingestellt. Dann kommen aber nur wenige zur nächstgelegenen Linie, also ist auch die geringer ausgelastet – und wird über kurz oder lang auch zugemacht. Dann bleibt man am Ende nur auf den Hauptstrecken. Dieses Schrumpfungsrisiko würde auch Kirche eingehen, wenn sie den ländlichen Raum ganz konsequent verlässt.

Frage: Die Kirchen müssen aber auch mit ihren Ressourcen haushalten, zumal in Zeiten, in denen das Personal immer weniger wird.

Pickel: Bei den Kirchen kommt aus religionssoziologischer Sicht aber hinzu: Wenn man einmal weg ist, dann ist man auch weg – und kommt nicht wieder. Das sehen wir ja zum Teil in Ostdeutschland ganz massiv. In der zweiten, dritten Generation nach der Wende macht man keine missionarischen Rückgewinne mehr. Aber die Diaspora-Gemeinden sind dort umso lebendiger. Die aufzugeben, weil man sich dem demografischen Trend einfach hingibt, käme – frei nach Wolfgang Huber – einer Selbstsäkularisierung der christlichen Kirchen gleich.

Frage: Historisch war das Christentum doch aber eine Stadtreligion. In der Antike waren die geistlichen Zentren in Rom, Alexandria oder Korinth.

Pickel: Das Christentum kommt zwar aus den Städten, hat sich aber sehr schnell in die ländlichen Bereiche ausgebreitet. Je mehr es die dortigen Traditionen kreativ aufgenommen hat, desto erfolgreicher. Mit der Aufklärung und der Industrialisierung im 19. Jahrhundert hat das Pendel aber umgeschlagen: Seither haben sich die Großstädte zu säkularen Zentren entwickelt, heute greift von dort die Säkularisierung auf die ländlichen Regionen aus. Da muss man nur die Kirchenaustrittszahlen anschauen: Die sind in den Großstädten – prozentual gesehen – deutlich höher als auf dem Land.

Frage: Trotzdem erreicht ein Pfarrer in der Großstadt mehr Menschen auf einen Schlag als auf dem Land. Darum geht es letztlich auch in Bistümern wie Trier. Dort sollen rund 900 Pfarreien zu 35 zusammengeschlossen werden, was nun sogar vom Vatikan vorerst gestoppt wurde. Nach den Plänen des Bischofs soll quasi eine innerkirchliche Großraumstruktur entstehen.

Der Soziologe Gert Pickel © Andre Kempner

Pickel: Das zeigt genau das Problem. Letztlich ist das nur eine Mangelverwaltung, die das Alte bewahren will: Man hat wenig Geistliche, gleichzeitig sinken die Kirchenmitgliedszahlen. Also vertraut man den wenigen Geistlichen größere Strukturen an, in denen sie für mehr Menschen zuständig sind. Sich eingebunden zu wissen in eine größere Pfarrei, die so zwar formal wieder einen Pfarrer hat, heißt aber für die Gläubigen vor Ort erst einmal gar nichts. Das geht zwangsläufig auf Kosten der Seelsorge und letztlich des Glaubenslebens. Die Leute fahren innerhalb einer Großgemeinde ja nicht kilometerweit über Ortschaften hinweg in den nächsten Gottesdienst.

Frage: Was schlagen Sie vor, um eine flächendeckende kirchliche Infrastruktur aufrechtzuerhalten?

Pickel: Die Kirche muss die Laien viel stärker einbeziehen. Das ist das Überlebenselixier für ländliche Regionen. Die bisherigen Vorstöße zeigen, dass in den Kirchen – auch in der evangelischen – immer noch die traditionelle Vorstellung dominiert, Kirche sei nur da, wo auch ein Pfarrer ist, weil an ihm die Sakramente hängen. Da sind wir mitten in der Klerikalismus-Debatte. Dabei wird diese Vorstellung den vielfältigen Bedürfnissen der Gläubigen überhaupt nicht gerecht.

Frage: Die wollen gar keine Sakramente?

Pickel: Nicht nur und ausschließlich. Wenn wir uns anschauen, wo Kirche erfolgreich ist, dann liegt das häufig daran, dass sie Sozialkapital ausbildet. Das heißt, dass sie Angebote und Gelegenheitsstrukturen schafft, die für die Menschen vor Ort wichtig und interessant sind. Das ist eben nicht nur der Gottesdienst, das kann auch der Strickkreis sein, der Chor oder Formate, wo politischer Austausch geschieht. Stellen Sie sich vor, in den strukturschwachen Regionen würde auch noch die Kirche abziehen. Dann wären Diskussionen zum Islam allein Propagandisten der AfD überlassen.