Herr Salame und der große Bluff – Seite 1

"Nieder mit dem System!", skandieren Demonstranten im Libanon seit mehr als 40 Tagen. Jetzt sieht es so aus, als würde das System tatsächlich kippen – nur anders als gedacht. Denn der Libanon rast in eine Währungskrise und in die Staatspleite.

Die Ursache dafür ist nicht bloß Misswirtschaft, sondern auch ein riesiger Finanzbluff. Die Geschichte des Libanons steht beispielhaft für eine Form der Korruption, bei der finanzielle Eliten einen Staat kapern, während internationale Finanzinstitutionen sie für ihre vermeintlich liberalen Praktiken loben.

Um diesen Bluff zu verstehen, hält man sich am besten an den Mann, der ihn erdacht hat und dessen Handeln in den kommenden Wochen darüber entscheiden wird, wer am Ende zahlt, wenn der Crash kommt: diejenigen, die das wackelnde System reich gemacht hat – oder die Mehrheit der Bürger.

Beirut im Juni. Riad Salame empfängt in seinem Büro im obersten Stock der libanesischen Zentralbank. Die Möbel und der Stuck erinnern an ein französisches Château. Salame, lila Krawatte, graues Haar, wirkt darin betont nüchtern. Von seinem Platz am gedrechselten Schreibtisch aus könnte er über Beiruts Innenstadt blicken, vielleicht bis aufs Meer. Doch alle Vorhänge sind geschlossen. "Ich habe die Räume so gelassen, wie ich sie übernommen habe", sagt Salame. Das ist jetzt 26 Jahre her.

Riad Salame, 69, ist der Chef der libanesischen Zentralbank, seit mehr als einem Vierteljahrhundert schon. Als er den Posten antrat, kam das Land gerade aus dem Bürgerkrieg. "Seitdem hatte ich es eigentlich jedes Jahr mit einer neuen großen Krise zu tun", sagt der Währungshüter.

Im Krieg hatte die Lira 1.000 Prozent an Wert verloren. Es folgten: zwei Besatzungen, ein Krieg, die Weltfinanzkrise und die Flüchtlingskrise. Der Premierminister, der Salame einst holte, wurde Jahre später bei einem Attentat mit einer Tonne TNT in die Luft gesprengt. Der aktuelle Premierminister wurde kürzlich für einige Tage in Saudi-Arabien entführt. Wie hält man angesichts solcher Eskapaden eine Währung stabil, die Wirtschaft am Laufen? Salame ist es noch immer gelungen.

Die Libanesen blieben in Krisen besonders gelassen, das ist eine gängige These von Ökonomen. Riad Salame sei außergewöhnlich geschickt, so lautet die andere. Wie es ihm gelang, die Lira in jeder Krise auf Kurs zu halten, verfolgten gemeinhin nur Finanz-Nerds. "Finanzen und die Wirtschaft leben von Vertrauen", sagte Salame selbst kürzlich noch in einem Interview mit dem US-Sender CNN. Im Libanon vertraute man vor allem auf ihn, den Zentralbankchef.

Seit Monaten nun ist er wieder gefragt. Die Wirtschaft lahmt, auch im ökonomischen Zentrum Beirut machen Geschäfte dicht. Die Staatsschulden sind auf astronomische 155 Prozent des Bruttoinlandsprodukts angewachsen, der dritthöchste Wert weltweit. Zwar hat die Regierung des Libanons ein Sparprogramm beschlossen, die Voraussetzung für neue Kredite europäischer Geber. Doch die zweifeln daran, dass die Libanesen diese Wirtschaft aus dem Koma holen können. Es bräuchte echte Reformen – und die hat es in den vergangenen 20 Jahren nicht gegeben.

Das politische System des Libanons ist wackelig, nach den letzten Wahlen von 2018 hat das Land wieder neun Monate ohne Regierung hinter sich gebracht. So ist es westlichen Diplomaten zur Gewohnheit geworden, Salame zu konsultieren, wenn sie dem Land den Puls fühlen wollen. Er antwortet stets so leise, dass sein Gegenüber genau hinhören muss.

Die regierenden Oligarchen haben den Staat buchstäblich geplündert

Die Reformen seien natürlich dürftig, sagte Salame der ZEIT. Doch das Land verfüge über ausreichend Reserven, um den drohenden Zusammenbruch abzuwenden. "Ich kann Ihnen versichern, die Währung bleibt stabil." Das ist sein heiliges Versprechen: Die Realität mag zum Fürchten aussehen. Die Welt des Geldes birgt eine andere Wahrheit.

Diesem Versprechen verdankt Riad Salame seinen Aufstieg. Er stammt aus einem Vorort dieser Stadt. Er ist Alumnus ihrer renommiertesten Institution, der American University of Beirut. Sein erstes Berufsleben verbrachte er beim Bankhaus Merrill Lynch, erst als Manager für den Libanon, in der heftigsten Phase des Bürgerkriegs dann als Vizepräsident der Bank in Paris. Dort betreute er auch einen schwerreichen Libanesen, den Bauunternehmer Rafik Hariri. Als dieser nach dem Krieg Premierminister wurde, machte er Salame zum Zentralbankchef.

Damals goss der Banker das Fundament jenes Wirtschaftssystems, das heute zusammenbricht: Die Regierung koppelte die libanesische Lira zu einem festen Wechselkurs an den US-Dollar. Das allein ist noch nicht bemerkenswert. Staaten im Umbruch nutzen diesen Kniff zeitweise gern. Die Dollarbindung ist attraktiv für Investoren, die so Kapital ins Land stecken können, ohne fürchten zu müssen, dass Wechselkursschwankungen es auffressen. Dem zertrümmerten Beirut bescherte der Schritt einen Bauboom – und Salames Förderer, dem Unternehmer-Premier Hariri, große Profite. Salame selbst verdiente sich den Platz im Zirkel der Macht.

Doch die Wechselkursbindung hält nur, solange auch genug Devisen ins Land fließen, ob in Immobilien oder auf die Konten heimischer Banken. In der Regel nutzen Staaten die Dollarbindung deshalb nur als Initialzündung. Libanons Regierende hingegen machten sie zum Wirtschaftsmodell. Der kleine Libanon würde die Schweiz des Nahen Ostens werden, so die Utopie. Ein schlanker Staat, in dem der Reichtum mit Banken verdient und später zu den Ärmsten hindurchsickern würde.

Die Regierung setzte auf die Diaspora. Rund zehn Millionen Libanesen leben im Ausland. Hohe Zinsen auf Dollar-Konten bei libanesischen Banken brachten sie dazu, ihr Geld dort anzulegen. Besonders während der Weltfinanzkrise transferierten Exillibanesen viel Geld von den kriselnden internationalen zu den heimischen Banken. Die Devisen stabilisierten das libanesische Modell. Eine der wenigen persönlichen Dinge, die Salame mit ins Büro gebracht hat, ist eine Urkunde aus jener Zeit: "Bester Zentralbanker der Welt", verliehen vom Fachmagazin Euromoney.

Umfragen haben ihm höchste Beliebtheitswerte in der Bevölkerung beschieden. Auch internationale Institutionen wie der Weltwährungsfonds und westliche Diplomaten loben ihn mehr als jeden anderen im Land. Doch das System, als dessen Architekt Salame gilt, hat vor allem den Reichsten gedient.

Die Reichen und Mächtigen im Libanon mögen es glamourös. Einer der einflussreichsten Politiker wohnt in einer Art Burg in den Bergen, umgeben von Rassehunden und Bodyguards, die sein Konterfei als Tattoo auf den Unterarmen tragen. Der Premierminister geriet kürzlich wieder in die Schlagzeilen, weil er einem Bikini-Model 15 Millionen US-Dollar überwiesen hatte – rein privat, wie er verlauten ließ. Er hält auch 49 Prozent der Anteile an der größten Bank des Libanons und hat damit persönliche Interessen im Finanzsektor, so wie viele seiner Politikerkollegen. Die mächtigen Männer dieses Landes wechseln zwischen Regierungsämtern und ihren Konzernimperien hin und her und schanzen ihren eigenen Unternehmen und Günstlingen dabei öffentliches Geld zu.

Die regierenden Oligarchen haben den Staat dabei buchstäblich geplündert. Die politökonomische Elite des Landes fährt die teuersten Sportwagen, aber über Straßen, in denen nach jahrelanger Misswirtschaft tiefe Schlaglöcher klaffen. Selbst im Wirtschaftszentrum Beirut fällt täglich der Strom aus, muss Trinkwasser per Lastwagen geliefert werden und stinkt es nach Müll, der vor der Küste ins Meer geschüttet wird. Nach Daten des Beiruter Forschungsinstituts Triangle verfügte das reichste Prozent der Libanesen zuletzt über 43 Prozent des Vermögens, die ärmste Hälfte über 5 Prozent. Der Libanon ist heute so ungleich wie fast kein anderer Staat der Welt.

Zwischen all den Kleptokraten wirkt Salame wie eine Bastion der Vertrauenswürdigkeit. Er fahre im Auto ohne den üblichen Fahrer durch die Stadt, erzählt er. "An der Ampel machen Leute Fotos mit mir." Seine Abende verbringe er zu Hause auf dem Sofa und schaue Serien. "Dabei kommen mir Ideen." Zuletzt haben ihm die Serien Game of Thrones und Billions gut gefallen. In beiden siegen häufig diejenigen mit dem größten Verstand und geringen Skrupeln.

Regierung rief wirtschaftlichen Notstand aus

Dass Salames Modell so lange funktioniert hat, liegt auch daran, dass dieses System nicht nur Banken fördert, sondern auch seine Verlierer an sich bindet: Der fixe Wechselkurs macht Importe erschwinglicher. Da der Libanon alles Grundlegende einführt – darunter Weizen, Treibstoff, Arzneien –, profitieren auch alle davon. Gleichzeitig sind Arbeitsplätze so rar und Löhne so niedrig, dass Libanesen mit Durchschnittseinkommen mit den hohen Zinsen ihr Gehalt aufbessern.

Die Krux dieses Systems liegt im Risiko: Um die Dollarbindung aufrechtzuerhalten, muss die Zentralbank jedes Jahr mehr Dollar anziehen. Wenn das nicht gelingt, wertet die Lira ab. Das würde die Importe verteuern und die Banken in Schwierigkeiten bringen, die sich in ausländischer Währung verschuldet haben.

Wurde das Geld früher knapp, konnte sich der kleine Libanon auf Finanzspritzen von außen verlassen, aus den Golfstaaten oder aus Europa. Doch weil die Unzufriedenheit mit Korruption und Misswirtschaft wächst, sind solche Hilfszahlungen zuletzt ausgeblieben. Deshalb griff die Zentralbank auf einen Trick zurück, den Salame selbst als "financial engineering" bezeichnet. Kürzer wäre: Bluff.

Das Ziel dabei: die Währung nach außen stärker aussehen zu lassen, weil bei der Zentralbank reichlich Devisen liegen. Dafür machte Salame es sich zunutze, dass der Libanon in Dollar laufende Staatsanleihen ausgibt. Seit 2016 tauschte die Zentralbank beim Staat Lira-Anleihen gegen diese Dollar-Anleihen ein. Die Dollarschuldscheine wiederum verkaufte sie an private Geldinstitute, die der Zentralbank dafür Dollar gaben. Die privaten Banker spielten mit. Weil die Zentralbank die Schuldscheine weit unter Wert anbot, war es ihnen möglich, ihren reichsten Kunden zeitweise Zinsen von rund 20 Prozent anzubieten. Der Zentralbank spülte dieses Geschäft etwa 13 Milliarden Dollar an Devisen in die Kasse.

Salame erhielt so das Vertrauen in die Währung und die Kreditwürdigkeit des Staates aufrecht – und machte doch nur das ohnehin schwache Fundament des Finanzsystems noch schwächer. Nun lebt der Staat auf Pump, und die Banken leben von den Schulden des Staates, während ihre eigenen Dollarvorräte geschmolzen sind. Inzwischen gehen bereits astronomische 40 Prozent des Staatshaushalts in den Schuldendienst. Es ist ein Schneeballsystem, das nun an sein Ende zu kommen droht.

Schon kurz vor Beginn der Proteste rief die Regierung den wirtschaftlichen Notstand aus. Banken haben damit begonnen, Dollarauszahlungen zu beschränken. So ist ein Schwarzmarkt entstanden, auf dem ein US-Dollar bis zu 2.000 Lira kostet – und damit de facto rund 30 Prozent mehr, als die offizielle Wechselrate verspricht. Die Illusion einer stabilen Währung schwindet – und so wird das Ausmaß der Zerstörung klar. Seit Oktober gehen die Menschen auf die Straßen. Sie demonstrieren gegen die Kleptokraten, die ihr Land zugrunde gerichtet haben. Und damit auch gegen Salames System, das dem Raubzug erst den Weg ebnete. "Die Proteste sind unsere Chance, wieder ein echter Staat zu werden. Eines mit einer echten Wirtschaft", sagt Nizar Ghanem vom unabhängigen Beiruter Forschungsinstitut Triangle.

Riad Salame dürfte die Demonstranten hören, trotz der dicken Vorhänge vor seinen Fenstern, sie protestieren inzwischen auch vor der Zentralbank. In dieser Woche wollen Aktivisten dort, im Freien, gratis Haare schneiden. Denn einen "Haircut" wünschen sie sich auch von Salame. Ökonomen nennen so einen Schuldenschnitt, bei dem die Gläubiger auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten.

An diesem Donnerstag, dem 28. November, muss der Staat 1,5 Milliarden US-Dollar Schulden zurückzahlen. Salame sollte das nicht tun, meint die Ökonomin Rosalie Berthier vom libanesischen Thinktank Synaps. Sie spricht sich dafür aus, dass die Schulden "restrukturiert", also nur teilweise bedient werden. Ihr Argument: Ein Zahlungsausfall träfe vor allem die wohlhabendsten Libanesen, die Eigner der Banken. "Für die reichsten Anleger wäre es ein akzeptabler Preis, angesichts der exorbitanten Profite, die sie gemacht haben." Wenn die Zentralbank dagegen die Forderungen bediene, würde sie Zeit kaufen, aber es sei zu befürchten, dass dann Geld aus dem Lande geschafft werde. Das sei bereits zu beobachten. Der Zentralbank gingen womöglich die Devisenreserven aus, mit denen wichtige Einfuhren bezahlt werden.

Es gibt auch Ökonomen, die vor einem Schuldenschnitt warnen. Sie fürchten, dass dadurch Investoren verschreckt würden und der Staat keinen Zugang mehr zu frischem Kapital hätte. So wird unter Fachleuten auch darüber diskutiert, ein unabhängiges Gremium einzusetzen, das den tatsächlichen Zustand der Wirtschaft offenlegen soll. Denn derzeit ist zum Beispiel vollkommen unklar, über wie viel Kapital die Zentralbank noch verfügt.

Kann das System womöglich nur abgewickelt werden, wenn Salame selbst abtritt?

"Jeder, der in dieser vertrackten Lage seinen Job nimmt, muss wahnsinnig sein!", sagt einer von Salames prominentesten Kritikern, der Analyst Dan Azzi, dazu. Gut möglich also, dass Salame als Zentralbankchef auch diese Krise übersteht.