Die Reformen seien natürlich dürftig, sagte Salame der ZEIT. Doch das Land verfüge über ausreichend Reserven, um den drohenden Zusammenbruch abzuwenden. "Ich kann Ihnen versichern, die Währung bleibt stabil." Das ist sein heiliges Versprechen: Die Realität mag zum Fürchten aussehen. Die Welt des Geldes birgt eine andere Wahrheit.

Diesem Versprechen verdankt Riad Salame seinen Aufstieg. Er stammt aus einem Vorort dieser Stadt. Er ist Alumnus ihrer renommiertesten Institution, der American University of Beirut. Sein erstes Berufsleben verbrachte er beim Bankhaus Merrill Lynch, erst als Manager für den Libanon, in der heftigsten Phase des Bürgerkriegs dann als Vizepräsident der Bank in Paris. Dort betreute er auch einen schwerreichen Libanesen, den Bauunternehmer Rafik Hariri. Als dieser nach dem Krieg Premierminister wurde, machte er Salame zum Zentralbankchef.

Damals goss der Banker das Fundament jenes Wirtschaftssystems, das heute zusammenbricht: Die Regierung koppelte die libanesische Lira zu einem festen Wechselkurs an den US-Dollar. Das allein ist noch nicht bemerkenswert. Staaten im Umbruch nutzen diesen Kniff zeitweise gern. Die Dollarbindung ist attraktiv für Investoren, die so Kapital ins Land stecken können, ohne fürchten zu müssen, dass Wechselkursschwankungen es auffressen. Dem zertrümmerten Beirut bescherte der Schritt einen Bauboom – und Salames Förderer, dem Unternehmer-Premier Hariri, große Profite. Salame selbst verdiente sich den Platz im Zirkel der Macht.

Doch die Wechselkursbindung hält nur, solange auch genug Devisen ins Land fließen, ob in Immobilien oder auf die Konten heimischer Banken. In der Regel nutzen Staaten die Dollarbindung deshalb nur als Initialzündung. Libanons Regierende hingegen machten sie zum Wirtschaftsmodell. Der kleine Libanon würde die Schweiz des Nahen Ostens werden, so die Utopie. Ein schlanker Staat, in dem der Reichtum mit Banken verdient und später zu den Ärmsten hindurchsickern würde.

Die Regierung setzte auf die Diaspora. Rund zehn Millionen Libanesen leben im Ausland. Hohe Zinsen auf Dollar-Konten bei libanesischen Banken brachten sie dazu, ihr Geld dort anzulegen. Besonders während der Weltfinanzkrise transferierten Exillibanesen viel Geld von den kriselnden internationalen zu den heimischen Banken. Die Devisen stabilisierten das libanesische Modell. Eine der wenigen persönlichen Dinge, die Salame mit ins Büro gebracht hat, ist eine Urkunde aus jener Zeit: "Bester Zentralbanker der Welt", verliehen vom Fachmagazin Euromoney.

Umfragen haben ihm höchste Beliebtheitswerte in der Bevölkerung beschieden. Auch internationale Institutionen wie der Weltwährungsfonds und westliche Diplomaten loben ihn mehr als jeden anderen im Land. Doch das System, als dessen Architekt Salame gilt, hat vor allem den Reichsten gedient.

Die Reichen und Mächtigen im Libanon mögen es glamourös. Einer der einflussreichsten Politiker wohnt in einer Art Burg in den Bergen, umgeben von Rassehunden und Bodyguards, die sein Konterfei als Tattoo auf den Unterarmen tragen. Der Premierminister geriet kürzlich wieder in die Schlagzeilen, weil er einem Bikini-Model 15 Millionen US-Dollar überwiesen hatte – rein privat, wie er verlauten ließ. Er hält auch 49 Prozent der Anteile an der größten Bank des Libanons und hat damit persönliche Interessen im Finanzsektor, so wie viele seiner Politikerkollegen. Die mächtigen Männer dieses Landes wechseln zwischen Regierungsämtern und ihren Konzernimperien hin und her und schanzen ihren eigenen Unternehmen und Günstlingen dabei öffentliches Geld zu.

Die regierenden Oligarchen haben den Staat dabei buchstäblich geplündert. Die politökonomische Elite des Landes fährt die teuersten Sportwagen, aber über Straßen, in denen nach jahrelanger Misswirtschaft tiefe Schlaglöcher klaffen. Selbst im Wirtschaftszentrum Beirut fällt täglich der Strom aus, muss Trinkwasser per Lastwagen geliefert werden und stinkt es nach Müll, der vor der Küste ins Meer geschüttet wird. Nach Daten des Beiruter Forschungsinstituts Triangle verfügte das reichste Prozent der Libanesen zuletzt über 43 Prozent des Vermögens, die ärmste Hälfte über 5 Prozent. Der Libanon ist heute so ungleich wie fast kein anderer Staat der Welt.

Zwischen all den Kleptokraten wirkt Salame wie eine Bastion der Vertrauenswürdigkeit. Er fahre im Auto ohne den üblichen Fahrer durch die Stadt, erzählt er. "An der Ampel machen Leute Fotos mit mir." Seine Abende verbringe er zu Hause auf dem Sofa und schaue Serien. "Dabei kommen mir Ideen." Zuletzt haben ihm die Serien Game of Thrones und Billions gut gefallen. In beiden siegen häufig diejenigen mit dem größten Verstand und geringen Skrupeln.