Kann ein Film schön sein, obwohl er ausschließlich von einer Trennung erzählt? Vermag ein Paar, das sich voneinander entfernt hat, uns dennoch etwas über Zuneigung und Verbundenheit zu erzählen? Der amerikanische Regisseur Noah Baumbach zeigt, dass man in einem sogenannten Scheidungsdrama über die Liebe nachdenken und sogar vermeintlich entschwundene Gefühle festhalten kann. Seinen als sicherer Oscar-Kandidat geltenden Film Marriage Story könnte man als Versuch einer Fortsetzung von Ingmar Bergmans Klassiker Szenen einer Ehe aus dem Jahr 1973 verstehen, doch mit anderem Ergebnis. Bergman bleibt ein Skeptiker, der die Ehe (etwas weiter gefasst: die Idee einer verbindlichen, gegebenenfalls formalisierten Beziehung) seziert, ihre Unmöglichkeit diagnostiziert. Baumbach hingegen hält daran fest. Gefühle, so die Quintessenz seines Films, mögen kommen, gehen, sich verändern, und doch sollte man ihre einstige Gegenwärtigkeit in Erinnerung behalten.

Mit Szenen, die unmittelbar aus einer gelebten Beziehung kommen, beginnt Marriage Story (der Film läuft nun im Kino und ab 6. Dezember auf Netflix): Nicole und Charlie wohnen mit ihrem achtjährigen Sohn in Brooklyn. Gemeinsam haben sie kleine und größere Erfolge am New Yorker Off-Theater gefeiert. Er als Regisseur, sie als Schauspielerin. Nicole empfindet sich jedoch nur noch als Teil seiner künstlerischen Vision, die den gemeinsamen Alltag dominiert, keinen Raum mehr für ihren beruflichen Werdegang lässt. Vielleicht hat sie auch irgendwann aufgehört, darüber nachzudenken, was dieser Werdegang sein könnte. Charlie wiederum versteht seine Karriere mit keineswegs unsympathischer Hybris als Gemeinschaftsprojekt.

Nun sitzt das Paar in der emotionalen Sackgasse und beim Therapeuten. Dessen Vorschlag: Die beiden sollen aufschreiben, was sie am anderen mögen und schätzen. So wird Nicole sein schlechtes Outfit zum persönlichen Stil erklären, während er Nicoles eigenwilligen Tanzstil als mitreißend beschreibt. Beide sind sich einig, dass sie auf ihre Weise großartige Eltern sind. Zusammengehalten werden diese Miniaturen von dem zärtlichen und vor allem nachsichtigen Blick, der Liebenden zu eigen ist. Ebendiesen Blick, der dem Paar abhandengekommen ist, bewahrt der Film. Und damit etwas Kostbares.

Noah Baumbach gibt sich also keineswegs damit zufrieden, die Entfremdung und Erstarrung zweier Menschen festzuhalten. Vielmehr ist er seinen Figuren stets einen Schritt voraus. Fast scheint er auf den Moment zu warten, in dem sich Charlies und Nicoles Augen wieder finden, und damit wenigstens für einen Moment auch ihre gemeinsame Geschichte.

Scarlett Johansson und Adam Driver liefern sich den suchenden Bewegungen der Kamera aus. Auf Nicoles Gesicht spiegeln sich alle Nuancen unverstandener Verletztheit und wütender Trauer. Doch auch die Entschlossenheit, eine Geschichte zu Ende zu bringen. Charlie verbirgt Ohnmacht und Hilflosigkeit hinter einer lässigen Pose, derweil seine Züge immer verschlossener werden. Für das zurückgenommene und doch mitreißende Spiel von Johansson und Driver lassen sich kaum filmische Vergleiche finden. Wohl weil Baumbach seinen Figuren – und das ist eine weitere Kostbarkeit – ihre Einmaligkeit lässt, sie nicht zu Ideenträgern oder psychologischen Modulen macht.