Wer wissen will, was Advent ist, der schaue sich die vier Kirchen auf dieser Seite an. Sie entstanden im frühen 20. Jahrhundert, in einer Zeit des Aufbruchs. Ihre Architekten suchten das Neue, ohne das Alte abzulehnen. Sie vertrauten einfach darauf, dass das Kommende, das sie bauten, schöner sein würde als alles bisher. Das war adventlich: Adventus Domini bezeichnet ja nicht nur die Ankunft des Herrn, und der Advent ist nicht einfach das Warten auf die Geburt des Heilands, er steht auch für die Hoffnung der Christen auf Erlösung – also darauf, dass das Beste noch kommt.

Friedenskirche in Berlin-Schöneweide. Evangelisch. Erbaut von 1928 bis 1930 von Martin Kremmer und Fritz Schupp im Stil des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit (links). St. Nicolai in Dortmund. Evangelisch. Erbaut 1929/30 von Peter Grund und Karl Pinno im Stil der Neuen Sachlichkeit und des Bauhauses. © Andreas Schoelzel

Deshalb behaupten Pfarrer so gern, dass am ersten Adventssonntag die Kirche neu erfunden werde. Richtig! Wir sehen an diesen modernen Sakralbauten, die dem Gott geweiht sind, der in Gestalt eines Kindes zu den Menschen kam, den Glauben daran, dass die Zukunft mehr bereithält als die Vergangenheit.

Hundert Kirchen der klassischen Moderne aus dem deutschsprachigen Raum hat der Kunsthistoriker Klaus-Martin Bresgott in seinem Buch Neue sakrale Räume versammelt. Bresgott, geboren 1967 und als Musiker für seine eigenwilligen Interpretationen geistlicher Musik bekannt, schreibt über die Entstehungszeit dieser Kirchen: Aus einer Welt von gestern sei eine Zeit voller Wissbegierde und ungeahnten Erkenntnisgewinns erwachsen. Max Plancks Quantenphysik und Albert Einsteins Relativitätstheorie, Sigmund Freuds Psychoanalyse und Martin Heideggers Existenzphilosophie, Max Webers Nationalökonomie und Max Horkheimers Sozialphilosophie, nicht zu vergessen Karl Barths dialektische Theologie und Martin Bubers Religionsphilosophie. Ein neuer geistiger Kosmos tat sich auf – und die Kirchenbauer fühlten sich beflügelt.

Nie wurden hierzulande mehr Kirchen gebaut als im 20. Jahrhundert. Nie waren die Architekten freier, dem Glauben einen eigenen, individuellen Ausdruck zu geben. Wie der Architekt Meinhard von Gerkan später sagte: Kirchen sollten die Sinne für Gott öffnen, der kommt. – So gehen die Gotteshäuser auf dieser Seite mit der Zeit. Sie zitieren romanische Tonnengewölbe, gotische Bögen, barocke Fresken. Anders als in den östlichen Kirchen ist aber in den westlichen, vor allem im Protestantismus, die Tradition ein Schatz, der immer neu interpretiert werden muss. Die Erbauer moderner Kirchen nehmen ernst, dass Christen ihre Beziehung zu Gott nun selbst und anders als früher gestalten, mit mehr Wissen, aber auch mehr Unsicherheit. Übrigens: In früheren Jahrhunderten riss man alte Kirchen viel bedenkenloser ab als heute. Man vertraute auf das Neue als das noch Schönere – und lebte sozusagen im Advent.