Es ist Zeit für das Ende der Welt. Noch einen Kaffee, dann lädt Karsten Nitsch an diesem Morgen Gäste und Labradorhund Tinka ins Auto, fährt einige Kilometer Richtung Südosten, bis die Straße abbricht. Ein paar Schritte zu Fuß und ein gigantisches Loch tut sich vor uns auf. Sechzig, siebzig Meter tief, mehrere Fußballfelder weit. Auf der anderen Seite ragt ein kleines Gebirge empor mit Canyons in allen Schwarz- und Grautönen. Dahinter erstreckt sich eine endlose Ebene, auf der wie eine stählerne Gottesanbeterin der über 200 Meter lange Bandabsetzer steht – jene Maschine, die die Landschaft des Tagebergbaus Reichwalde aus Kohlestaub, Erde, Geröll und Schutt geschaffen hat. "Das Ende der Welt", wie Nitsch diesen Ort nennt, ist auf bizarre Weise schön. Wären die Farben Karminrot und Ockergelb, käme man sich vor wie in Arizona.

Wir stehen herum, schauen und warten. So macht Nitsch das immer. Weil immer irgendwann etwas passiert. Nach einiger Zeit steigt ein Seeadler aus der Mondlandschaft auf, wenig später ein Turmfalke. Die Hasen in der Grube gehen in Deckung. "Die Natur holt sich das alles wieder", murmelt Nitsch. Es klingt ein bisschen trotzig. Als sollten wir uns mal nicht so viel einbilden auf unser Anthropozän.

Mit der Natur ist es so eine Sache. Je gefährdeter sie ist, desto mehr Menschen möchten in sie eintauchen. Am besten weitab von Straßen, Hotels, Siedlungen oder anderen Spuren der Zivilisation. Unberührt soll sie sein, wild, gern auch ein bisschen gefährlich. Ein neuer Markt ist in den vergangenen Jahren entstanden mit Hochglanz-Magazinen und Outdoor-Ausrüstung für Großstadt-Trapper, die wissen wollen, wie man Feuer schlägt, einen Schlangenbiss überlebt oder ein Kaninchen häutet. Die dann eine Woche in ihrem Terminkalender einschieben in den Bergen oder im Wald mit Biwak und ohne Handy-Empfang.

Nitsch kennt viele solcher Leute. Leute wie mich. Sie kommen immer häufiger in sein Camp in Neustadt an der Spree und wollen ein bisschen Yukon erleben. Nitsch – groß, breit, bärtig, Cargo-Hosen, schwere Stiefel – kann einem zeigen, wie man Holz nach dem Mondkalender schlägt, eine nasskalte Nacht unter freiem Himmel übersteht und sich ohne GPS zurechtfindet. Was er nicht bieten kann und will, ist unberührte Wildnis.

Ich bin vor drei Tagen angekommen mit der üblichen Wunschliste: Abgeschiedenheit. Vogelrufe statt WhatsApp-Pling. Zielloses Wandern. Möglichst wenige Menschen und möglichst viele Tieren sehen. Gern auch einen Wolf. Fast jeder, der herkommt, will den Wolf sehen.

All das bekomme ich in den nächsten Tagen – eingebettet in das brachiale Kontrastprogramm der Oberlausitz: fossile Wüsten und Naturlandschaften; kulturelle Endmoränen und wiederbelebte Traditionen; Spuren der Eiszeit und Spuren der Zukunft.

Die Sache mit WhatsApp hat sich schon bei der Ankunft erledigt. Im Camp gibt es keinen Internetempfang. Dafür ein paar Holzhütten mit Bett, Tisch und Stuhl, einen Lagerfeuerplatz und eine Außentoilette mit Kompostanlage, alles von Nitsch selbst gebaut. Wenige Meter entfernt verläuft die Spree, deren Wasser in diesem Abschnitt eine kupferne Farbe hat. Eisenhydroxid, freigesetzt durch den Tagebau. "Macht nichts", sagt Nitsch, der hier täglich schwimmen geht. In der ersten Nacht wache ich dreimal auf. Ich bin die Stille nicht gewohnt und gehe unwillkürlich auf Zehenspitzen zum Klo.