Kroatien, mein Geburtsland und das Land, in dem ich mich zeitweilig aufhalte, hat eine sehr eigentümliche Regierung. Einige ihrer Minister wurden unlängst bei unrechtmäßigen Handlungen ertappt, während ein Kriegsverbrecher, dessen Prozess sich seit Jahren hinzieht, im Parlament sitzt.

Das gegenwärtige Staatsoberhaupt Kroatiens, eine Dame, die bei fröhlichen Anlässen ihre Koloraturnummern aufführt und sich vorzugsweise im Fußballtrikot im Kreis schweißgebadeter Nationalspieler fotografieren lässt, äußert sich höchst milde über den Schwerverbrecher Ante Pavelić, der im Zweiten Weltkrieg als sogenannter Poglavnik den "Unabhängigen Staat Kroatien" führte. Und nun tut unser Staatsoberhaupt so, als könnte man Pavelić einzig und allein vorwerfen, er habe jemandem in die Suppe gespuckt. Ohnehin machen sich die Embleme des damaligen Regimes ungehindert in meiner Heimat breit, kein Wunder also, dass die jungen Leute zusehen, wie sie das Land verlassen können. Keineswegs nur aus ökonomischen Gründen. Offensichtlich wird die Geschichte derzeit einer Schönheitsoperation unterzogen, noch ein klein wenig Tünche, und schon weiß man nicht mehr so genau, wer den Zweiten Weltkrieg gewann.

Davon hat man in Serbien, dem Land, dem ich ethnisch angehöre und in dem ich ein halbes Jahrhundert lang lebte, schon gar keinen Begriff. Wie sonst ließe sich erklären, dass man dem Befehlshaber einer irregulären Truppe, der Tschetniks, Denkmäler errichtet? Obwohl er ein Kollaborateur war! In einem anständigen europäischen Land ist das Hakenkreuz verboten, und dass ein Marschall Pétain posthum höchstrichterlich freigesprochen würde, kann ich mir nicht vorstellen. In Serbien jedoch ist das nicht nur möglich, sondern es ist wirklich passiert: Milan Nedić, der von den Besatzern eingesetzte Ministerpräsident, und der nach dem Krieg hingerichtete Tschetnikführer Draža Mihailović sind rehabilitiert.

Jede Beziehung zu einem Diktator hat einen schalen Beigeschmack, selbst wenn man, wie Peter Handke, nur auf dessen Beerdigung redet. Diejenigen, die in der Endphase Jugoslawiens in Belgrad regierten, waren macbethsche Figuren, denen ein aufrechter Mensch nicht mal zufällig im Aufzug begegnen möchte. Eine Bande von Brandstiftern und Mördern, keine Heilsbringer. Ihre Blutspur führt zu ermordeten Präsidenten – Stambolić und Đinđić –, sie führt zu aus dem Weg geräumten Journalisten und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens bis hin zu vollkommen unschuldigen Bürgern und ganz gewöhnlichen Menschen. Ihre Schreckensherrschaft zerstörte zunächst die geistigen Werte des eigenen Landes, dann bürdete sie Bosnien ein düsteres Schicksal auf und verursachte letztlich Kroatiens heutige Blasphemie.

Menschen sind verschieden, auch wenn man sie manchmal kaum auseinanderhalten kann. Unlängst stellte ein Schriftsteller trotzdem die Frage nach der moralischen Verantwortung, die die geistigen Väter – Akademiemitglieder und verkappte Ideologen – für derartige Bestialitäten tragen. Der Kaiser ist nackt, das weiß jedes Kind. Unter dasselbe moralische Tribunal fallen sämtliche Intellektuellen, die rundheraus lügen und das, was geschehen ist, für nicht geschehen erklären. Intellektuelle, die in einer Horde dreckiger Banditen Vollstrecker von Gottes Gerechtigkeit sehen und die die Zerstörung Vukovars (oder die auch für Milan Milišić, einen serbischen Schriftsteller, tödlichen Bomben auf seine Heimatstadt Dubrovnik) mit verletztem Nationalstolz begründen. Und der ruhmreiche General Veljko Kadijević hat sich nach allem, was geschehen war, jahrelang hinter Putins Rockzipfel versteckt. Geistig vollends unterbelichtet ist die verbreitete Behauptung, unser tragischer Konflikt sei von den finsteren Mächten einer internationalen Verschwörung angezettelt worden. Tatsächlich entzündete er sich an hausgemachten Aggressionen und dem infernalischen Streben nach Macht. Dazu kam dann noch der fraglos in jedem Menschen schlummernde und nur auf seine Chance lauernde Hang zur Gewalttätigkeit.

Was wir bräuchten, wäre ein unaufgeregter Austausch über diese Dinge, in aller Ruhe, ohne pathetische Rhetorik, dafür aber, wenn möglich, mit einem Körnchen Wahrheitsliebe. Erfordert das eine besondere Form von Mut, den Mut einer Beate Niemann, mit dem sie schonungslos über die Verbrechen ihres Vaters schrieb, des ehemaligen Gestapo-Chefs im besetzten Belgrad?

Es war ein Serbe, nämlich der Schriftsteller und Philosoph Radomir Konstantinović, der schon vor einem halben Jahrhundert ein hellsichtiges Buch über die nationalistische Borniertheit seiner Landsleute und ihre brandgefährliche Abschottung vom Rest der Welt veröffentlicht hat. Seine Studie Filozofija palanke (Philosophie der Kleinstadt) ist von einem europaweit seltenen intellektuellen Kaliber, sie nimmt Orbáns Stacheldrahtzäune und die ganze Engstirnigkeit vorweg, die heute vielerorts immer dreister das Haupt erhebt. Trotzdem wurde das Buch kaum beachtet.

Sei’s drum, sein Beispiel zeigt, dass mutige Menschen in finsteren Zeiten der Bedrohung trotzen und dem verlogenen Charme bekannter Mörder widerstehen können. Abertausende Belgrader erhoben ihre Stimme gegen das Regime, das den letzten Jugoslawien-Krieg führte, doch nur wenige der führenden Köpfe sind noch unter den Lebenden. Darum verhehle ich meine wachsende Vereinsamung nicht, hier in Berlin-Charlottenburg. Es ist wie auf einer Insel, auf der ich, leider aus dem geistigen Abseits, mit gewichtigen Argumenten von berühmten Personen zugeballert werde, die einst das Massaker von Srebrenica geleugnet haben, so, wie die jungen Männer, die in schwarzen Stiefeln durch Europa stapfen, den Holocaust leugnen. Doch ich habe eine Zeugin in meiner unmittelbaren Umgebung, eine emanzipierte Frau, die bei mir putzt und nichts dabei findet, in einem serbokroatischen Haushalt Staub zu wischen, obwohl fast alle männlichen Mitglieder ihrer muslimischen Familie bei dem Massaker von Srebrenica getötet wurden. Auf der Suche nach ihren sterblichen Überresten fand man nichts außer Knochen.

Was sich hier abspielt, ist Augenwischerei, die Verfälschung historischer Tatsachen sowohl aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs wie aus der jüngsten Vergangenheit. Da fällt es schwer, wie Handke "Gerechtigkeit" für mein Land zu fordern, wenn man ernsthaft Gerechtigkeit will. In diesem fortgesetzten Verurteilen glaube ich letztlich lieber meiner Putzfrau Habiba und den Gräbern ihrer Familie als jenem Liebling der Weltöffentlichkeit, der seine völlig verdrehten Ansichten mit sich herumschleppt. Natürlich halten mich meine Stammesbrüder deshalb für einen Verräter. Doch derart umzingelt von Bolschewiki, bin ich gern Menschewik. Dass ich zur Minderheit gehöre, heißt noch lange nicht, dass ich unrecht hätte, das sagte schon Miroslav Krleža.

Aus dem Serbischen von Brigitte Döbert