Sobald Lucy sieht, dass ich komme, hebt sie ihren Arm zu einer Winkbewegung. Die Kameras über ihrem Kopf verraten ihr, dass sich ein Kunde nähert, und die Augen auf ihrem Display werden rund und einladend. Ich soll mich willkommen fühlen, wenn ich meinen Kaffee bestelle. Ich gebe auf dem Display neben der Plexiglasbox, in der Lucy zu Hause ist, meinen Wunsch ein. Der Roboter verneigt sich mit seinem ganzen Greifarmkörper. "Danke für Ihre Bestellung, es ist mir ein Vergnügen", soll das wohl sagen.

Willkommen im B:eat Café, einem der derzeit so angesagten Robotercafés in Südkorea. Hier ist der Barista aus Stahl, die Bestellung wird elektronisch entgegengenommen, und der Kundenservice wird per Künstlicher Intelligenz (KI) optimiert. Kaum zwei Jahre nachdem die erste Filiale des B:eat Café im Flughafen Seoul-Incheon eröffnet wurde, gibt es schon 60 Filialen im Land.

Überall werden die Kunden von Lucy bedient, dem kaffeekundigen Greifarmroboter. Er ist nicht nur präzise und pflegeleicht, sondern auch schneller als ein Mensch. Im B:eat Café kommunizieren Kameras, Bewegungssensoren und Hebeelemente dank 5G direkt mit der Kaffeemaschine.

Lucy ist aber längst nicht der einzige Roboter im Gastrogewerbe. Auf der ganzen Welt dürfen sich automatische Helfer ausprobieren. Im chinesischen Shijiazhuang etwa trägt ein androider Kellner das Essen zu den Tischen, im Café X in San Francisco bereitet der Roboter Gordon Heißgetränke zu, im kalifornischen Pasadena fertigt ein Roboter Burgerfrikadellen an und brät sie. Und der britische Roboterhersteller Moley bietet sogar eine ganze Roboterküche samt Koch an: Der Roboter mit Armen soll in der Lage sein, aus Zutaten ein Gericht herzustellen, durch KI soll es mit der Zeit besser werden

Im B:eat Café ist inzwischen mein Wunsch nach einem heißen Cappuccino im System eingegangen, die eben noch grüßende Roboterhand greift einen Becher aus einem Fach, das sich im Boden der Plexiglasbox öffnet. Während Lucy den Behälter unter einer elektrischen Kaffeemühle abstellt, lässt sie zunächst die von mir bevorzugte Bohne mahlen. Nach ein paar weiteren Stationen fließt das fertige Getränk in eine abgetrennte Box, an deren Außenseite sich eine Tür öffnet. Rund 60 Sekunden hat das Ganze gedauert, schon kann ich meinen frisch aufgeschäumten Cappuccino mitnehmen und mich an einen Tisch setzen.

Ist das die Zukunft des Kaffeetrinkens? Die Betreiberfirma Dalkomm, eine Tochterfirma des südkoreanischen Bezahl- und Managementplattform-Betreibers Danal, sieht es zumindest so. Sie will die Idee der vollautomatischen Cafés zum globalen Geschäft machen. Denn das B:eat Café eigne sich nicht nur bestens zum Franchising, erklärt der Chef von Dalkomm und Entwickler von Lucy, Jee Sungwon, sondern ermögliche auch eine intelligentere und bessere Bedienung: Der Barista-Roboter Lucy mache keine Fehler beim Milchschaum, sei ausgezeichnet organisiert und kenne seine Kunden nach wenigen Besuchen besser, als jeder Mensch es je könnte. "Durch die Gesichtserkennung anhand seiner Kameras oder durch die Apps der Kunden kann er sich jeden Kunden und dessen Bestellungen merken. Und je mehr Daten er sammelt, desto besser werden seine Empfehlungen für die Kunden."

Der Roboter nimmt auch Bestellungen über die Smartphone-App entgegen und informiert per Nachricht, sobald der Kaffee fertig ist. Dauerkunden, die von ihren Gewohnheiten abweichen und längere Zeit einmal nichts bestellen, werden schon mal gefragt, ob sie denn heute keinen Kaffee wollen.

Gehen die Zutaten aus, wird automatisch in der Unternehmenszentrale nachbestellt. Und zu Tageszeiten, an denen der Kundenandrang besonders groß ist, produziert Lucy bereits vorausschauend und stellt die vorbereiteten Kaffees auf einer Theke an der Seite ab. Stehen sie dort wider Erwarten doch einmal länger als zehn Minuten, kommen die Becher automatisch in den Müll. Durch all diese Optimierungen und das eingesparte Personal kostet ein Cappuccino im B:eat Café umgerechnet nur 1,50 Euro und damit knapp halb so viel wie bei Starbucks oder anderen Franchiseunternehmen in Südkorea.

Einen entscheidenden Nachteil hat Lucy noch: Sie kann keine Kaffeetassen an die Tische tragen, der Kunde muss sich selbst an der Klappe bedienen, hinter der Lucy die Getränke abstellt. Außerdem ist auch der Algorithmus, der für ihre Menschenkenntnis sorgen soll, noch nicht auf alle Eventualitäten und Ausnahmen vorbereitet.

Denn welchen der mehr als 30 zur Auswahl stehenden Kaffeetypen würde Lucy zum Beispiel mir vor der ersten Bestellung per App empfehlen? Bei dieser Frage beginnt Jee Sungwon zu zögern. "Sie sind männlich und unter 40? Dann wird sie Ihnen wohl erst mal einen Iced Americano anbieten." Das sei der beliebteste Drink unter den jüngeren Koreanern von heute. Doch dann schiebt er hinterher: "Weil Sie Europäer sind, hätte ich persönlich Ihnen von Beginn an einen Cappuccino empfohlen." Für solche kulturellen Unterschiede ist Lucy noch blind und taub.

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