Den Tod leicht nehmen

Lesen Sie, was auf meinem Aschenbecher steht: Rauchen ist nicht verboten, sagen viele Toten. Das war der Einfluss von Wilhelm Busch. Wortspiele amüsieren mich sehr. Bisweilen lösche ich eine Lampe, um Dunkelheit am helllichten Tag zu verbreiten.

Auch Gegenstände haben eine Seele

© Illustrationen: Tomi Ungerer/​aus: Tomi Ungerer Expect the Unexpected. Die besten Cartoons/​ 2006 Diogenes Verlag AG Zürich

Das ist für mich fast schon eine Manie: So streichle ich mein Telefon und bedanke mich bei ihm für Anrufe. Das tue ich auch mit meiner ersten Zange, die ich in New York gekauft habe und in Irland in meiner Werkstatt aufbewahre. Das sind wirklich treue Gegenstände. Wenn ein Freund von mir stirbt, dann bitte ich dessen Witwe um ein Kleidungsstück von ihm. So habe ich Schuhe von einem verstorbenen Freund. Jedes Mal, wenn ich sie morgens anziehe, denke ich an ihn.

Manches löst sich von alleine

Als ich einmal im Zug ein Kreuzworträtsel löste, ging mein Stift verloren. Für mich ein großes Drama, denn es war mein Lieblingsstift, mit dem ich alles geschrieben habe. Als ich nach Hause nach Irland kam, lag auf dem aufgeräumten Schreibtisch obenauf mein Stift. Dann habe ich herausgefunden, dass es sogar eine Organisation "For Traveling Objects" in England gibt, die Geschichten über Dinge sammelt, die von selbst wieder zurückkehren. Manche lachen mich aus und sagen, der Tomi Ungerer spinnt jetzt wieder. Meine Frau aber ist Zeugin, dass diese Geschichte stimmt.

Vom Mysterium der Dichtung

Ohne Mysterium gäbe es keine Dichtung. Es ist geradezu arrogant, zu behaupten, es gäbe für alles eine Erklärung. Bei Arroganz denke ich sofort an eine Arrogans, die über das hässliche Entlein urteilt.

Ins Krankenhaus nie ohne Grabkranz

Immer wenn ich im Spital bin, dann bestelle ich mir einen Kranz für mein Grab, mit einer violetten Schleife, auf der mein Name steht. Der hängt dann über meinem Bett. Auf dem Weg zum Spital habe ich einmal eine riesige Schraube gefunden. Zwei Tage nach meiner Operation habe ich diese Schraube in meinem Verband versteckt. Als der Doktor sie entdeckte, sagte ich ihm: "Sie sind ja ein richtiger Klempner." Mit einem Wort: Ich bin ein Witzbold.

Pädagogik mit Skelett

Einmal kam eine Nachbarin mit ihrer sechsjährigen Tochter aus der Umgebung von Cork zu Besuch. In meinem Studio steht ein Skelett. Zu dem kleinen Mädchen, das sich ängstigte, sagte ich: "Es ist meine Mutter, schüttle ihr doch die Hand." Nachdem sie dem Skelett wirklich die Hand schüttelte, klärte ich sie auf, dass es nur ein Witz war. Erwachsen geworden, kehrte dieses Mädchen nun mit ihrer eigenen Tochter zurück. Sie sollte die gleiche Erfahrung machen. Da die Kleine diese Geschichte bereits kannte, ging sie völlig angstfrei direkt auf das Skelett zu und schüttelte ihm die Hand. So schaut meine Art von Pädagogik aus.

Ein Alchemist des Negativen

Ich versuche noch immer wie ein Alchemist verschiedene Veranlagungen wie Unsicherheit, Zorn und andere Eigenschaften dieser negativen Kategorie in Inspirationen zu verwandeln. Je schlimmer eine Situation ist, desto lehrreicher kann sie werden. Wir brauchen Herausforderungen. Ohne Herausforderungen wäre das Leben langweilig geworden. Das zeigt schon die Geschichte vom Paradies: Wäre die Schlange nicht gekommen, wären Adam und Eva wahrscheinlich an Langeweile gestorben.

© Illustrationen: Tomi Ungerer/​aus: Tomi Ungerer Expect the Unexpected. Die besten Cartoons/​ 2006 Diogenes Verlag AG Zürich

Das Schicksal macht, was es will

Meine Entscheidungen sind immer völlig spontan. Ich habe nie eine Wohnung, ein Haus oder ein Stück Land gekauft, weil ich es gesucht habe. Das Schicksal hat mir immer alles geschickt.

Vom Zauber der Verwandlung

Eines meiner ersten Kinderbücher ist ein Panoptikum der Verwandlung. Es handelt von Ratten, Schlangen, Geiern und anderem sogenannten Ungetier. Da ziehen die Schlangen bei alten Frauen ein und die Tintenfische spielen Schach. Jeder hat in Ergänzung etwas, was der andere nicht hat: Tout égal, tout différent (alle sind gleich, alle verschieden, d. Red).

Ohne Glaube und ganz Kind

© Illustrationen: Tomi Ungerer/​aus: Tomi Ungerer Expect the Unexpected. Die besten Cartoons/​ 2006 Diogenes Verlag AG Zürich

Da ich mein eigenes Kind geblieben bin, muss ich nicht in die Kindheit zurückfallen, sondern ich bin gleich in der Kindheit geblieben. Besonders der Instinkt ist ein Teil der kindlichen Unschuld. Wenn wir in diesen Teil unserer Seele gehen, dann wird wieder alles neu und erfrischt sich. Aber ich bin glaubenslos. Bei einem Kreuzzeichen, wie es die Katholiken machen, sage ich: Im Namen des Geistes, des Herzens und des Magens.

Mit der Brille auf der Nase einschlafen

Jeden Morgen fällt mir so viel ein, dass ich gar nicht weiß, wie ich das alles zu Papier bringen soll. Andererseits ist es nicht immer leicht, weil die alten Dinge wieder zurückkehren. Obwohl ich über meinem Bett das Schild angebracht habe: Dieses Bett ist sorgenfrei. Auf diese Weise bekämpfe ich auch meine Albträume. Wie gerne würde ich mit meiner Brille auf der Nase einschlafen und in meinen Träumen lesen.

Tomi Ungerer © face to face

Das Paradies – eine Bibliothek

Für mich wäre das Paradies, falls es das geben sollte, eine riesengroße Bibliothek. Ich glaube zwar nicht an ein Paradies, aber ich bete jeden Abend, um meine Dankbarkeit auszudrücken. Wo meine Dankgebete landen, das weiß ich nicht.

Mehr als 150 Begegnungen mit wichtigen Persönlichkeiten hat die Autorin Felizitas von Schönborn in ihrem "holistischen Gesprächskaleidoskop" festgehalten. Darunter der Dalai Lama, Astrid Lindgren und Michail Gorbatschow. Von ihrem Gespräch mit Tomi Ungerer erzählt Felizitas von Schönborn bis heute mit großer Begeisterung. "Ein sehr beeindruckender Mensch. Das Zimmer hat gesprüht, wenn er sprach." Die Auszüge aus dem Gespräch erscheinen mit freundlicher Genehmigung des Diogenes Verlags.