Vermutlich liegt es auch an ihrem Vater, dass Wienke Reynolds Erfinderin geworden ist. Er arbeitete als Ornithologe auf Helgoland, was manche gemütlich angehen würden. Doch er forschte mit Freude fast rund um die Uhr, und wenn er Möwen anlocken wollte, backte er mit seinen beiden Töchtern Vogelkekse für sie. Mit kleinen Gummiteilchen darin, die er später auf der Insel suchte, woraus er seine Schlüsse zog. Ein echter Wissenschaftler.

Kein Wunder also, dass Wienke Reynolds doch nicht, wie lange überlegt, auf Lehramt studierte. Sondern sich einfach mal für Bioverfahrenstechnik einschrieb an der TU Harburg. Weil das Fach im Studienführer spannend und vielseitig klang.

Heute, als promovierte Ingenieurin und Mitgründerin eines Start-ups mit enormem Potenzial, würde die 31-Jährige ihrem Vater wohl empfehlen, keine zerschnittenen Weckringe mehr in seinen Möwenkeksen zu verbacken. Sie würde zu Lignin raten – diesem aus Pflanzen hergestellten Rohstoff, mit dem Reynolds unseren Lebensstil nachhaltiger machen möchte. Lignin wird aus Holz und Stroh gewonnen und ist biologisch abbaubar. Es soll, wenn es nach Reynolds und ihrer Mitgründerin Joana Gil geht, das hochproblematische Mikroplastik in Kosmetika ersetzen. Und mittelfristig auch Styropor und andere Dämmstoffe. Es soll das Plastik in der Welt zurückdrängen.

Jedes Jahr landen laut Schätzungen 14.000 Tonnen Sonnencreme in den Meeren, oft versetzt mit Mikroplastik. Wenn sich die Menschen mit ihren eingecremten Körpern in die Wellen stürzen, wäscht es sich ab. Die winzigen Plastikpartikel sind bereits in Plankton, Muscheln, Würmern, Fischen und Seevögeln nachgewiesen worden. Auch im Meersalz, das Gourmets gern zum Kochen verwenden. Kleine Lebewesen nehmen das Plastik auf und reichen es in der Nahrungskette weiter. Über Fische landet es in den Mägen der Menschen, kehrt in gewisser Weise zu ihnen zurück.

Reynolds und ihre Firma LignoPure arbeiten an einer Lösung. Vergangene Woche haben sie die Idee des weltweit ersten Sonnenschutzes präsentiert, in dem statt Mikroplastik kleine Lignin-Teilchen enthalten sind. Die lösen sich im Meereswasser einfach auf. Mitstreiterin Joana Gil nahm dafür im spanischen Malaga einen Innovationspreis entgegen.

Wienke Reynolds entwickelt nun ein Verfahren, das die Herstellung von Lignin im industriellen Maßstab ermöglicht. Das ist eine Menge dreckiger Arbeit. Sie kam schon oft ziemlich verschmutzt aus dem kleinen, mit großen Apparaturen vollgestellten Labor in einem Gebäude der TU Harburg. "Lignin ist ein relativ störrisches Material", sagt sie, "man muss Zeit und Leidenschaft investieren, um es zu bändigen." Der Name stammt von Lignum, dem lateinischen Wort für Holz. Lignin gibt Pflanzen ihre Festigkeit und sorgt dafür, dass sie verholzen. In großen Anlagen, wo Birken, Buchen oder Stroh zu Bioethanol verarbeitet werden, bleibt es heute als Abfallstoff übrig und wird meist verbrannt. "Wir wollen es sinnvoller nutzen", sagt Reynolds.

Den Stoff lernte sie im Studium kennen. An der TU forscht seit 2011 eine Gruppe daran. Hier im Labor steht eine Art Dampfkochtopf mit 40 Liter Fassungsvermögen, darin wird in einem ersten Schritt bei 200 Grad Celsius die Struktur des Strohs aufgeschlossen, wie Reynolds sagt. Dann geben die Forscher Enzyme hinzu, die die Zellulose abbauen. Übrig bleibt das Lignin.