Ein zerstörtes Wien. Eine Postapokalypse. Überwachung. Computerspiele, die ihre Nutzer zu Kriminellen machen. Brutale Gewaltverbrechen. Das macht Ursula Poznanski Spaß. Die 51-jährige Autorin kaut kurz an einem Schokokeks und lacht. "Das Düstere", sagt sie, "das finde ich schon gut. Das hält mich selbst beim Lesen." Und ihre Bücher, die schreibe sie ja in erster Linie für sich selbst, "so, dass ich sie gerne lesen würde".

Ursula Poznanski ist eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen Österreichs, auch wenn ihren Namen viele nicht kennen. Sie begann mit Kinderbüchern, verfasst mittlerweile Thriller oder dystopische Jugendromane. So ganz lassen sich ihre Titel nicht einordnen. Das Feuilleton ignoriert sie meist. Auf den Bestsellerlisten ist sie dafür Stammgast. Zwei Millionen Bücher hat sie seit ihrem Erstling Erebos im Jahr 2010 verkauft. Ihre bislang 18 Werke wurden in 38 Sprachen übersetzt, darunter Koreanisch und Türkisch, Polnisch, Englisch oder Finnisch. Zwei Titel veröffentlicht sie jährlich, im Herbst einen für Jugendliche, im Frühjahr einen für Erwachsene, zuletzt erschien Erebos 2, der Nachfolger ihres Debüts. Es sind keine schmalen Bände, 400 Seiten haben sie, mindestens. Rund 1000 Wörter schreibt Poznanski täglich und hört nebenbei Filmmusik, von Gladiator etwa, oder den italienischen Pianisten Ludovico Einaudi. Heute ist es etwas anders, sie überarbeitet derzeit einen Thriller. "Ich habe am Vormittag 200 Seiten erledigt", sagt sie, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt.

Ihre Geschichten handeln oft von der nahen Zukunft, von Drohnen etwa, mit denen ein hochbegabter 17-Jähriger sein Umfeld bespitzelt. Sie schreibt aber auch über entferntere Welten. In der Trilogie Eleria erschafft sie eine postapokalyptische Gesellschaft, eine Erde, die durch einen Vulkanausbruch unwirtlich geworden ist. Ein privilegierter Teil der Menschen lebt in sogenannten Sphären, in gigantischen Glaskuppeln. Alle anderen vegetieren in arktischer Kälte in dem, was von der Zivilisation übrig geblieben ist. Was ist Gut, was ist Böse, wie kritiklos ist man der eigenen Gruppe gegenüber? Die Grenzen verschwimmen in Poznanskis Büchern oft. Auch bei ihren Krimis und Thrillern, in denen nicht ganz klar ist, wer zu welcher Seite gehört, und in denen blutrünstige Morde beschrieben werden.

Poznanski spricht schnell und recht laut. Die Wörter purzeln oft nur so aus ihr heraus, die Sätze sind druckreif. Manchmal sei es schon befreiend, dass bei Büchern für Erwachsene mehr erlaubt sei als bei jenen für Jugendliche. "Ab und an gehe ich aber auch erledigt aus dem Schreibzimmer", sagt sie. "Ich muss mich in diese Dinge hineinfühlen, sonst funktionieren sie in der Geschichte nicht." Ihre Suchmaschinenhistorie sei bedenklich. "Löst Säure oder Lauge Leichen schneller auf?", findet sich dort. Oder: "Lassen sich Menschenknochen mahlen?" Und: "Welchen Verwesungszustand haben Leichen nach zwölf Wochen im Wasser?"

Ursula Poznanski verbrachte die ersten vier Jahre ihres Lebens in Wien, in einem Gemeindebau in Liesing. Dann zog die Familie mit den zwei Töchtern nur wenige Kilometer stadtauswärts, nach Perchtoldsdorf. Der Vater war selbstständiger Exportkaufmann, die Mutter arbeitete in seinem Betrieb. In Niederösterreich ging Poznanski zur Schule und begann zu lesen – nicht ein bisschen, sondern exzessiv. "Es war fast Realitätsflucht", sagt sie. "Ich habe alles gelesen, was ich in die Finger kriegen konnte. So wie Kinder heute mit dem Handy unter dem Essenstisch spielen, bin ich mit einem Buch beim Abendessen oder in Restaurants gesessen."

Für das Studium zog sie zurück nach Wien, auch heute wohnt sie innerhalb der Stadtgrenzen – aber weit draußen, wo es grüner und ländlicher wird. An der Universität begann sie mit Japanologie, ließ es nach ein paar Semestern sein, sattelte um auf Jus, war auch damit nicht glücklich und inskribierte Publizistik und Theaterwissenschaft. Nebenbei arbeitete sie als Statistin an der Staatsoper, zehn Jahre lang. "Das war toll. José Carreras und andere Stars, die waren alle da, und ich stand mit ihnen auf der Bühne", erzählt sie. Das Studium ging schleppend voran. "Wenn ich die Wahl gehabt habe zwischen Probe und Vorlesung, bin ich in die Oper gegangen." Durch Zufall bekam sie schließlich einen Job als Medizinjournalistin und hängte das Studium endgültig an den Nagel.

Nebenbei begann sie Kinderbücher zu schreiben, eher aus der Not heraus. "Ich hatte schon selbst einen Sohn, der hat sich für Buchstaben interessiert, und ich habe ein Buch gesucht, in dem erklärt wird, wie Lesen funktioniert, wie Buchstaben aneinandergereiht werden", sagt sie. Sie wurde nicht fündig und erfand selbst die Geschichte eines Affen und eines Papageis, die nach Buchstaben suchen. Das Buch fand einen Verlag, und Poznanski schrieb weiter. Die allerbeste Prinzessin zum Beispiel, in dem das Märchenklischee umgedreht wird und ausnahmsweise nicht ein tapferer Ritter um die Gunst der Frauen kämpft. Oder Pauline Pechfee, eine Glücksfee, die als Berufsanfängerin mit ihrem Sternenstaub versehentlich Unglück verbreitet. Erst später merkt sie, dass alles Pech, das sie den Menschen zugefügt hat, am Ende zu wunderbaren Dingen führt.