Ursula von der Leyen hat ein Wort mitgebracht nach Berlin. Ein Wort, das noch fremd klingt aus dem Mund der künftigen Präsidentin der Europäischen Kommission. An einem Freitagabend Anfang November, kurz vor Beginn der Feiern zum Mauerfall-Jubiläum, tritt von der Leyen nur wenige Meter vom Brandenburger Tor entfernt an ein Rednerpult und spricht es vor dem voll besetzten Saal aus: "Europa", sagt sie, "muss die Sprache der Macht lernen."

Macht. Es ist ein Wort, das ungewohnt ist für Europa. Wenn Brüsseler Politiker es überhaupt einmal benutzen, dann nur zögerlich, in Andeutungen. 1989, nach der deutschen Einheit und der Vereinigung Europas, wurde es gern verpackt als Soft Power – als weiche Kraft, die Diktaturen unterspülte. Als Sog, der die Länder Osteuropas hin zur EU zog. Dazu mussten keine Panzer rollen und keine Soldaten in Marsch gesetzt werden. Diesem Europa und der Europäischen Union schien damals alles wie von selbst in den Schoß zu fallen. Es war eine glückliche Zeit. Vielleicht war es auch eine naive Zeit.

Aber sie ist unwiderruflich vorbei. Daran lässt von der Leyen an diesem Abend in Berlin keinen Zweifel. Wenn sie von Europas Macht spricht, hat sie eine EU vor Augen, die klarer konturiert ist, härter ihre Interessen durchsetzen kann und entschlossener ihre Werte verteidigt. Und die künftige Kommissionspräsidentin nennt an diesem Abend, an dem ihr lauter Diplomaten, Journalisten und Politiker zuhören, auch Europas Konkurrenten beim Namen: China, Russland, die Türkei, Saudi-Arabien.

Ihr Ziel hat von der Leyen also formuliert. Doch wie will sie es erreichen? Wie kann sie Europa die Sprache der Macht beibringen, während sie selbst im komplexen Machtgefüge von Brüssel agiert? Wie viel Spielraum, wie viel Gestaltungsmacht hat die künftige Präsidentin?

Anfang Oktober, von der Leyen steht am Gare du Nord in Paris, am Bahnsteig 9, und wartet auf den französischen Schnellzug TGV. Er wird sie in einer Stunde und 22 Minuten nach Brüssel bringen. Der Zug rast durch die graue, nasse Landschaft Nordfrankreichs. Die Bewohner der Region leiden seit Jahren unter dem Niedergang ihrer einst blühenden Industrie. Hier hat eine gefährliche Gegnerin der EU ihre Hochburg, die französische Nationalistin Marine Le Pen. Von der Leyen wird sich mit ihr auseinandersetzen müssen, so wie mit den vielen anderen EU-Gegnern und -Skeptikern, die in vielen europäischen Ländern erstarkt sind – in Italien, in Polen, in Ungarn. In Großbritannien, das eigentlich längst schon aus der EU ausgetreten sein wollte.

"Wer Europa schwächen oder spalten will, der wird in mir eine erbitterte Gegnerin finden", hat von der Leyen gesagt. Wenn sie von Europa spricht, dann hat das immer auch eine sehr persönliche Note. Von der Leyen wurde in Brüssel geboren und ging dort zur Schule, bevor die Familie dem Vater, dem CDU-Politiker Ernst Albrecht, dem späteren niedersächsischen Ministerpräsidenten, nach Hannover folgte. "Normalerweise geht man von der Provinz hinaus in die weite Welt", sagt sie, "bei mir war es umgekehrt: zuerst Brüssel, dann Deutschland, dann Niedersachsen. Und jetzt geht es wieder hinaus!" Sie erzählt das wie jemand, dem ein großes Glück widerfahren ist. Und tatsächlich ist die Rückkehr nach Brüssel für Ursula von der Leyen fast so etwas wie eine Befreiung.

Sechs Jahre lang war sie Verteidigungsministerin. Sechs harte Jahre, in denen sich ein Bundeswehrskandal an den nächsten reihte. Gewehre, die nicht schießen; Flugzeuge, die nicht fliegen; U-Boote, die nicht tauchen. Sechs Jahre, in denen von der Leyen, die einmal als mögliche Kanzlerkandidatin galt, gebeutelt und gefordert wurde, so sehr, dass sie am Ende froh sein konnte, überhaupt noch Ministerin zu sein. Just an dem Tag, als die Staats- und Regierungschefs in Brüssel sich für sie als künftige Kommissionspräsidentin entschieden, stand von der Leyen auf einem Feld im niedersächsischen Hameln, um einer traurigen Pflicht nachzukommen. Ein Hubschrauber der Bundeswehr war abgestürzt, eine Pilotin ums Leben gekommen. Das Unglück schien einmal mehr den maroden Zustand der Bundeswehr zu bestätigen, für den die Ministerin die Verantwortung trug. Da gab der Ruf aus Brüssel von der Leyen die Chance, den Skandalen der Bundeswehr zu entkommen und noch einmal etwas Neues zu beginnen.