Sie ist eine der entscheidenden Fragen für die Entwicklung dieser Welt: Wie frei dürfen Wissenschaftler denken, wie offen dürfen sie sich äußern? In 36 von 179 untersuchten Ländern ist nach der Auswertung des Göteborger Instituts V-Dem die akademische Freiheit in den vergangenen zehn Jahren gesunken. Zu den Ländern, in denen die Tendenz in Richtung "unfrei" geht, gehören Ägypten, Brasilien, China, Pakistan, Polen, Russland, die Türkeiund Ungarn.

Doch es gibt auch gegenläufige Tendenzen. In 13 Ländern ist die akademische Freiheit im selben Zeitraum gestiegen, wenn auch bisweilen auf niedrigem Niveau. Zu diesen eher hoffnungsvollen Beispielen gehören laut V-Dem zum Beispiel Äthiopien, Myanmar, Simbabwe und Tunesien. Jedes dieser Länder wäre eine eigene Betrachtung wert. Beispielhaft haben wir an dieser Stelle die Situation in drei Ländern genauer untersucht.

Ägypten

Ausreiseverbote, Verhaftungen, Geheimdienste auf dem Campus – an Ägyptens Unis herrscht ein Klima der Angst.

Es ist kein gutes Zeichen, wenn eine Recherche zum Thema Wissenschaftsfreiheit zu Menschenrechtsorganisationen führt. Im Fall von Ägypten ist das so. "Belagerte Hochschulen" ist ein Artikel von Amnesty International aus dem Jahr 2018 überschrieben. Er erzählt von einem Klima der Angst unter Akademikern, von Polizei auf dem Campus, von Geheimdienstlern in den Hochschulverwaltungen.

Laut einem Report der ägyptischen Organisation für Gedanken- und Meinungsfreiheit sind 1100 Studierende in den drei Jahren nach dem Sturz des Staatspräsidenten Mohammed Mursi 2013 verhaftet worden. Es wurde nicht besser. Diesen September kam es nach Protesten gegen den amtierenden Präsidenten Abdel Fattah al-Sissi zu einer Verhaftungswelle. Unter den Inhaftierten waren zwei prominente Politikwissenschaftler – beide Kritiker des Regimes.

"Ägyptens Universitäten waren immer Ziel politischer Unterdrückung. Aber so drastisch wie heute ist sie nie zuvor gewesen." Das sagt ein langjähriger Professor für Mathematik an der Universität Kairo. Er gehörte zur "Gruppe des 9. März", einer Initiative von Lehrenden für den Schutz der Wissenschaftsfreiheit, deren Aktivitäten aufgrund der politischen Umstände weitgehend eingestellt wurden.

Die Geheimdienste kontrollierten inzwischen auch die Eingänge zum Campus, erzählt der Professor. Wer als Lehrender ins Ausland reisen will, zu einer Konferenz etwa, muss vier Anträge ausfüllen – an zwei Geheimdienste und zwei Behörden.

In diesen Ländern wird die Freiheit akademischer und kultureller Meinungsäußerung ...

Diese Karte und Grafiken basieren auf den Daten des V-Dem-Instituts an der Universität Göteborg in Schweden. V-Dem steht für Varieties of Democracy, es ist das größte internationale Forschungsprogramm zum Vergleich von Demokratien, mit insgesamt 3000 beteiligten Länderexperten. Für die Erhebung zur Forschungsfreiheit wählt das Institut in jedem Land mindestens fünf Experten aus, meist Politik- oder Rechtswissenschaftler. In einem Fragebogen bewerten diese auf einer Punkteskala von null bis vier, wie sehr die akademische und künstlerische Freiheit von Regierung und Behörden respektiert wird (null = gar nicht respektiert; vier = vollends respektiert). Ein statistisches Modell vergleicht die Daten und setzt sie miteinander in Beziehung, um sie global vergleichbar zu machen. Die hier gezeigten Daten stammen aus dem Jahr 2018. Neue Entwicklungen aus diesem Jahr – etwa in Brasilien der Einfluss der aktuellen Regierung von Jair Bolsonaro – sind daher noch nicht abgebildet.

Quelle: V-Dem Institute © ZEIT-Grafik

Es gab eine Zeit der Hoffnung, aber sie war kurz. Im ersten Jahr nach dem Sturz Mubaraks im Januar 2011, als der Arabische Frühling noch blühte, wagte man auch an den Universitäten Demokratie. Viele etablierte Wissenschaftler waren aus dem Ausland nach Ägypten zurückgekehrt, um ihr Heimatland beim Neustart zu unterstützen. An den Hochschulen wählte man nicht nur Studentenvertretungen, sondern auch neue Präsidenten und Dekane. In den Jahrzehnten zuvor waren diese von der Regierung ernannt worden. So hatten sich Gefolgsleute des Regimes Mubarak festgesetzt; Parteitreue war oft entscheidender gewesen als wissenschaftliche Qualifikation.

Seit Al-Sissi im Juni 2014 an die Macht kam, erstickte er Kritik im Keim. An den Unis kam es zu Disziplinarverfahren und Entlassungen, in den Leitungspositionen sitzen Al-Sissi-Getreue. Kritik am Regime ist hochriskant in Ägypten, für Akademiker genauso wie für Journalisten, Oppositionelle, Anwälte, Menschenrechtsaktivisten.

Der Fall des italienischen Doktoranden Giulio Regeni sorgte für regelrechte Angst unter Akademikern. Regeni verschwand im Februar 2016, eine Woche später wurde er tot im Straßengraben aufgefunden. An seinem Körper Folterspuren. Regeni hatte über unabhängige Gewerkschaften geforscht. Hinweise auf eine Verstrickung der Sicherheitskräfte in den Fall wies die ägyptische Regierung als Verschwörungstheorie von sich. Die italienische Justiz kam zu einem anderen Schluss. Danach rieten Universitäten in Europa und Amerika von Forschungsaufenthalten in Ägypten ab.

"Bis diese Regierung an die Macht kam, haben wir uns als Lehrende der Universität für die Freiheit der Lehre und Forschung eingesetzt", sagt der Professor von der Universität Kairo. Heute sei kaum noch jemand öffentlich aktiv, "denn jede echte Kritik bedeutet Gefängnis. Die Atmosphäre ist bedrückend."

Viele Forscher verlassen das Land, sofern sie es können: Sie sehen keine Perspektive, fürchten eine Verhaftung, oder ihnen droht ein Berufsverbot.

In absehbarer Zeit wird sich die Lage nicht bessern. Präsident Abdel Fattah al-Sissi hat in diesem Jahr eine Verfassungsänderung durchgesetzt, die es ihm ermöglicht, seine Amtszeit zu verlängern. Er hat sich so seine Macht bis 2030 gesichert.  Lea Frehse und Arnfrid Schenk

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Polen

Immer mehr Forschungsgelder werden von Ministerien  vergeben – das führt bei Wissenschaftlern zu Selbstzensur.

Polen hat vier schwierige Jahre hinter sich, seit die rechtsnationale Partei PiS ("Recht und Gerechtigkeit") mit absoluter Mehrheit regiert: Eine Justizreform hat de facto die Gewaltenteilung außer Kraft gesetzt, die staatlichen Medien werden gleichgeschaltet; die polnischen Schulen wurden jüngst Opfer einer Bildungsreform, die religiöse Inhalte stärkt und dafür den Sexualkundeunterricht abschaffen will. Dennoch hat die Mehrheit des polnischen Volkes bei den letzten Wahlen am 13. Oktober erneut für die PiS gestimmt.

Auf der anderen Seite verfügt Polen über eine reiche Kulturszene und eine wache, agile Opposition, die sich im Parlament kritisch engagiert. Polens Universitäten könnte man als weiteres Korrektiv dazuzählen, da sie in dem Land eine große Autonomie genießen. Hört man sich bei Dozierenden und Professoren um, bestätigen alle Gesprächspartner, dass ihre Meinungsfreiheit, anders als in Ungarn, bislang nicht gefährdet sei.

"Das Problem ist eher Autozensur", sagt Wojciech Michnik. Der Politologe unterrichtet Amerikanistik und lehrt an der Jesuitenuniversität Ignatianum in Krakau. Er kann seinen Unterricht frei gestalten, obwohl er für eine katholische, staatlich geförderte Hochschule arbeitet. "Allerdings muss man bedenken: Immer mehr Drittmittel werden momentan von externen Einrichtungen vergeben, von Ministerien." Die meisten seiner Kollegen seien davon überzeugt, dass man mit regierungskritischen Projekten künftig weniger an Drittmittel herankommen werde. "Und diese Drittmittel sind wichtig, wenn man bedenkt, dass viele Wissenschaftler in Polen nur rund 1000 Euro im Monat verdienen."

Autozensur ist auch nach Auffassung der Soziologin Joanna Talewicz-Kwiatkowska ein wachsendes Problem. Sie unterrichtet sowohl an der Universität Warschau als auch an der Jagiellonen Universität in Krakau und damit an den zwei wichtigsten Hochschulen des Landes. Direkte Einschränkungen hat sie nicht erfahren, obwohl sie Geschlechter- und Antidiskriminierungskunde unterrichtet – zwei Bereiche, die die polnische Regierung als linksideologisch zu diskreditieren versucht. "Das größte Problem ist das Weggucken und Schweigen vieler Vorgesetzter", sagt Talewicz-Kwiatkowska.

Sie selbst bekennt sich zur polnischen Minderheit der Roma und wurde von Studierenden bei einem Seminar rassistisch angefeindet. "Die Universitätsleitung hat zwar die Situation ernst genommen, aber gegen die Täter nichts ausrichten können." Das sei eine deprimierende Erfahrung gewesen, sagt die Kulturwissenschaftlerin. Sie spüre, wie sich das Klima verschlechtere: "Viele meiner Kollegen halten den Mund, wenn sie rassistische Attacken erleben, weil sie glauben, dass ihnen Aufbegehren in Zukunft schaden könnte."

Jüngst sorgte der polnische Präsident Andrzej Duda für einen akademischen Skandal, als er sich weigerte, die Professorenurkunde für den Psychologen und Soziologen Michał Bilewicz zu unterzeichnen. Normalerweise ist dies eine Formalie. Im Falle von Bilewicz aber, der an der Universität Warschau als Antisemitismus- und Hate-Speech-Experte forscht, kündigte Duda an, bis auf Weiteres auf eine Unterschrift zu verzichten – ohne einen Termin zu nennen. So etwas hat es in Polens Geschichte noch nicht gegeben. Bilewicz’ Kollegen sind sich sicher, dass es dem Präsidenten um politische Einflussnahme geht und ihm die regierungskritische Einstellung des Wissenschaftlers sowie dessen Forschungsthemen missfallen.

Bislang handelt es sich um Einzelfälle. Doch wie lange noch? Der Bildungsminister hat angekündigt, nach den im Oktober gewonnenen Wahlen die Universitätsgesetze weiter zu reformieren, damit das Ministerium mehr Einfluss bekomme. Mit Blick auf den Bilewicz-Skandal verheißt das nichts Gutes. Tomasz Kurianowicz

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Simbabwe

Bildung war dem afrikanischen Staat wichtig, Freiheit weniger. Nach einer Phase der Aufbruchs gibt es nun wieder Rückschritte.

Ein Doktorhut wurde 2017 zum Symbol für die Unabhängigkeit der Wissenschaft in Simbabwe, jenem Land im Süden Afrikas, das 37 Jahre lang unter Misswirtschaft und Repression des Diktators Robert Mugabe geächzt hatte.

Den Hut erhielt dessen Ehefrau Grace für einen PhD der Soziologie. Verdächtig schnell soll sie diesen in wenigen Wochen erlangt haben – Präsident Mugabe, zugleich Kanzler aller Hochschulen, zeichnete seine Gattin persönlich aus. Normale Familien in Simbabwe opfern jedoch oft viel für einen guten Abschluss, und die Korruption hatten sie längst satt. So gingen viele Studenten in der Hauptstadt Harare mit der Forderung auf die Straße, "Gucci Grace" ihre akademischen Weihen abzuerkennen. Das geschah nur einen Tag, nachdem ein Militärputsch Mugabe zum Rücktritt gezwungen hatte.

Unter dessen Nachfolger Emmerson Mnangagwa wurde der Vizekanzler der University of Zimbabwe suspendiert; eine Jury sollte klären, wie die First Lady an ihren Titel gekommen war. Beides waren Signale für den Neuanfang, auf den so viele Bürger hofften. Ein Neuanfang, der sich auch in den Zahlen des Forschungsinstituts V-Dem widerspiegelte, nach denen in Simbabwe die Forschungsfreiheit zwischen 2008 und 2018 zugenommen hat. Doch ist zwischenzeitlich wenig von der Aufbruchstimmung übriggeblieben.

Mnangagwa war als früherer Vizepräsident eine zentrale Figur im Mugabe-System. Der Stiftung Wissenschaft und Politik zufolge scheint seine Macht weiter von jenen Teilen der – alten und neuen – Regierungspartei ZANU-PF abzuhängen, die dieses System erhalten wollen. Unter wachsendem Druck gehe der neue Präsident immer rigoroser gegen seine Gegner vor, berichtet die Politologin Melanie Müller. Auch an den Universitäten herrschten weiterhin "politische Eingriffe, Korruption und chronische Unterfinanzierung", erklärte der Oppositionspolitiker Daniel Molokele gegenüber der Zeitschrift University World News.

Masiiwa Ragies Gunda kritisiert viele Demokratie-Ankündigungen der neuen Regierung ebenfalls als Kosmetik. Der Bibelwissenschaftler lebt seit Kurzem in Deutschland. Zu Hause komme er beruflich nicht weiter, sagt er. Einen Grund dafür sieht Gunda in seiner Doktorarbeit. Immer wieder hatte Robert Mugabe im christlichen Simbabwe gegen Schwule und Lesben gehetzt. "Mit Bibelzitaten", sagt Gunda, "und ich habe entlarvt, dass seine Anschuldigungen auf einer Kette von Lügen gründen."

Auch weil er sich danach für Homosexuelle einsetzte, habe er keinen festen Posten mehr gefunden. Zudem habe man ihn gewarnt, sein Name stünde auf einer schwarzen Liste des Geheimdienstes. Im Rahmen der Philipp Schwartz-Initiative gab ihm die Alexander von Humboldt-Stiftung ein Forschungsstipendium.

Bildung hatte in Simbabwe immer Priorität. Mugabes Regierung gab für Schulen und Unis mehr aus als die meisten Länder Afrikas. Doch akademische Freiheit herrschte laut Gunda nur vordergründig. In den Unis habe die Regierungspartei loyale Leute eingesetzt. Auch nach dem Regierungswechsel wurden Proteste gegen die Studienbedingungen zerschlagen und mehrere Anführer verhaftet.

Wo die freie Meinungsäußerung unterdrückt wird, bleibt auch die akademische Freiheit der Willkür ausgeliefert. Zumal diese Freiheit in Simbabwe von einer Wirtschaftskrise eingeschränkt wird: Die Inflation treibt die Preise für Lebensmittel und Benzin in die Höhe. Mit ihren ohnehin niedrigen Gehältern müssen sich die Lehrkräfte noch mehr einschränken.

Mit ihrem Projekt "Bildung 5.0" will die neue Regierung Innovation und Entwicklung fördern. Doch die Mittel fehlen, Auslandsinvestitionen bleiben aus. Dafür setzen sich die besten Wissenschaftler nach Südafrika, Großbritannien oder in die USA ab. Wie seit Jahren.

Trotz des Braindrains gibt Masiiwa Gunda die Hoffnung nicht auf. Er sieht widersprüchliche Kräfte in der Regierung als Zeichen für ein Land im Übergang. Seine Akademiker-Freunde im Exil warteten nur auf neue Koalitionen, glaubt Gunda: "Sie sind auf Stand-by." Christiane Grefe

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