Für mich das Bild des Sommers: Zwei Jugendliche gleiten auf einem E-Roller zusammen die Straße entlang, der Hintere schlingt einen Arm um die Brust des Vorderen, in der freien Hand hält er die Bierflasche. Solche Verstöße gegen das Gesetz gehören zum Privileg der Jugend, immerhin legt Paragraf 8 der Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung unmissverständlich fest: "Die Personenbeförderung sowie der Anhängerbetrieb sind für Elektrokleinstfahrzeuge nicht gestattet." Mitte Juni ist die neue Verordnung in Kraft getreten: Sie erlaubt es sogenannten Mobilitätsdienstleistern, mit Batteriestrom betriebene Tretroller über die Straßen und Plätze der Bundesrepublik zu verteilen, denn das ist jetzt die Zukunft.

Noch vor wenigen Tagen schienen die Bürgersteige frei zu sein, man konnte atmen. Nun stehen an jeder Ecke grüne, rote, weiße Geräte: E-Roller von Anbietern, die Lime heißen oder Circ. Sie sehen aus wie Kinderspielzeuge, die einem verrückten Professor in die Hände gefallen sind, der sie für den Einsatz in postapokalyptischen Stammeskriegen hochgerüstet hat: dicke Reifen, schwere Scheinwerfer, das Hinterrad von einem prallen Kasten geschützt. Die E-Roller wirken kindisch und bedrohlich zugleich, eine eigenartige Verbindung, die ich sonst nur von Mörderpuppen oder dem amtierenden US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump kannte.

Die Umwälzung des deutschen Straßenverkehrs geschah in Wirklichkeit natürlich nicht über Nacht. Schon länger lungerten Sharing-Fahrräder im öffentlich Raum herum und warteten auf Kunden, außerdem standen da seit einiger Zeit auch richtige Roller, quasi Mofas, zum Ausleihen; dazu noch E-Bikes und die Carsharing-Flotten. Ich will mich darüber gar nicht beklagen, ich gehöre natürlich zu den Gewinnern der (englisch ausgesprochen) disruption: E-Roller, algorithmengesteuerte Sammeltaxis, ein übermotorisierter VW-Passat Kombi aus der Sixt-App, ich fahre alles weg, was am Straßenrand steht und sich mit Handy und Kreditkarte bedienen lässt. Das atemberaubende Fahrgefühl der Roller überzeugt mich sofort. Mit bis zu 20 Stundenkilometern über ein Eppendorfer Kopfsteinpflaster rattern, um schnell noch einen Ingwer-Shot aus dem Edeka zu holen – für andere ein gefährlicher  Eingriff in den Straßenverkehr, für mich ein Lebensgefühl.

Nur von Weitem und bei besonders schlechter Sicht sieht dieser neue Anbieterwettstreit aus wie eine Mobilitätswende; tatsächlich bricht hier die Plattform-Ökonomisierung des öffentlichen Raums über uns herein. Das heißt vor allem: Die Arbeit, die auf so magische Art hinter der Software zu verschwinden scheint, ist gar nicht weg – sie wird jetzt nur von einem anderen erledigt, und der macht es billiger. Der E-Roller-Verleiher Lime zum Beispiel sucht laufend sogenannte Limejuicer, selbstständige Elektrokleinstunternehmer, die nachts die Lime-Roller aufsammeln, aufladen und sie am nächsten Morgen wieder im Stadtgebiet verteilen. Andere Anbieter nennen ihre freien Mitarbeiter "Ranger" oder "Watcher", Berichten zufolge kann man mit 4,50 Euro pro vollgeladenem Roller rechnen, davon gehen die eigenen Kosten noch ab. Nachdem mich auf Facebook und Instagram immer wieder Annoncen auffordern, mir auch als Limejuicer flexibel Geld dazuzuverdienen, hätte ich das gern ausprobiert. Meine Bewerbung scheitert daran, dass das Unternehmen von mir einen Gewerbeschein benötigt – wenigstens meine Arbeitskraft ist noch so richtig schön deutsch durchreguliert, ich bin erleichtert.

Mitte der Neunzigerjahre erfanden zwei britische Denker den Begriff "kalifornische Ideologie" für jene eigentümliche Mischung aus altlinken Träumen, wirtschaftsliberalen Ideen und engstirnigem Technikdenken, die sich im Silicon Valley zusammenbraute. Anstatt weiter gegen das System zu rebellieren, so schrieben Richard Barbrook und Andy Cameron 1995, würden die Nachfahren der Hippies in San Francisco inzwischen akzeptieren, "dass individuelle Freiheit nur unter den Bedingungen des technischen Fortschritts und des 'freien Marktes' erreicht werden kann". Es dauerte dann noch fast 25 Jahre, bis ich auf einem Fahrzeug die Straße runterballern durfte, das dieses gefährliche Einverständnis so vollendet ausdrückt wie die Eisenbahn einst die Industrialisierung oder das Model T den Fordismus. So wie der E-Roller ist auch die kalifornische Ideologie gleichzeitig brutal, insofern sie nur das Recht des ökonomisch Stärkeren kennt, wie kindisch, insofern sie sich weigert, ihre infantilen Träume von einer Wunderwunscherfüllungstechnik aufzugeben. "Ohne offensichtliche Rivalen erscheint der Triumph der kalifornischen Ideologie total zu sein", schrieben Barbrook und Cameron damals, und vermutlich war das der einzige Irrtum, der ihnen in ihrem hellsichtigen Aufsatz unterlief. Denn totaler geht immer, der Blick auf die Kreuzung einer deutschen Großstadt im Juli 2019 beweist es.

Was ist sonst noch so passiert in diesem Monat? Äthiopien pflanzt 350 Millionen Bäume gegen den Klimawandel, Boris Johnson wird britischer Premierminister, und Ursula von der Leyen wird zur EU-Kommissionspräsidentin gewählt. Und ich? Ich war im Juli oft traurig. Geld allein macht auch nicht glücklich, aber besser im Taxi weinen als im Bus, sagt man. Auch auf dem E-Roller kann man weinen. Am besten, es fährt dann hinten noch einer mit, der sich an dir festhält.