Unter einem düsteren roten Abendhimmel rollen die Wellen schäumend heran. Jahrzehntelang schauten vor allem Regierungspolitiker auf die Brecher, die Emil Nolde 1936 gemalt hatte. Von 1992 bis 1999 hing das Gemälde im Bonner Büro der Bundesinnenminister Rudolf Seiters, Manfred Kanther und Otto Schily, 2006 holte sich dann Angela Merkel die schwere See ins Berliner Kanzleramt. Wirkte das Bild der Naturgewalt beruhigend auf die Mächtigen? Im April dieses Jahres war Schluss damit, als eine Nolde-Ausstellung in Berlin eröffnete – und zusammen mit dem Wellenbild auch eine Gartenansicht des Künstlers aus Merkels Büro gespült wurden.

Wie die ZEIT schon vor der Eröffnung berichtete, zerstörten die Kuratoren Bernhard Fulda und Aya Soika mit ihrer Forschung die "deutsche Legende" des angeblich in der NS-Zeit widerständigen Malers (ZEIT Nr. 15/19). Im Museum Hamburger Bahnhof breiteten sie zusammen mit dem Direktor der Nolde-Stiftung, Christian Ring, Belege dafür aus, dass Nolde 1933 Hitler einen Plan zur "Entjudung" Deutschlands vorlegen wollte und sich in seinem Antisemitismus bis Kriegsende weiter radikalisierte. Die Nazis hatten Nolde auch niemals ein Malverbot erteilt, wie nach 1945 gern behauptet wurde. Noch vor der Ausstellungseröffnung ließ das Kanzleramt dann reichlich verklemmt wissen, dass man weder das für die Ausstellung ausgeliehene Wellenbild noch den Blumengarten Alsen mehr bei sich hängen haben wolle.

Ein Vorgang, der eine wochenlange Diskussion darüber auslöste, ob Bilder für die Ideen und Taten ihrer Urheber haften – und welche Kunst sich für die Repräsentation im Machtzentrum der deutschen Demokratie eignet. Im Feuilleton dieser Zeitung schrieb Florian Illies anlässlich des Verschwindens der Bilder aus dem Kanzleramt über "die Sehnsucht unserer prüden, verängstigten Zeit nach einer besenreinen Kunstgeschichte" (ZEIT Nr. 16/19). Und Maximilian Probst erzählte seine ambivalente Familiengeschichte mit dem befreundeten Nolde – der Widerständler Christoph Probst hatte ein Nolde-Bild bei sich hängen – und warnte davor, das Abhängen eines als anstößig empfundenen Bildes aus dem Kanzleramt mit der Bedrohung einer radikalen rechten Revolte zu vergleichen (ZEIT Nr. 18/19).

Den Brecher betrachteten und bestaunten in der fünfmonatigen Ausstellung des Hamburger Bahnhofs jedenfalls so viele Menschen wie niemals zuvor. Die Schau, die den Nachkriegsmythos Emil Nolde endgültig implodieren ließ, wurde ein riesiger Erfolg: Rund 150.000 Besucher kamen bis September, das Museum musste den Zutritt reglementieren, sonst wären es noch mehr geworden.

Doch wo sind die beiden abgehängten Bilder jetzt? Man findet sie in einem Lagergebäude am Rande Berlins, dort, wo die Neue Nationalgalerie, der die Bilder gehören, ihre Schätze aufbewahrt, solange sie saniert wird. Ein fensterloser Raum, von der hohen Decke rauscht es laut und gleichmäßig aus strahlend blau umhüllten Lüftungsrohren. Es sei ein beruhigendes Geräusch, sagt der sympathische Depotverwalter des Museums, der nun eine der vielen großen Schubwände herauszieht und eine Restauratorenlampe anschaltet. Oben hängt der Blumengarten, auf den Angela Merkel lange schaute. Unter diesem ein weißes Bild mit drei schwarzen großen Brandmalen von Otto Piene, einem jener Künstler, die nach dem Zweiten Weltkrieg Zero gründeten, die Stunde-null-Gruppe der Kunst.

Die Schubwände sind nicht kuratiert, die Bilder werden nach Eingang an einen passenden Platz gehängt, rund 1000 Werke sind hier so nebeneinandergepuzzelt. Der Verwalter zieht eine zweite Wand heraus, die Brecher tauchen auf. Auch sie haben ganz zufällig einen bedeutsamen Platz gefunden: Über ihnen hängt ein Porträt Ernst Jüngers, Rudolf Schlichter hat den Schriftsteller 1929 vor einem ebenfalls dunkelrot dräuenden Hintergrund gemalt. (Ein Kunstdruck des Gemäldes wird heute für 12,80 Euro beim Medienversand der neurechten Jungen Freiheit angeboten.) Ist das hier ein Endlager? Nein, das Museum will die beiden Nolde-Bilder zur Wiedereröffnung der Neuen Nationalgalerie zeigen. Und auch ein Regierungssprecher meldet sich: Die Bundeskanzlerin sei schon im Frühjahr zu dem Ergebnis gekommen, "einstweilen die weiße Wand ohne ein neues Bild anstelle der Nolde-Bilder schön zu finden und es dabei zu belassen."