Im September hatte die ZEIT unter der Überschrift "Die Kaltmacher" über das sogenannte Geoengineering berichtet. Soll man etwa Sonnenreflektoren in den oberen Luftschichten anbringen, um den Temperaturanstieg der Atmosphäre auszugleichen? Soll man den Ozean mit Eisen düngen, damit mehr Plankton wächst, das überschüssige Klimagase aus der Luft saugen kann? Maschinen erfinden, die die Welt abkühlen? Die Autoren recherchierten damals auch in China, und sie merkten bald: Hinter der Diskussion über das Geoengineering in der Volksrepublik verbergen sich noch weitere wichtige Themen.

Das Büro von Cao Long liegt in einem roten Backsteingebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert, neben einer Wiese mit einer großen Mao-Statue. Es ist ein schmuckloser Raum mit einem Schreibtisch und ein paar Umzugskartons, und auch das Türschild ist nicht sehr informativ. "Zimmer 307, Institut für Geowissenschaften" steht da lediglich.

Es sieht nicht danach aus, aber von diesem Zimmer Nummer 307 aus wird ein Forschungsprogramm gesteuert, das eines Tages über die Zukunft Chinas und vielleicht der ganzen Erde entscheiden könnte. Cao Longs Institut an der Zhejiang-Universität in Hangzhou, 160 Kilometer südwestlich von Shanghai, hat als eine von vier Forschungseinrichtungen 2015 einen Auftrag des Pekinger Wissenschaftsministeriums erhalten. Topwissenschaftler aus der ganzen Volksrepublik sollen die Grundlagen von Technologien erforschen, die den Klimawandel aufhalten könnten.

Lange ordnete man diese Art von Forschung eher als exzentrische Spinnereien ein, aber heute widmen sich ihr etliche ernst zu nehmende Wissenschaftler auf der ganzen Welt. Sie denken darüber nach, ob es einen Plan B gibt, falls die Bemühungen zur Reduktion von Treibhausgasen scheitern und die Erde und ihre Atmosphäre sich zu schnell erhitzen. Gibt es dann einen Notfallplan, kann man die Erhitzung mit technischen Mitteln eindämmen? Die meiste Forschung dazu geschieht in den USA – aber das Thema wird zunehmend auch anderswo entdeckt.

Als die ZEIT-Recherchen im Mai begannen, gehörte dazu auch eine Reise nach Hangzhou, zu dem Forscher Cao Long. Der 43-Jährige ist ein Experte für Computermodelle, mit denen man berechnen kann, wie bestimmte technische Eingriffe gegen die Erderwärmung wirken. Er erzählte damals, dass er helfe, ein Team von etwa 30 angesehenen Wissenschaftlern zu koordinieren, die von der Regierung auf das Geoengineering angesetzt seien. Er drückte sich dabei äußerst vorsichtig aus.

"Bislang sind es rein theoretische Gedankenspiele." Dieser Satz war Cao wichtig. China sei kein Vorreiter auf diesem Gebiet, die USA trieben die Forschung viel aggressiver voran. Bislang verfolge China in der Klimapolitik ein ganz anderes Ziel: Erst mal sollten die CO₂-Emissionen verringert werden.

Doch ein paar Bemerkungen, die Cao in dem Interview fallen ließ, hallten noch nach Erscheinen des damaligen Artikels nach. "Egal, wie wir oder andere Länder uns anstrengen – die Reduktion von Emissionen wird nicht ausreichen, um den Klimawandel zu stoppen", hatte der Forscher zum Beispiel gesagt. Er hatte auch hinzugefügt, er gehe fest davon aus, dass eines Tages das Geoengineering in die Praxis umgesetzt werde. Staaten, die sich heute einen Wissensvorsprung erarbeiten, würden dann morgen im Vorteil sein.

Im Vorteil? Häufig wird die Erderwärmung als ein globales Problem gesehen, das globale Probleme verursacht und das man global in den Griff bekommen muss. In Wahrheit ist es nicht ganz so. Der Effekt schlägt sich nicht unbedingt gleichmäßig nieder. Chinesische Forscher, das merkt man in Gesprächen wie jenem mit Cao, sind sich deshalb auch der politischen Bedeutung des Geoengineerings bewusst: Ein Land, das beispielsweise versucht, den Planeten durch Sulfatpartikel in der Stratosphäre abzukühlen, legt sich dabei unter Umständen mit anderen Staaten an. "In manchen Gegenden werden die Temperaturen sinken, in anderen aber steigen", sagt Cao voraus.

Daher lautet ein Ziel der chinesischen Forschung über Geoengineering und Klimawandel: möglichst genau erfahren, wo es wärmer wird und wo nicht – und welche Konflikte dabei entstehen könnten. Sie befragen Wissenschaftler wie Cao, und der sagt: "Wenn die USA vorangehen und anfangen, Sulfat in die Stratosphäre zu injizieren, kann das Klima in China sich verschlechtern. Umgekehrt kann es negative Folgen in Europa oder Afrika haben, wenn China experimentiert. Im schlimmsten Fall kann es deswegen zu Kriegen kommen."