Wir sind früh dran mit unserem Jahresrückblick. Aber es war auch genug los, um das Treiben noch einmal in Ruhe Revue passieren zu lassen, ehe die nächsten Korken knallen. In dieser Geschichte blicken wir auf den Februar zurück.

Journalisten weinen nicht, jedenfalls nicht, wenn eine Sache wirklich zum Weinen ist. Tränen vergießen kann man als Rezensent im Theater oder im Kino, nicht aber bei einer Recherche. Wer echten Betroffenen gegenübertritt, sollte sich zusammenreißen, statt sie mit der eigenen Rührseligkeit zu belasten. Deshalb schäme ich mich ziemlich, dass mir an jenem Februartag, als die Missbrauchsopfer der katholischen Kirche vor der Engelsburg in Rom demonstrierten, sofort die Tränen kommen, kaum dass der erste survivor, wie sie sich selbst nennen, zu reden beginnt.

Man muss sich einen gleißend hellen Wintermorgen vorstellen, die marmornen Engel auf der Ponte Sant’Angelo posieren mit ausgebreiteten Schwingen vor dem eisblauen Himmel. Es ist die Art Termin, um den einen ahnungslose Kollegen zu Hause im grauen Hamburg beneiden. Und eigentlich sagt Peter Saunders, der jetzt neben das übermannshohe Holzkreuz tritt, ja nichts Neues. Der Brite, Mitbegründer des Betroffenen-Netzwerkes Ending Clergy Abuse (ECA),will "nur kurz eine Geschichte erzählen: über einen Jungen, der von einem Priester aus dem Schlafsaal geholt wurde. Der Priester befahl dem Kind, seine Arme auszubreiten, wie Jesus am Kreuz. Nackt. Dann fotografierte er es und schickte das Foto um die Welt." Saunders braucht für die Schilderung seiner eigenen Tragödie kaum zwei Minuten. Vielleicht ist es das, was mich umhaut. Vielleicht sind es seine ausgebreiteten Arme. Vielleicht ist es auch die Kulisse der Engel, die die Insignien himmlischer Gerechtigkeit in ihren Händen halten, während doch jeder hier weiß, dass das allermeiste in der katholischen Kirche verübte Unrecht an Kindern ungesühnt blieb, weil auch sie die Täter schützte, weltweit.

Nun also Rom. Während ich die anderen Opfer anhöre und um einen professionellen Gesichtsausdruck ringe, laufen mir die Tränen in den Schal. Ich schlage den Mantelkragen hoch, damit der Kollege von der ARD mich nicht für hysterisch hält. Die Opfervertreter – Männer und Frauen, Junge und Alte aus fünf Kontinenten – stehen mit dem Rücken zur Engelsburg und mit Blick zur Kuppel des Petersdoms. Eben hat das Bischofstreffen zum Missbrauch Minderjähriger begonnen, ein in der Kirchengeschichte unerhörtes Ereignis. Tatsächlich hat das Orga-Team des Papstes unter Leitung des deutschen Jesuiten Hans Zollner erwirkt, dass die Bischöfe jeden Tag einen Opferbericht hören müssen, was einer Revolution gleichkommt. Leider obliegt die Auswahl der Opfer dem Vatikan, was bedeutet, dass die Täterorganisation weiter die Aufklärung kontrolliert. Saunders von den survivors sagt, der Vatikan könne den Heiligen Geist beschwören, er walte ja doch nur bei den Opfern: "Weil er ein Geist der Gerechtigkeit ist."

Am 24. Februar 2019, drei Tage nach der Demonstration, folgt das Finale des Bischofsgipfels. Ich hätte mir einen Kniefall des Papstes gewünscht. Stattdessen hält er eine wenig demütige Rede, ein Mea Culpa, das sogleich in ein Lamento über den Missbrauch außerhalb der Kirche kippt. Getreue des Papstes sind entsetzt, Opferverbände empört. Ich weiß nicht, wie ich jetzt noch schreiben soll, dass dieser Gipfel besser als die üblichen Bischofssynoden war. Erstmals mit eigener Website. Erstmals lagen offizielle Reden sofort in den Weltsprachen vor. Erstmals fanden Pressekonferenzen im Audimax statt. Und dann das nie Dagewesene, dass ein Dutzend demonstrierende Opfer spontan in den Vatikan geladen wurde zu einer für die Kirchenvertreter höchst ungemütlichen Runde, bei der auch gebrüllt wurde. Saunders und seine Leute fühlten sich dennoch um eine ehrliche Anhörung betrogen: Das Treffen fand hinter verschlossenen Türen statt, Franziskus fehlte.

Mein Februar 2019: Müsste ich ihn mit einem Gefühl beschreiben, wäre das Scham. Vor allem darüber, dass die Opfer noch immer als ihre eigenen Anwälte agieren müssen. Auf dem Petersplatz forderten sie auf Postern mit dem Slogan "March to Zero" null Toleranz gegenüber Tätern. Eins dieser Poster hängt nun in meinem Büro und erinnert mich daran, dass Heulen nichts bringt. Es erinnert mich an meine Wut, als die römische Polizei den Demonstranten das Holzkreuz wegnahm. Es erinnert mich daran, dass der deutsche Rechtsstaat die systematische Vertuschung von Missbrauch durch die Kirchen nicht ahndet. Es erinnert mich an all die Opfer, die von uns Journalisten noch Fallberichte erhoffen: Wo es kein Recht gibt, soll wenigstens die Wahrheit ans Licht.

Mein Februar hatte am Monatsersten mit dem Leak einer Liste von 84 des Kindesmissbrauchs beschuldigten Priestern allein in den US-Bistümern San Bernardino und Riverside County begonnen. Zu dem Zeitpunkt gaben Amerikas Kirchen Hunderte Namen mutmaßlicher Täter heraus, die nie vor Gericht gestanden hatten. Ich interviewte einen amerikanischen Jesuiten über diese heikle Praxis später Vergeltung. Ähnlich brisant ging es weiter. Am 2. Februar traf sich eines der mutigsten Missbrauchsopfer der Kirche, die ehemalige Ordensfrau Doris Reisinger, mit einem der mächtigsten Kardinäle, Christoph Schönborn, er sagte: "Ich glaube Ihnen." Die Verhandlungen, ob die ZEIT dabei sein dürfe, dauerten eine Woche. Nebenbei erbat ich von den genervten Katholiken Monika Grütters und Wolfgang Thierse kirchenpolitische Kommentare. Und ich kaufte bei der Reporterlegende Walter Robinson vom Boston Globe einen viel zu teuren Text über die einstigen Enthüllungen seines Spotlight-Teams ein.

Mein Februar bestand aus lauter Missbrauchsstreit, nach einem halben Jahr der Dauerskandale. Im August 2018, als der Bericht des Generalbundesanwaltes von Pennsylvania über sexuelle Gewalt in den dortigen Bistümern öffentlich wurde, war ich in die Recherchen eingestiegen: USA, Australien, Deutsche Bischofskonferenz. Allein meine Aktenordner für die Zeit von August 2018 bis Januar 2019 füllen einen Regalmeter. Die kiloschwere Kiste von Papieren aus dem Februar harrt noch der Durchsicht.

Von Rom aus flog ich direkt nach Berlin, weil der Bundespräsident zum Podium über Religion eingeladen hatte. Anderntags moderierte ich in Hamburg ein Streitgespräch mit dem Organisator des Missbrauchsgipfels. Ein Herr aus dem Publikum erzählte mir, dass er sich nun seit 2010 mit der Aufklärung des eigenen Falles befasse. Sein Bruder, ehemaliges Heimkind wie er, habe dies auch versucht, es aber nicht ausgehalten und Selbstmord begangen.

Mittlerweile besitze ich einen Ordner nur mit Zuschriften Betroffener. Zuletzt erreichten mich zwei Emails von Opfervertretern, eine aus Rheinland-Pfalz, eine aus Schleswig-Holstein. Ich kenne beide Männer, einer ist suizidgefährdet, der andere sterbenskrank. Beide zogen jahrelang hartnäckig gegen die Vertuscher in ihrer Kirche zu Felde, ich wüsste nicht, was ein Journalist noch besser machen könnte. Wenn ich an sie denke und dann an den weinerlichen Betroffenheitston der kirchlichen Missbrauchsbeauftragten, nehme ich mir vor: auf keinen Fall heulen.

Anm. d. Red.: Im Originalartikel wurde der Name des Netzwerkes Ending Clergy Abuse falsch wiedergegeben. Wir haben das nun korrigiert.