ZEIT: Was können Unternehmen aus der Befragung lernen?

Steinwede: Dass es einen klaren Auftrag gibt, der lautet: Wenn ihr eure Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ihre Interessen ernst nehmen wollt, thematisiert den Klimawandel, geht in den Dialog, was in den jeweiligen Bereichen des Betriebs dagegen unternommen werden kann. Dieses Thema beschäftigt die Menschen in ihrem Alltag, also auch in ihrem Arbeitsalltag, enorm. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass die Beschäftigten bei der Frage nach möglichen Lösungen nicht auf ihre Chefs, sondern auf die Politik zeigen. Dies sollte den Unternehmen auf keinen Fall als Ausrede dienen, das Thema zu ignorieren.

ZEIT: Sie haben in diesem Zusammenhang auch nach dem möglichen Verzicht auf Dienstwagen oder insgesamt auf individuelle Mobilität gefragt.

Steinwede: Das Auto ist bei den Beschäftigten in Deutschland ganz fraglos die heilige Kuh. Ein Verzicht darauf kommt im Augenblick nicht infrage. Das Auto ist unverzichtbarer Teil ihres Lebens.

ZEIT: Und wird es das immer bleiben?

Steinwede: Politik, Wirtschaft und Bürger sind sich einig, dass rasch etwas getan werden muss, um den Klimawandel zu bremsen. Ausgenommen von dieser Forderung ist nach wie vor die individuelle Mobilität. Wenn, dann geht es dabei um die Frage nach der Antriebsenergie, nie um Verzicht.

ZEIT: Woran mag das liegen?

Steinwede: Nicht zuletzt die Politik ist hier eine entscheidende Bezugsgröße. Sie erzieht die Menschen auch weiterhin zu Autofahrern. Die Diskussion um die Zuschüsse für Elektroautos ist das jüngste Beispiel: Hier soll individuelle Mobilität staatlich gefördert werden, und zwar, was die Zuwendungen betrifft, interessanterweise ohne Bedürftigkeitsprüfung.

"Das Auto ist unverzichtbarer Teil des Lebens der Beschäftigten."
Jacob Steinwede

ZEIT: In der Befragung wird ja nach Alter und Geschlecht, aber auch nach Betriebsgröße, Einkommen und Branche differenziert. Sie sagten vorhin, dass – im Großen und Ganzen – der Klimaschutz bei allen Befragten ähnlich hoch priorisiert wird. Gab es einzelne Punkte, in denen Ihnen doch Abweichungen auffallen?

Steinwede: Es gibt ein zentrales Thema, wo wir – innerhalb des Branchenspektrums – bemerkenswerte Unterschiede festgestellt haben. Das war die Frage danach, ob der Klimawandel wissenschaftlich belegt sei. Hier stimmen 75 Prozent der Befragten insgesamt zu, 25 Prozent widersprechen. In den Branchen Bergbau, Energie, Chemie und Metall jedoch liegt der Wert mit 44 Prozent fast doppelt so hoch.

ZEIT: Wie erklären Sie sich das?

Steinwede: Die Politik zur Reduzierung von CO₂, zur "Dekarbonisierung", wie die Fachleute das nennen, ist ja kein konfliktfreier Vorgang. Hier kommen ganz klar auch gegenläufige Interessen bestimmter Wirtschaftszweige zum Ausdruck. Und diese Ansichten werden dort auch von Belegschaften geteilt.

ZEIT: Im vergangenen Jahr haben wir mit Ihnen nach der Wichtigkeit von ganz anderen Themen in Betrieben gefragt, zum Beispiel nach dem "Wohlfühlen am Arbeitsplatz", nach der "Sicherheit des Arbeitsplatzes" oder nach der Wichtigkeit einer guten "Work-Life-Balance". Welche Bedeutung hat der Klimawandel im Vergleich zu diesen Themen bei den Erwerbstätigen?

Steinwede: Die "Wichtigkeit" für die Menschen, nach der wir gefragt haben, liegt beim Klimaschutz deutlich höher – was in sofern bemerkenswert ist, wenn man berücksichtigt, dass das Thema im Vergleich zum Beispiel zur Arbeitsplatzsicherheit ein vergleichsweise junges ist.