Wir sind früh dran mit unserem Jahresrückblick. Aber es war auch genug los, um das Treiben noch einmal in Ruhe Revue passieren zu lassen, ehe die nächsten Korken knallen. In dieser Geschichte blicken wir auf den September zurück.

Mein September beginnt mit dem Mann, mit dem ich auch schon den August verbracht habe. Wobei: Zu sagen, ich hätte Zeit mit Michael Kretschmer verbracht – das ist echt untertrieben. Meine Frau hat mich zwischendurch per SMS gebeten, darauf zu achten, dass ich nicht auf jedem Social-Media-Foto des sächsischen Ministerpräsidenten irgendwo im Hintergrund zu sehen bin. Die Mitglieder von Kretschmers Wahlkampfteam haben manchmal besorgt nachgefragt, wenn ich an einem seiner Termine ausnahmsweise mal nicht teilgenommen habe. Und Kretschmer selbst? Na ja, war teils amüsiert und teils auch ein bisschen genervt von dem Schatten, den er nicht loswurde. Am letzten Tag des Wahlkampfs saß ich mit in seinem Auto. Eigentlich wollten wir ein Interview führen, aber er schlief einfach ein. Ich habe beschlossen, das als Vertrauensbeweis zu werten.

Dann, am Vormittag des 1. September, am Tag der sächsischen Landtagswahl, auf die ich den ganzen Sommer über hingefiebert hatte, kommt er mir schon wieder entgegen, neben ihm seine Frau. Die beiden laufen ins Wahllokal, irgendwo am Dresdner Stadtrand, um ihre Stimme abzugeben. Ein Termin, zu dem Kretschmers Partei extra eingeladen hatte, eine Wand von Kameraleuten hat sich aufgebaut, um zu fotografieren, wie die Kretschmers zwei Wahlzettel in eine kleine Box stecken. Für einen Journalisten ist das eigentlich ein sinnloses Ereignis, was passiert da schon, das sich aufzuschreiben lohnen würde? Aber für mich ist es, in diesem Moment, irgendwie wichtig. Eine Art Abschluss. Das will ich jetzt auch noch sehen. Als Kretschmers Frau an mir vorbeiläuft, habe ich das Gefühl, dass sie ein bisschen spöttisch in meine Richtung lacht. Vielleicht kennt sie mich auch bloß von seinen Social-Media-Fotos.

Seit zwei Jahren begleite ich Kretschmer nun bei seinem Versuch, in Sachsen des Populismus Herr zu werden; die AfD kleinzuhalten; irgendwie dafür zu sorgen, dass die aufgeraute politische Lage, die schlechte Stimmung in diesem Bundesland eine kleine Linderung erfährt. Nun, am 1. September, abends, gibt es endlich ein Ergebnis. Er hat die Wahl gewonnen mit seiner Methode, von Dorf zu Dorf zu fahren und mit jedem Bürger persönlich zu streiten. Aber die AfD ist trotzdem riesig und stark, sie holt 27,5 Prozent. Dass deutlich mehr als ein Viertel der sächsischen Wähler für die AfD stimmt: Das ist krass. Kretschmer wirkt, sobald die Zahlen da sind, einerseits froh über seinen Sieg. Aber andererseits auch innerlich beschwert.

Zwei Tage nach der Wahl, am Dienstag, haben mein Kollege Henning Sußebach und ich einen Interviewtermin mit ihm. Für unser neues Ressort "Streit" setzen wir den Ministerpräsidenten mit drei Wählern zusammen, die der AfD zuneigen, und diese drei Wähler beharken Kretschmer zeitweise, als wäre er das personifizierte Böse. Später wird er über diesen Moment sagen: Es sei schon krass, wie viel man reden und reden könne, und dennoch kämen einem manche Leute keinen Schritt entgegen. Wie könne es sein, dass man so rackere, und die Leute liefen trotzdem in Scharen den Populisten in die Arme?

Alles dreht sich ja um diesen Populismus, nicht nur hier im Osten. Der September ist ein Monat, in dem auch schon wieder alles, irgendwie, damit zu tun hat. Ich bekomme das immer so aus dem Augenwinkel mit, wenn ich irgendwo im Zug sitze und aufs Smartphone schaue: In Italien entscheiden sich Fünf Sterne und Sozialdemokraten für eine Koalition, deren Hauptzweck es ist, die rechte Lega aus der Regierung herauszuhalten. Großbritannien streitet sich, ob man für den Brexit wochenlang das Parlament in die Zwangsferien schicken darf. In Österreich wird Norbert Hofer Nachfolger von Heinz-Christian Strache als Chef der rechtspopulistischen FPÖ, weil Strache nach seiner Ibiza-Affäre gehen musste. Ach ja: Die SPD fängt an, Regionalkonferenzen abzuhalten, um in einem Mammut-Castingverfahren ihre neuen Vorsitzenden zu finden. Irgendwie hat ja auch die Schwäche der SPD mit dieser neuen, wilden Zeit zu tun.

Von Mitte September an bin ich mit Bodo Ramelow unterwegs, dem linken Ministerpräsidenten von Thüringen, und erlebe, dass viele der sächsischen Probleme dieselben sind, mit denen er sich in Thüringen herumschlägt, und dass das wiederum aber auch die Probleme sind, die man in Österreich oder in Italien sehen kann. Ramelow hat eine italienische Frau, die Lage in Italien mit der starken Lega beschäftigt ihn, treibt ihn an. Auch dieser Mann macht sich Sorgen.

Man muss sich entscheiden, wenn man in diesen Wochen durch Ostdeutschland fährt. Man kann schnell schlechte Laune bekommen, man kann sich fragen: Was nützt das eigentlich alles? Aber es gibt auch einen grundständigen Optimismus, den sich alle irgendwie aneignen, Journalisten genauso wie Politiker übrigens.

Die Journalistenkollegen, mit denen man spätabends in irgendeiner Dorfkaschemme sitzt und beobachtet, wie irgendein Politiker wieder mal von irgendeinem Bürger angebollert wird – das sind echte Kampfgenossen. Wir haben, im Lauf dieses ostdeutschen Wahlkampfsommers, ein ziemlich fundiertes Wissen über die Bratwurstqualität zwischen Görlitz und Eisenach gesammelt (die Thüringer sind nicht immer besser). Wir wissen aber auch, dass die Wütenden in Bautzen anders unzufrieden sind als die Wütenden in Gera. Wir können bestimmte Klagelieder mehrstimmig mitsprechen. Trotz allem spüren wir: Diese Demokratie ist verdammt lebendig. Hier wird gerade echt gekämpft. Und das Gute an Kämpfen ist, dass sie nicht entschieden sind, solange sie nicht vorbei sind.