Drucken Sie etwa noch jede (zweite) E-Mail aus? Gibt es in Ihrer Betriebskantine noch Plastikbecher für den Coffee to go? Und haben Sie noch nie überlegt, Ihren Chef nach einem Dienstfahrrad zu fragen oder die Unternehmensführung nach der Möglichkeit, Dienstreisen in Zukunft statt mit dem Flieger lieber mit der Bahn zu absolvieren – obwohl das länger dauert?

Offensichtlich spielt das Thema "Klimaschutz" in die tägliche Arbeitswelt hinein. Wir wollten wissen, welche Rolle das Thema konkret für die Erwerbstätigen spielt. Worauf sind Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in ihrem Arbeitsumfeld zu verzichten bereit, um – beispielsweise – den CO₂-Ausstoß zu reduzieren? Und wer ist für Veränderungen in Richtung einer möglichen Klimaneutralität zuständig: das Unternehmen, die Belegschaft – oder etwa der Staat?

Wie vor einem Jahr bei den "Fragen des Jahres 2019" haben wir nach der Wichtigkeit des Themas und einzelner seiner Aspekte gefragt (siehe Grafik 1). Dazu wollten wir wissen, auf welche Weise, wie genau sich die Menschen von diesen Fragen betroffen fühlen. Hören und lesen sie darüber eher in den Medien? Spielt das Thema bei der Arbeit eine Rolle, und wird es unter Kollegen diskutiert? Oder ist das ein Thema, das sie vor allem persönlich und im privaten Umfeld betrifft (siehe Grafik 2)?

1. Umweltschutz in deutschen Unternehmen

Was ist den Beschäftigten im Arbeitsleben wichtig?

© ZEIT-Grafik

Speziell beim Thema Klimawandel schien uns interessant, zu erfahren, wer nach Einschätzung der Beschäftigten bei dem Thema vorrangig gefordert ist: die Wirtschaft (was konkret heißen soll ihre Chefinnen und Chefs), die Politik oder eher die Bürger und damit sie selbst (siehe Grafik 3)? Und schließlich haben wir noch einzelne Fragen gestellt, die uns in diesem Zusammenhang spannend erschienen, zum Beispiel jene, ob "der Klimawandel wissenschaftlich erwiesen ist". Auch auf diese Frage, sagte uns – im Interview auf der gegenüberliegenden Seite – Studienleiter Jacob Steinwede, gab es durchaus differenzierte Ergebnisse. Dies traf im Übrigen auf viele Themen zu. Hinzu kamen einige Überraschungen, wie zum Beispiel die Erkenntnis, dass die Wichtigkeit des Themas – in all seinen Differenzierungen – im Großen und Ganzen keine Altersunterschiede kennt (siehe Grafik 1). Klimaschutz ist in den Betrieben ein Thema, das ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter genauso beschäftigt wie die jungen. Es spricht viel dafür, dass der Klimawandel auch in den Betrieben eine der "Fragen des Jahres 2020" sein wird.

2. Klimaschutz Überall

Aber wo dominiert das Thema wirklich?

© ZEIT-Grafik

Bürger an Politik: Macht ihr mal!

In der Fridays-for-Future-Bewegung konnte man im vergangenen Jahr eine Art Selbstermächtigung der Jugend beim Thema Klimawandel sehen. Die Dramatik und Dynamik des Themas wurde nicht mehr von den Politikern vorangetrieben, sondern von dieser Bewegung – die allerdings von den Politikern erwarten, dass sie ihre Forderungen jetzt umsetzen. Diese Bilder vor Augen, ist das Ergebnis der Befragung im doppelten Sinne bemerkenswert. Zunächst scheinen die Zahlen die Bilder zu bestätigen: Wenn es um Umwelt und Klima geht, sehen 45 Prozent der Erwerbstätigen zuerst die Bürgerinnen und Bürger selbst in der Pflicht, dann die Politik (32 Prozent), und erst danach ist die Wirtschaft (22 Prozent) gefordert. Das bedeutet, dass die Befragten vor allem die Bürger dafür verantwortlich finden, das Thema voranzutreiben. Es bedeutet aber nicht, dass sie sich langfristig selber dafür verantwortlich halten, Lösungen zu finden und umzusetzen.

"Themenmobilisierung" nennen die Sozialforscher das: "Es sind die Bürgerinnen und Bürger, die derzeit den Handlungsdruck erzeugen." Wenn es jedoch um die wichtige Frage geht, wer sich der Herausforderung langfristig erfolgreich stellen sollte, weisen die Beschäftigten den Großteil der Verantwortung von sich – und auch von ihren Arbeitgebern: 64 Prozent der Befragten geben an, das Unternehmen, bei dem sie arbeiten, tue bereits genug für Umwelt und Klima. Zum Schutz von Umwelt und Klima sieht die erwerbstätige Bevölkerung in Deutschland mit hoher Mehrheit staatliche Vorgaben für (nicht: durch) die Wirtschaft als richtungsweisend an (81 Prozent). Regelungen vornehmlich "durch den Markt" erfahren hingegen deutlich geringere Zustimmung. Zusammenfassend könnte man sagen: Für die Mobilisierung fühlen sich die Menschen, also auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Unternehmen zuständig – wenn es aber um konkrete Maßnahmen geht, auch solche, die den eigenen Konsum oder die Praxis in den Unternehmen betreffen, heißt es mit Blick auf die Politik: "Macht ihr mal!"

3. Selbst ist der Arbeitnehmer

Wenn es um Umwelt und Klima geht, wer ist gefordert?

© ZEIT-Grafik

Lasst mir mein Auto!

Der Begriff "ambivalent" könnte für die Ergebnisse dieser Befragung erfunden worden sein. Dies gilt auch für eines der emotional aufgeladensten Themen, für die Frage der individuellen Mobilität. Zunächst die Fakten: 1) Der Großteil der Themen, die mit Mobilität zu tun haben, wird im Arbeitsleben für relativ weniger wichtig gehalten. 2) Die steuerliche Förderung von Dienstwagen ist laut 68 Prozent der Befragten nicht mehr zeitgemäß. Andererseits: Mobil sein ist – auch bei der Arbeit – wichtig. Es soll – grundsätzlich – weiterhin Dienstwagen geben. Das sagen 56 Prozent aller Befragten, also auch die große Mehrheit, die ihrerseits noch nie einen Dienstwagen fuhr. Die einzige Handlungsempfehlung, auf die sich die Befragten mehrheitlich einigen konnten, war die Forderung nach mehr sicheren Abstellplätzen für Fahrräder. Na, was denn nun? Ist das Thema "Klimawandel" jetzt von erheblicher Dringlichkeit, oder reichen ein paar Fahrradständer? Man wird ja wohl zur Rettung der Welt auf Dienstwagen verzichten können – oder etwa nicht? Die Wissenschaftler von infas sagen dazu: "Ein gestiegenes Problembewusstsein bedeutet nicht gleichzeitig, dass man auch schon zu konkreten Verhaltensänderungen bereit ist." Der Studienleiter Jacob Steinwede spricht im Gespräch vom Automobil als "heiliger Kuh".

Zwar gilt Klimawandel als unumstößlich relevantes Thema. Mit Blick auf eine konkrete Veränderungsbereitschaft der Erwerbstätigen zeigt sich jedoch Zurückhaltung – vor allem in der Frage der individuellen Mobilität. Die Sozialforscher sagen: Die Bedeutung des eigenen Automobils und der freien Entscheidung über die Nutzung von Verkehrsmitteln wie dem Flugzeug sei in Deutschland stark verwurzelt, nicht nur im konkreten Wirtschaftsleben, sondern auch kulturell. Individuelle Mobilität sei eine gewissermaßen unveräußerbare Größe. Und wie erklären sich die Menschen diese, ihre eigene Gespaltenheit? Man halte sich schon dann für umwelt- und klimabewusst, wenn Müll getrennt und Plastik vermieden werde, lautet die Erkenntnis von infas.