Der Ski-Verkehr im verschneiten Gebirge ist ein anarchischer Bereich; es gibt keine Überwachung. Das sei auch richtig so, sagen die Neoliberalen unter den Bergbenutzern. Schließlich lenke ein Skifahrer ja kein Fahrzeug, sondern nur sich selbst den Berg hinab, und das sollte er in aller Freiheit tun dürfen. Vorsichtige Zeitgenossen halten dagegen, dass ein Skifahrer im Schuss Autogeschwindigkeit erreicht, ohne dass ihm eine Bremse oder ein Airbag zur Verfügung stünde. Unsere Erfahrung ist: Zum Problem für die Allgemeinheit wird der Skifahrer verstärkt am Nachmittag, wenn er auf der Skihütte fett gegessen hat und den müden Leib dann ins Tal schaffen muss. Denn damit die panierten Schnitzel mit Pommes und die Brettljause, also trockene, schartige Speisen mit rauen, Widerstand bietenden Oberflächen, ihrerseits gut rutschen, muss das eine oder andere hinterhergeschüttet werden. Auf 1800 Meter Höhe schmeckt das Bier besser als etwa in Dinslaken. Die auf den Hütten gespielten Musikstücke (Schlager, in denen der Sänger Du zu uns sagt und Tipps für ein gelingendes Leben gibt) steigern noch die Stimmung, sodass der Skifahrer anschließend furchtlos die Hütte verlässt.

Vermutlich ist die Zahl der Angeheiterten oder seriös Berauschten bei der letzten Nachmittagsabfahrt größer als die der betrunkenen Heimfahrer in einer Oktoberfestnacht. Aber es wird am Berg über diesen Umstand nicht so gern gesprochen. Nur die Rettungshubschrauber, die recht häufig neben den Mittelstationen der Lifts starten, jeweils beladen mit einem frisch Verletzten, verraten, dass das sportiv entfesselte Fahren seinen Preis hat.

Ist es unter solchen Vorzeichen nicht ein wenig kühn, an einer Weinprobe teilzunehmen, die buchstäblich am Rand der Abfahrtstrecke stattfindet?

"Der Sommelier auf der Piste" heißt ein neues Angebot des Skigebietes Alta Badia im herrlichen Südtirol. Um es gleich zu sagen: Es geht dort nicht um den gesteigerten Höhenrausch, also darum, sich Mut für die schwarze Piste anzusaufen, sondern um Horizonterweiterung. Der Trend geht in Alta Badia eindeutig weg von der Krachlederkulinarik.

Zweieinhalb Stunden lang fährt man in einer kleinen Gruppe von Hütte zu Hütte, immer dem Sommelier und seinem Helfer, einem Skilehrer, hinterher: ins Tal, dann über Zubringergondeln zur ersten Hütte hinauf, wieder hinab und erneut hinauf zur nächsten Hütte. Das Fahren und das Trinken halten sich, was die Dauer angeht, die Waage. Zwischen den Verkostungen erfrischt der Wind die Sinne, man bläst sich buchstäblich die Geschmacksnerven frei.

In den Hütten ist für die Ankommenden gedeckt: Gläser, Brot, Käse, Wasser, Wein. Der Sommelier trägt unter seinem Anorak eine Schürze und über der Schürze einen Anzug und um den Hals eine Fliege. Das sind Ambiente-Anspielungen, transportable Reste einer Kulisse, die es dem teilnehmenden Gast möglich machen, sich Wesentliches dazuzudenken: nämlich ein gehobenes Restaurant im Tal, in dem gerade der Weinexperte an den Tisch tritt.

Hier befinden wir uns allerdings auf 2000 Meter Höhe, auf der Terrasse der Pralongià-Hütte, es weht ein leichter Wind bei minus fünf Grad, am zur Stratosphäre hin dünn-durchsichtigen Himmel gurgeln leise die Flugzeuge. Wie werden die Sinne hier auf den Wein reagieren? Der Sommelier hält sein Glas gegen die fern schimmernde Gesteinsmasse des Lagaccio Piccolo, eines Berges, der im Ersten Weltkrieg ein Schauplatz erbitterter Kämpfe war. Er prüft die Farbe seines Weißweins, dann dessen Konsistenz, indem er ihn an der Innenwand des Glases schräg abfließen lässt, er nähert seine Nase mit ihren mutmaßlich gut gekühlten Schleimhäuten dem Glas und nimmt einen tiefen Atemzug.

Wir tun es ihm gleich – und stellen fest, dass der Wein einen Moment braucht, bis sein Bouquet unseren von der Kälte betäubten Sinnen einleuchtet. Dann allerdings saugt der durch die dünne Luft empfänglich gewordene Körper das Aroma in sich ein. Die blendende Sonne könnte einem Rausch Vorschub leisten, aber die Kälte fegt alle Wahrnehmungstrübungen weg; außerdem ist die Menge des genossenen Weins gering, und es wird viel Wasser getrunken und Brot gegessen. Auch die anderen Bestandteile des Alpenrausches – das schwere Essen und die Schunkelmusik – sind in Alta Badia selten anzutreffen. Stattdessen kann man auf den Hütten ausgezeichnet essen und hört statt Wolfgang Petry oder Dieter Bohlen lieber Jazz zum Après-Ski.