Brigitte Ratheiser findet kaum noch Platz zum Hinsetzen. Auf der Terrasse des Zubaus neben ihrem Bauernhof mit Blick ins Kärntner Görtschitztal stehen Vasen voller oranger Plastikrosen zwischen Keramikkürbissen mit lustigen Gesichtern. Manche sind so groß wie ein Medizinball. "Kitschig, ich weiß", sagt Ratheiser, den Deko-Exzess betrachtend. Sie zuckt die Schultern, überlegt kurz, ob es die Mühe wert wäre, das künstliche Herbstlaub von der Sitzbank zu fegen. Nein. Sie dreht sich um und geht zurück in den Zubau, in dem sechs fremde, alte Menschen leben – darunter jene Dame aus dem ersten Stock, die sich am liebsten beim Dekorieren austobt.

Seit Generationen ist der Rabingerhof in der Gemeinde Hüttenberg in Brigitte Ratheisers Familienbesitz. Mit ihrem Mann und den vier volljährigen Kindern lebt sie im alten Trakt des Bauernhofs. Die Familie betreibt eine biologische Landwirtschaft mit Direktvermarktung von Rindfleisch und Eiern. Und sie betreut die neuen Mitbewohner, die im Neubau neben dem Hauptgebäude leben. Es sind Menschen wie die dekorationsfreudige Dame, die als Pflegefälle allein in ihren eigenen Wohnungen nicht mehr gut aufgehoben wären: ein Gewinn für beide Seiten, für die Landwirte wie für die Bewohner.

Denn neue Ideen für die Pflege sind dringend nötig. Wohin mit all den Babyboomern, die in den nächsten Jahrzehnten ins Greisenalter kommen werden? Ende 2018 bezogen rund 461.000 Menschen in Österreich Pflegegeld, bis 2050 wird ein Anstieg auf 750.000 Personen erwartet. Um das zu bewältigen, bräuchte es laut letzten Schätzungen rund 40.000 neue Pflegekräfte, die am Markt nicht in Sicht sind. Wie kann die Gesellschaft den enormen Betreuungsaufwand künftig stemmen – ohne dabei die Bedürfnisse der Älteren zu vergessen?

Aus Höfen wird Lebenraum für Menschen mit Pflegebedarf

Der Rabingerhof ist ein Ansatz: Hier finden Senioren und Pflegebedürftige Unterstützung und sozialen Anschluss, ohne in die Anonymität eines Heims abzurutschen. Erst seit drei Tagen hängt das Zertifikat mit dem Titel Green Care eingerahmt im neuen Trakt des Hofs. Während das Green-Care-Konzept in Ländern wie den Niederlanden oder Norwegen bereits etabliert ist, befindet es sich in Österreich gerade erst im Aufbau. Von der Landwirtschaftskammer Wien im Jahr 2011 initiiert, können Bauern durch Zusatzausbildungen und Förderungen auf ihren Höfen Lebensraum für Menschen mit Pflegebedarf schaffen.

Das Angebot der österreichischen Dachorganisation, die vor vier Jahren gegründet wurde, reicht von Tagesstätten für Kinder oder Menschen mit Behinderungen bis hin zum betreuten Wohnen für Senioren, wie es Brigitte Ratheiser als eine von mittlerweile 41 Green-Care-Betreiberinnen in Österreich anbietet: In kleinen Einheiten, in engem Kontakt mit den Tieren am Hof und als Teil eines strukturierten Tagesablaufs im Kreis der Bauernfamilie entgehen die Bewohner dem Alleinsein in den eigenen vier Wänden.

In Europa fühlen sich insgesamt 30 Millionen Menschen einsam, so eine Studie der Europäischen Kommission. Besonders betroffen sind Ältere und chronisch Kranke. Mitschuld sei in vielen Fällen auch das Ideal, zu Hause alt werden zu wollen, sagt die Soziologin Vera Gallistl von der Universität Wien: "Diese Idee wurde viele Jahre lang – auch politisch – forciert. Viele hängen dieser Vorstellung nach, obwohl die eigene Wohnung im Alter zur Barriere werden kann, die der Bewohner nur unter Aufwand nutzen oder verlassen kann." Das Österreichische Rote Kreuz musste die Zahl Freiwilliger, die Besuchsdienste übernehmen, von 2014 auf 2017 bereits um ein Drittel erhöhen, der Bedarf alter Leute nach Gesprächspartnern konnte nicht mehr gedeckt werden.