"Der Name, den ich dir durch die Taufe zugedacht habe", sagt die Comtesse zu dem Kind, dem die Rute für ungebührliches Verhalten droht, "trägt eine Bedeutung. Angelo, das ist der erste Botschafter Gottes." Ein Name, ein Auftrag, ein Zweck: Als afrikanisches Kind, als "gottloses Wesen, das von Geburt an des Teufels" sei, soll Angelo in Europa jene Menschlichkeit unter Beweis stellen, die der koloniale Rassismus erst infrage stellt.

Mit analytischer Schärfe und fast hypnotischer Konzentration zielt der Film des österreichischen Regisseurs Markus Schleinzer ins Zentrum gegenwärtiger Debatten über Fremdheit, Zuschreibung, Identität. Seiner Geschichte liegt eine historische Figur zugrunde: ein Mann, der um 1730 als Kind in Westafrika entführt und als Sklave nach Europa gebracht wird, in Messina von einer Adeligen getauft wird und schließlich an den österreichischen Hof gelangt, nach dortigem Brauch erzogen und "kultiviert" wird. Wo er als Kammerdiener und Berater dient, nach dem Auffliegen einer geheimen Heirat den Hof verlassen muss, Familie und eine bürgerliche Existenz aufbauen kann, einer für die Wiener Aufklärung bedeutenden Freimaurerloge beitritt. Die Quellenlage ist dünn, und nur wenig stammt von seiner eigenen Hand. Mmadi Make geben zeitgenössische Berichte als seinen Geburtsnamen an. Im Film fällt dieser Name nicht, wie auch sonst keine weitere Person einen Namen trägt: Die Comtesse (Alba Rohrwacher), der Fürst (Michael Rotschopf) und der Kaiser (Lukas Miko) sind durch ihre Positionen hinlänglich beschrieben.

Angelo ist denn auch kein Film, der sich um die chronologische Nacherzählung einer Selbstwerdung bemüht. Vier Schauspieler verkörpern Angelo im Film: Kenny Nzogang als Kind, Ryan Nzogang als Jugendlichen, Makita Samba als jungen Erwachsenen und Jean-Baptiste Tiémélé als älteren Herrn. Und es gibt weitere Strategien der Dezentrierung: schlaglichtartige Tableaus in elliptischer Folge, die Angelo nie allein zeigen, immer in Bezug zu den Menschen und Bildern, die Macht über ihn haben. Der Film entfaltet das 18. Jahrhundert als Behauptung, als eine Folge fast abstrakter Räume, die ihre Kulissenhaftigkeit nicht verstecken. Im Neonlicht verflüchtigt sich die Illusion einer zugänglichen Vergangenheit.

Der Bruch der Form folgt einem Bruch in der Welt: Die Erzählweise in Angelo ist nicht nur einem Nachdenken über die biografische Illusion geschuldet, sie reagiert auch auf die beschädigte Identität seines Subjekts. Die Szene der Namens- und Auftragserläuterung zeigt die Comtesse in Großaufnahme. Sie bleibt ohne Gegenschuss, was charakteristisch ist für Schleinzers Umgang mit herrschaftlichen Blickverhältnissen: Zwischen der Betrachterin und dem Betrachteten ist keine Gleichwertigkeit herzustellen. In einer Vignette klagt der österreichische Kaiser Angelo sein Leid: "Und wem mag das genügen, für andere zu sein? Bin ich ein Kunstwerk?" Klug löst der Film auch hier auf: Der Kaiser spricht in einen Spiegel, die Klage wiederum vernimmt Angelo still. Kein Bild bringt die beiden zusammen. Die Erzählung biografischer Splitter, die nach einem Prolog der Versklavung mit Taufe und Benennung einsetzt, kommt zu einem erschütternden Ende. Es ist ein Akt, der wie auch andere Szenen der Gewalt am Bildrand, in der Unschärfe und im Off verbleibt: Angelos Leiche wird die Haut abgezogen und, als Kuriosität präpariert, zur Schau gestellt. Kurz danach hallen die Schreckensschreie der aus dem Museum gezerrten Tochter Angelos wider. In einem langen Kampf versuchte ihr historisches Vorbild, eine Bestattung zu erwirken.

Der große Zusammenhang kolonialer Gewaltverhältnisse und ihr Kern der Entsubjektivierung wird durch die Ästhetik des Films vorgeführt und aufgehoben, aber eben nie negiert. In seinen manchmal überwältigend schön gebauten Bildern inszeniert Schleinzer weniger Angelo als die Zugriffe auf und Ansprüche an seinen Namen, zeigt seinen Körper und seine Sprache, die im höfischen Habitus geformt wurden. Noch in intimer Zweisamkeit mit seiner Ehefrau bleibt Angelo keine andere Erzählung des Selbst als das groteske Schauspiel, das er zuvor wiederholt in höfischer Gesellschaft zum Besten gab: eine koloniale Afrika-Mythologie, in grotesker Maskenhaftigkeit vorgetragen, auf dass der Adel sich an seiner eigenen Menschlichkeit ergötze.

Der Verzicht auf andere Festlegungen, Zuschreibungen ist nur konsequent. Andererseits bleibt Angelos Individualität dadurch auch eine schmerzliche Leerstelle. Und so ist die Betrachtung dieses Films eine in ihrer Kälte nahegehende, so erhellende wie ambivalente Erfahrung.

Der Film "Angelo" läuft vom 5. Dezember an in deutschen Kinos.