An einem Mittwochmorgen im November nimmt auf der Anklagebank im Saal 114 des Frankfurter Landgerichts ein unscheinbarer Herr im dunklen Anzug Platz. Er hat zwei Anwälte an seiner Seite, Vertreter einer renommierten Wirtschaftskanzlei. Er sitzt mit dem Rücken zum Publikum. Er wird in dem Prozess kein Wort sprechen.

Hier, in dem kleinen Saal mit grellem Licht und quietschendem Linoleumboden, wird einer der schwersten Betrugsfälle der bundesdeutschen Wirtschaftsgeschichte verhandelt. Es geht um einen Schaden von mehr als zwei Milliarden Euro. Um Betrüger, die rund 54.000 Menschen um ihr Erspartes brachten. Und um eine Behörde, die ihn gewähren ließ.

Auf der Anklagebank sitzt nicht der Betrüger. Angeklagt wird der Staat. Der Herr im dunklen Anzug ist sein Stellvertreter. Er ist Regierungsdirektor bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, kurz: BaFin. Ein riesiger Apparat mit 2700 Mitarbeitern, der dafür sorgen soll, dass auf dem Finanzmarkt Recht und Ordnung herrschen. Eine Behörde, deren Namen kaum jemand kennt, deren Arbeit aber fast jeden betrifft. Jeden, der ein Konto hat. Jeden, der eine Versicherung abschließt, einen Kredit aufnimmt oder Geld anlegt. Wie Horst Brömmer zum Beispiel, den Kläger dieses Verfahrens.

Brömmer ist Internist im Ruhestand, ein promovierter Mann mit Schnauzer, der es zu Wohlstand gebracht hat. Ehefrau, drei Kinder und ein Haus mit Garten in Hamburg, im gediegenen Stadtteil Groß Borstel. Um sein Auskommen im Alter zu wahren, tat Brömmer, was der Staat seinen Bürgern seit Jahren predigt: Er legte Geld an. Er verließ sich nicht auf die gesetzliche Rente, er sorgte privat vor. Dann wurde er abgezockt. Und der Staat sagt: Nicht mein Problem.

"Die Akte BaFin" hat fast hundert Seiten und wirft dem Amt "Aufsichtsversagen" vor

Horst Brömmer ist an diesem Morgen nicht persönlich erschienen. Sein Stuhl im Saal bleibt leer. Von seinem Haus in Groß Borstel bis zum Landgericht Frankfurt sind es mehr als fünf Stunden Autofahrt, und Brömmer ist über 70. Die meisten Geschädigten in dem Fall sind Rentner. Brömmer lässt sich von seinem Anwalt Wolfgang Schirp vertreten, einem, der sich seit fast 30 Jahren um die Opfer von Betrügern und Banken kümmert. Und aus leidvoller Erfahrung zum Kritiker der Politik geworden ist. Schirp sagt: Einfache Bürger wie Horst Brömmer haben in Deutschland schlechte Karten gegen die Macht der Finanzindustrie – und die Trägheit der Aufsichtsbehörden.

Brömmer sitzt ein paar Tage nach dem Gerichtsprozess in seinem Haus in Groß Borstel und blättert gemeinsam mit seiner Ehefrau durch die Verträge, die er mit den Betrügern geschlossen hat. Er sagt, wie unangenehm ihm die Sache sei. So unangenehm, dass er seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen will; Brömmer heißt eigentlich anders. Er sagt: "Hätten wir nicht privat geerbt, dann wären wir baden gegangen." Andere hatten weniger Glück. Sie haben durch den Betrugsskandal alles verloren.

Rund 80.000 Euro hat Horst Brömmer angelegt, bei P&R, einem Unternehmen, das mit Schiffscontainern handelte. Das Geschäftsmodell ging so: Er überwies Geld an P&R. Von dem Geld kaufte P&R Container und vermietete sie an Kunden, an Reedereien zum Beispiel. Die Kunden zahlten Miete, und einen Teil davon bekam Brömmer alle paar Monate ausgezahlt. Nach einigen Jahren schließlich kaufte P&R die gebrauchten Container zurück, damit Brömmer nicht darauf sitzen blieb. Klang gut, das Geschäft. Und zunächst lief es auch gut. Aus Horst Brömmer, dem Arzt, wurde Horst Brömmer, der Containerbesitzer. Das Problem war nur: Einen Großteil der Container gab es gar nicht.

Das Geld, das Brömmer jeden Monat überwiesen bekam und stets wieder investierte, stammte nicht von den Reedern. Es kam von anderen Anlegern, die sich wie Brömmer in dem Glauben wiegten, sie würden davon Container kaufen. P&R hatte ein Schneeballsystem ins Rollen gebracht. 2018 kollabierte es. Brömmer erfuhr davon aus der Zeitung. Als wenige Wochen später die nächste Auszahlung angestanden hätte, sah Brömmer auf seinem Kontoauszug: nichts. Er beschloss, vor Gericht zu klagen. Nicht gegen den Chef von P&R, der mittlerweile unheilbar krank sein soll und verhandlungsunfähig ist – sondern gegen die BaFin. Die Behörde, glaubt er, hätte ihn vor den Betrügern schützen müssen.