Schneller Deutsch lernen – Seite 1

Gerade noch mal geschafft. Als am Dienstag dieser Woche in Berlin die jüngsten Pisa-Ergebnisse veröffentlicht wurden, ging ein Aufatmen durch die Republik: Zwar lesen und rechnen unsere Schüler nicht mehr ganz so gut wie noch vor drei Jahren, aber immer noch besser als der internationale Durchschnitt. So machten die Schulverantwortlichen im Land sich und der Öffentlichkeit Mut.

Diesen Mut werden sie auch brauchen. Denn bei genauerem Hinsehen sind die Resultate höchst beunruhigend.

Fast zwanzig Jahre liegt die erste Pisa-Studie nun zurück; sie verursachte einen Schock: Damals erreichten die deutschen Schüler nicht einmal das internationale Mittelmaß, die Bildungsungerechtigkeit war enorm. Doch seitdem ging es von Studie zu Studie aufwärts. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die den Test verantwortet, zählte die Bundesrepublik in einem Report zu den Vorzeigenationen, die "ihre Bildungsqualität kontinuierlich verbessert haben".

Nun aber bricht der positive Trend ab: Sowohl beim Lesen und Rechnen wie auch in den Naturwissenschaften schneidet Deutschland schlechter ab als beim letzten Mal.

Verantwortlich für die Entwicklung sind ausgerechnet jene Schüler, die Experten schon vor 20 Jahren als das größte Problem des deutschen Bildungssystems ausgemacht haben: die Leistungsschwachen, die Jungen und Mädchen aus benachteiligten Familien, die Migrantenkinder. Konkret: 20,7 Prozent der getesteten Neuntklässler lesen auf dem Niveau eines Grundschülers, bei Pisa 2000 lag der Wert, der die Nation bestürzte, bei 22,6 Prozent.

Nach fast zwei Jahrzehnten wurden die Leistungen also nur unwesentlich besser. Dabei waren es Jahre, in denen sich viel getan hat: Halbtags- wurden zu Ganztagsschulen, Kitas von Verwahr- zu Bildungseinrichtungen; die Hauptschule, die sich für viele Schüler als Sackgasse erwies, wurde in den meisten Bundesländern abgeschafft. Und was ist mit den Sprachkursen vor der Einschulung, den Lesepaten und Lehrerfortbildungen – war denn alles vergeblich?

Die Antworten auf diese Fragen enthalten acht unbequeme Botschaften.

Das Schicksal der schwachen Schüler

"Risikoschüler" heißen die Bildungsarmen im Jargon der empirischen Schulforschung. Einem einfachen Text können sie nur die wichtigsten Informationen entnehmen – einige Schüler nicht einmal das – nach neun Jahren Schule! Unter den Risikoschülern sind mehr Jungen als Mädchen (24 versus 16 Prozent), ihr Anteil ist an nicht gymnasialen Schulen naturgemäß besonders hoch (29 Prozent). In Bremen und Berlin liest und rechnet sogar rund ein Drittel der Schüler auf niedrigem Niveau, in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg fast ein Viertel. Insgesamt sind es – je nach Jahrgangsstärke – bis zu 150.000 lese- und rechenschwache Schüler, die jedes Jahr die Schule verlassen.

Man kann sie auch die Zukunftsarmen nennen. Denn anders als früher gibt es weniger Nischen auf dem Arbeitsmarkt, in denen sie nach der Schule unterkommen können. Ein Teil der Risikoschüler schafft es später noch, die fehlenden Fertigkeiten nachzuholen. Doch für allzu viele ist das Schicksal von Jugend an vorgezeichnet – gebrochene Erwerbsbiografien, sehr geringes Einkommen, Hartz IV.

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Er will es später besser machen: Aziz Kaya
In der Grundschule war es schwierig. Oft fehlten Lehrer, ich war schlecht in Mathe und Deutsch. Meine Eltern versuchten, mich zu unterstützen, aber es war schwierig wegen der Sprache. Sie kommen aus der Türkei, meine Mutter versteht bis heute nur teilweise Deutsch. Ab der sechsten Klasse hatten wir eine Lehrerin, die uns sehr geholfen hat. Wir mussten jede Stunde einen Text abschreiben. Das war zwar nervig, aber meine Rechtschreibung hat sich deutlich verbessert. Ich habe mit Theater angefangen – zuerst in der Schul-AG, inzwischen am Theater Bremen. Bald spiele ich zum ersten Mal in einem Stück. Ich habe viele neue Wörter gelernt. Später will ich mal Lehrer werden. Ich kenne die Schwächen des Bildungssystems und will es später besser machen.

Die Herkunft macht den Unterschied

Einer hat all das vorhergesehen: Jürgen Baumert, Bildungsforscher und deutscher Pisa-Chef der ersten Stunde. Er warnte 2011 in einer Studie mit dem vielsagenden Titel Herkunft und Bildung, dass die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland die pädagogischen Fortschritte in der Schule gefährden werde. Baumert benötigte für seine Prognose keine seherischen Fähigkeiten, er projizierte die demografische Zusammensetzung Neugeborener einfach auf die späteren Schulkinder. "Die Schülerjahrgänge werden kleiner. Gleichzeitig steigt der Anteil der Zuwandererkinder, die aus sozial schwächeren Verhältnissen stammen", sagte der Schulforscher im ZEIT-Interview. Mehr Bildungsarmut in den Familien, weniger Kinder, die zu Hause deutsch sprechen, das werde sich fast zwangsläufig auf das durchschnittliche Lernniveau niederschlagen, so Baumerts Rechnung. Genauso kam es. Selbst die Menge der schwachen Leser sagte er – "wenn nichts passiert" – zahlenmäßig exakt voraus: 21 Prozent.

Mittlerweile stammen knapp 36 Prozent der Neuntklässler aus Zuwandererfamilien, vor zehn Jahren waren es noch 26 Prozent – eine enorme soziokulturelle Verschiebung. Diese Kinder sind sehr verschieden, vielen mangelt es nicht an Intelligenz oder Ehrgeiz; die Tochter eines Ingenieurs aus Österreich und der Sohn eines Hilfsarbeiters aus dem Libanon haben indes sehr unterschiedliche Voraussetzungen. Insgesamt sind die Unterschichtskinder mit Migrationshintergrund deutlich zahlreicher. Eine Information in der neuen Studie ist besonders besorgniserregend: Die betroffenen Jugendlichen sprechen heute zu Hause seltener deutsch, als dies noch 2009 der Fall war; das wirkt sich deutlich auf ihre Leistungen aus.

Die Hauptbotschaft des neuen Pisa-Berichtes eignet sich für böswillige Schlüsse, sie darf deshalb aber nicht ignoriert werden: Die deutschen Kompetenzverluste erklären sich vor allem aus der gewachsenen Zahl lese- und rechenschwacher Einwandererkinder. Jugendliche ohne Migrationshintergrund haben dagegen teilweise zugelegt. Das deutsche Bildungsproblem ist in großen Teilen ein Migrationsproblem.

Das größte Problem der Migranten ist das deutsche Schulsystem

Das Schulsystem ist ein Problem

Man kann den Satz jedoch auch umdrehen, und er stimmt ebenso: Das größte Problem der Migranten ist das deutsche Schulsystem. Denn der "typische" Migrantenschüler ist kein Flüchtlingskind (ihr Anteil an den bei Pisa Getesteten ist minimal). Der typische Schüler aus einer Einwandererfamilie wurde vielmehr in Deutschland geboren, hat einen deutschen Pass und besucht seit der ersten Klasse eine deutsche Schule. Nur hat er hier offenbar das Falsche gelernt, beziehungsweise vom Richtigen und Wichtigen zu wenig: dem Lesen, Schreiben, Rechnen.

Wem diese Basiskompetenzen fehlen, der hat es nicht nur in Deutsch und Mathematik schwer, sondern auch in allen anderen Fächern, die mit Texten und Zahlen arbeiten, also in fast allen. Schon nach der ersten Pisa-Studie haben Bildungspolitiker versprochen, hier den Schwerpunkt ihrer Arbeit zu setzen. Doch die Kultusminister brauchten fast zwanzig Jahre, bis sie das erste nationale Leseprogramm aufgelegt hatten: Die sogenannte BiSS-Initiative (Bildung durch Sprache und Schrift) startete vor zwei Wochen.

Wer als Kind in der Familie zuerst Türkisch, Arabisch oder Rumänisch gelernt hat, ist auf sprachliche Unterstützung angewiesen: in jedem Fach, von der ersten bis zur letzten Klasse. Doch die systematische Deutschförderung endet meist noch immer nach der Grundschule. Und auch der Ganztagstag – die vielleicht größte institutionelle Reform der vergangenen Jahre – bleibt ohne große Lernwirkung, wenn nachmittags nur unverbindlich unter Aufsicht gespielt und nicht gelernt wird.

Bei Risikoschülern muss die Devise heißen: Konzentration auf das Wesentliche. Jeden Tag sollten sie mindestens eine halbe Stunde in der Schule lesen: laut im Chor, im Tandem, allein still vor sich hin, um die Leseflüssigkeit zu erhöhen. Wenn dafür im Stundenplan etwas weniger Bio oder Erdkunde steht, ist das ein verkraftbarer Preis. Auch Lesecamps und Sprachkurse in den Ferien sollten zum festen Angebot unserer Schulen gehören. Ähnliches gilt fürs Schreiben und Rechnen. "Unter vielen Lehrkräften sind solche Übungen nicht beliebt", sagt der BiSS-Leiter Michael Becker-Mrotzek. "Doch wir wissen, dass stetes Wiederholen und feste Routinen bei dieser Schülergruppe wichtig sind."

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Sie möchte schnell unabhängig werden: Darja Maier
Meine Eltern sind vor rund 30 Jahren aus Russland nach Deutschland gekommen, als Spätaussiedler. Ich fühle mich als Deutsche, obwohl wir zu Hause nur russisch sprechen. In der Schule war meine Herkunft aber nie ein Thema. Das liegt mit daran, dass an meinem Gymnasium sehr viele Schüler einen Migrationshintergrund haben. Ich denke schon, dass es sich anders anfühlen würde, wenn ich auf einer Schule wäre, auf der weniger Mitschüler aus anderen Ländern wären. Es gibt einfach Unterschiede. Meine Eltern sind zum Beispiel ganz anders groß geworden. Neben der Schule gebe ich selbst Nachhilfe und Fitnesskurse. Nächstes Jahr mache ich Abitur. Gerade bewerbe ich mich auf duale Studiengänge. Ich will schnell unabhängig werden.

Mehr Geld für Brennpunktschulen

Die Unterschiede zwischen einzelnen Schulen – das dokumentiert dieser Pisa-Bericht erneut – zeigen sich in Deutschland besonders krass. In mancher Großstadt beträgt die Distanz zwischen Brennpunktschule und Elitegymnasium nur wenige Kilometer – die jeweiligen Leistungsniveaus jedoch trennen Welten. Die Sozialpolitik kennt in so einem Fall das Prinzip Umverteilung: Wer wenig hat, bekommt mehr vom Staat.

In der Bildungspolitik ist das Prinzip Umverteilung weitgehend unbekannt. Stattdessen herrscht das Prinzip Gießkanne: Jede Schule erhält so viele Ressourcen, wie sie Schüler hat. "Schulen mit benachteiligten Schülern bekommen in Deutschland nur selten die Hilfe, die sie nötig haben", sagt der Bildungsökonom Horst Weishaupt. Nicht selten geschieht das Gegenteil, wie das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung kürzlich zeigte. Danach fällt in Schulen mit vielen Kindern aus benachteiligten Familien der Unterricht besonders häufig aus. Zugleich arbeiten dort mehr Quereinsteiger ohne pädagogische Ausbildung als an anderen Schulen.

Zwar haben einige Bundesländer eine Art Nachteilsausgleich, doch dieser fällt – weil er viel zu gering ist – kaum ins Gewicht. Dabei müssten Schulen in schwieriger Lage deutlich besser ausgestattet werden: mit den meisten Lehrkräften und den erfahrensten Schulleitungen. Die Kinder müssten hier in den kleinsten Gruppen lernen – unterstützt von einer Vielzahl Sozialarbeiter, Sonderpädagogen und Psychologen. Genau das ist bis heute nicht der Fall.

Von Kanada lernen – und von Hamburg

Mehr Ressourcen können also helfen – aber nur, wenn sie bei den Bedürftigen auch ankommen. In Berlin lässt sich das Gegenteil beobachten: Kein Bundesland gibt pro Schüler mehr Geld aus als die Hauptstadt, gleichzeitig ist die Zahl der bildungsarmen Jugendlichen hier nach Bremen am größten. Zusätzliches Lesetraining im Stundenplan bleibt wirkungslos, wenn es jedes zweite Mal ausfällt. Kleinere Klassen bringen nichts, wenn der Unterricht sich nicht ändert. Und eine Förderkultur entfaltet sich nur dann, wenn das ganze Kollegium sie teilt und sie sich auf den einzelnen Schüler richtet.

Nationen, die mit einer niedrigen Quote schwacher Leser glänzen, machen es genau so: Sie fördern individuell, zuverlässig und so früh wie möglich. In Finnland identifizieren die Lehrer und Lehrerinnen die schwachen Leser schon ein halbes Jahr nach der Einschulung und unterstützen sie mit Extrastunden. Mal kümmern sich spezialisierte Pädagogen in kleinen Gruppen parallel zum Unterricht um die Sorgenkinder, mal finden die Sonderstunden morgens vor der Schule statt. In Kanada sieht man in Lehrerzimmern von Brennpunktschulen Tafeln mit Kärtchen, die zeigen, wo jeder Schüler steht. Wer ein Mindestniveau in Englisch und Mathematik verfehlt, erhält einen Tutor an die Seite gestellt. So etwas sollte sich Deutschland zum Vorbild nehmen.

Ein früher Kita-Besuch könnte die Nachteile ausgleichen

Ebenso klar sollte sein: Schulen mit zusätzlichen Ressourcen müssen immer nachweisen, wie sie das Extrageld verwenden – und welche Fortschritte sie machen. Sie sollten sich klare, aber realistische Ziele setzen, an denen sie sich von der Politik messen lassen. "Fürsorgliche Belagerung der Schulen" nennt das der Hamburger Schulsenator Ties Rabe. Die Strategie scheint in der Hansestadt ganz gut zu funktionieren: Beim Lesen haben es die Schüler dort aus dem Leistungskeller ins gehobene Mittelfeld geschafft – kein anderes Bundesland hat einen solchen Sprung nach vorn gemacht.

Schwache Schüler bloß nicht schonen

Beim Thema Leistung denken zu viele Lehrer an Druck und Qual – gerade wenn ihre Schüler aus benachteiligten Familien stammen. Nach dem Motto: "Die Kinder haben es schon schwer genug, da sollte man nicht zu viel verlangen." In einigen Bundesländern – etwa Berlin, Bremen, auch Nordrhein-Westfalen – scheint diese Schonhaltung in der Lehrerschaft überdurchschnittlich verbreitet zu sein. Hier hört man Sätze wie "Mit meiner Klasse geht das nicht" besonders häufig. Dabei brauchen gerade schwache Schüler nichts weniger als Mitleid.

Die Heinrich-Böll-Stiftung – sie steht den Grünen nah und ist bei dieser Sache unverdächtig – hat dazu ein bemerkenswertes Papier herausgebracht. Darin heißt es: "Eine protektionistische Pädagogik, die aus Angst vor Überforderung viele Schüler/innen unterfordert, ist ein Hindernis für die Entwicklung zu mehr Chancengerechtigkeit." Aus der Bildungsforschung weiß man nämlich: Schüler lernen dann viel, wenn Lehrer ihnen zutrauen und zumuten, viel zu lernen. Das gilt besonders für sozial benachteiligte Schüler. Wer sonst soll an sie glauben?

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Sie ist mit Ehrgeiz dabei: Aminata Conde
Ich bin vor drei Jahren mit meiner Mutter und meinem Bruder aus Guinea gekommen. Ich bin eigentlich eine gute Schülerin. Nach dem Mittleren Schulabschluss wollte ich deshalb unbedingt aufs Gymnasium. Aber ich musste viel nachholen und besser Deutsch lernen. Manche Lehrer waren verständnisvoll, andere nicht. Wenn die Lehrer einem das Gefühl geben, dass man es nicht schafft, ist es schwierig. Ich habe gelernt und gelernt – und bekam trotzdem schlechte Noten. Ich war traurig und habe oft geweint. Nach der elften Klasse musste ich das Schuljahr wiederholen. Besonders motiviert mich mein Sportlehrer. Wenn ich Fragen habe, hilft er mir immer. Genauso wie meine Familie und meine Mitschülerinnen. Mit ihnen übe ich vor einer Präsentation. Ich habe echt tolle Freundinnen an der Schule.

Lernen mit System schon in der Kita

Allein freilich werden es die Schulen niemals schaffen, herkunftsbedingte Bildungsdefizite auszugleichen. Dafür kommen sie viel zu spät. Schon zur Einschulung hinken zum Beispiel türkischstämmige Kinder ihren Klassenkameraden im Schnitt rund zwei Jahre Lernzeit hinterher. Dieses Handicap, das haben Mannheimer Forscher gezeigt, schleppen die Schüler von einem Schuljahr zum nächsten. "Die entscheidenden Grundlagen für die kognitive Entwicklung werden vor der Schule gelegt", sagt der Bildungsforscher und Pisa-Mitverantwortliche Olaf Köller.

Mit unzähligen Studien hat die Forschung herausgearbeitet, wie prägend bereits die ersten Lebensjahre sind und wie wichtig der elterliche Einfluss ist: für das Sprachvermögen und das mathematische Verständnis, für Fantasie und Frustrationstoleranz. Bekannt ist zum Beispiel, dass Migranteneltern weniger vorlesen; auch nehmen sie Bücher seltener zum Anlass, über die Geschichte mit dem Kind zu sprechen.

Pisa-Entwicklung

von deutschen Schülern

© ZEIT-Grafik

Ein früher Kita-Besuch könnte die Nachteile ausgleichen. Doch auch hier sind die Erfolge bislang bescheiden. Zwar besucht die große Mehrheit der Vorschüler mittlerweile schon im Alter von vier Jahren einen Kindergarten – auch jene aus sozial schwierigeren Verhältnissen. Als Bildungseinrichtung, wo strukturiert das nachgeholt wird, was die Kinder im Elternhaus versäumen, verstehen sich die Kitas bis heute aber nicht. Weder gibt es für die Sprachförderung verbindliche Standards, noch sehen die meisten Erzieher es als ihre Rolle an, die Kinder systematisch auf die Schule vorzubereiten.

Was erschwerend hinzukommt, ist, dass ausgerechnet Einrichtungen mit einem höheren Migrantenanteil schlechter abschneiden, was die Qualität der Betreuung und Bildung betrifft, als solche mit wenigen Einwandererkindern. Dabei sollte es auch hier besser umgekehrt sein.

Pisa 2018

nach ausgewählten Ländern

© ZEIT-Grafik

Garantie für ein Minimum an Bildung

Die Schule ist als Schicksalskorrekturanstalt überfordert. Selbst wenn man die Klassengrößen halbiert, die Lehrerzahl verdoppelt und die Schüler bis in die Nacht unterrichtet: Eine Schule in Berlin-Neukölln oder Hamburg-Wilhelmsburg wird kaum die gleichen Leistungsergebnisse erbringen wie eine Schule in Zehlendorf oder Blankenese. Eine bestimmte Bildungsungerechtigkeit wird es immer geben.

Das ist übrigens keine deutsche Spezialität: In jedem Land der Welt – auch das zeigt Pisa – bestimmt die Herkunft der Schüler ihre Bildung und damit ihre Zukunft. So wie ein Gesundheitssystem nicht alle gleich gesund machen kann, wird kein Schulsystem alle gleich schlau machen. Etwas anderes sollte die Politik auch nicht versprechen.

Sehr wohl versprechen sollte die Bildungspolitik jedoch dies: dass jedes Kind in zehn Jahren Schule ausreichend lesen, rechnen und denken lernt. Damit es später einen Beruf finden kann, damit es nicht vom Staat leben muss, damit es am Leben in der Gesellschaft teilnehmen kann. Diese Garantie auf ein Bildungsminimum ist der Staat allen jungen Bürgern schuldig.

Die Fotografin Julia Steinigeweg hat die abgebildeten Schüler in Bremen fotografiert. Alle drei werden heute mit einem "grips gewinnt"-Stipendium der Joachim Herz Stiftung unterstützt.