Am Ende passiert das ganz und gar Unglaubliche, noch unglaublicher als der Rücktritt des deutschen Papstes. Dann sitzen Joseph Ratzinger und Jorge Mario Bergoglio zusammen vorm Fernseher, ein Paar, dass es eigentlich gar nicht geben dürfte, die zwei Heiligen Väter und Antipoden. Berühmtester Konservativer und berühmtester Reformer der katholischen Kirche. Jetzt aber jubeln sie einträchtig, jetzt reißt dasselbe Fußballspiel sie vom Hocker, wobei das mit dem Fußball bei dem als weltfremd geltenden Ratzinger besonders kurios ist.

Sein tatsächliches Desinteresse an profanen Vergnügungen wird in Fernando Meirelles’ Film Die zwei Päpste ja genüsslich ausgemalt. Der Deutsche ist auf der Leinwand wie im Leben ein menschenscheuer Intellektueller, der sich hinterm Rednerpult oder auf dem Stuhl Petri allemal sicherer fühlt als auf dem Sofa neben einem Bergoglio. Der Lateinamerikaner hingegen geht, solange er noch nicht Papst und einigermaßen frei ist, gern mal in eine Sportsbar, was seiner Kardinalswürde keinen Abbruch tut. Nun aber reißen beide alte Herren die Arme hoch, als im Spiel Deutschland gegen Brasilien das 7 : 1 fällt. Dazu hört man den Fernsehkommentator: Ja!!!!!! Deutschland siegt!

Ja, tatsächlich, ein deutscher Sieg. Das ist die erstaunliche Pointe eines erstaunlichen Films – dass man als Zuschauer so große Sympathien für ausgerechnet ihn entwickelt: Benedikt XVI., den Reaktionär, der im richtigen Leben als Papst nicht sonderlich beliebt war, bis er seinen Platz räumte, damit ein Publikumsliebling aus Argentinien diesen einnehmen konnte. Am Schluss des Films mag man den steifen Theologenpapst fast lieber als den Seelsorgerpapst, ja man glaubt dem alten Herrn aus Bayern sogar seine Fußballbegeisterung.

Warum ist der deutsche Filmpapst so sympathisch? Vielleicht weil er diejenige der beiden Hauptfiguren ist, die die größte Wandlung durchmacht. Er wagt, was seiner Person widerstrebt. Und der wunderbare Schauspieler Anthony Hopkins führt uns Ratzingers Katharsis vor: einen Typus, der viel zu ernst und zu ängstlich, viel zu traditionsbewusst und zu belesen ist, um eine Revolution zu wagen. Aber dann tut er es doch. Ausgerechnet er. Und ausgerechnet der unkonventionelle Bergoglio versucht ihm den Rücktritt auszureden.

Das nennt man wohl Dichtung und Wahrheit! Der Drehbuchautor Anthony McCarten hat sich mit der Karriere beider Päpste, mit den Konklaven 2005 und 2013, mit den Gründen, warum Ratzinger und Bergoglio und nicht andere als papabile geltende Kandidaten gewählt wurden, sehr genau beschäftigt. Im Film spielt er dieses Wissen lässig und mit Humor aus. Wer die Machtkämpfe der letzten Jahre im Vatikan verfolgt, wer die apostolischen Schreiben gelesen hat, wird an vielen Details seine heimliche Freude haben – auch an Dialogen, die aus Originalzitaten montiert sind. Vor allem aber benutzt McCarten sein Wissen, um der Wirklichkeit ein paar fiktive Wendungen zu geben, von denen man wünschte, sie wären tatsächlich so passiert.

Zum Beispiel: ein Besuch Kardinal Bergoglios bei dem noch amtierenden Papst Benedikt XVI. in Castel Gandolfo, der päpstlichen Sommerresidenz. Es ist der Skandalsommer 2012, der Vatikan gebeutelt von VatiLeaks, und während die zwei durch die Gärten spazieren, geraten sie in heftigen Streit nicht nur über die Zukunft der Kirche, sondern auch über das richtige Verständnis von Gott.

Oder: Benedikt geht mit Bergoglio in die vollkommen menschenleere Sixtinische Kapelle. In erhabener Stille und unter der von Michelangelo ausgespannten christlichen Erlösungsgeschichte beichtet der Deutsche dem Argentinier: Seit Monaten bereits plane er seinen Rücktritt. Bergoglio ist entsetzt: Ungeheuerlich, unmöglich, beispiellos! Nein, erwidert der Deutsche, ganz Pedant: Im Jahr 1294 habe Papst Coelestin V. auch schon aus freien Stücken einen Amtsverzicht geleistet.

Das ist der Trick. Der Autor McCarten und der Regisseur Meirelles machen das ohnehin schon spannende historische Geschehen extra spannend, indem sie es einfach weiterdenken. So würdigen sie den Jahrhundertschritt Joseph Ratzingers – über dessen Gründe bis heute wild spekuliert wird. Und so inszenieren sie das Jahrtausendpaar – an dessen Existenz sich der Richtungskampf innerhalb der Kirche immer neu entzündet.

Der Film, der diese Woche in die deutschen Kinos kommt und am 20. Dezember auf Netflix läuft, ist nicht nur ein Highlight im Advent, sondern ein Muss für alle, die sich dafür interessieren, wohin das Christentum steuert. Denn die Tragikomödie handelt von weit mehr als vatikanischen Intrigen. Wir erleben gemeinsam mit den Päpsten die Kollision der geoffenbarten Wahrheiten mit der modernen Welt. Wir fühlen den hilflosen Zorn eines Glaubensbewahrers, der merkt, dass die alten Antworten nicht mehr zu den neuen Fragen passen. Wir erleben den Schreck des Reformers, der mit der Resignation seines Kirchenoberhaupts nicht gerechnet hat und nun beweisen will, dass auch die kirchenkritische Gesellschaft noch immer ein Interesse an den letzten Dingen hat und noch immer erlöst werden will.