Die Versuchung ist groß, alte Frankreich-Klischees zu pflegen: Zur Wochenmitte belehrt Staatspräsident Emmanuel Macron die in Watford bei London versammelten Chefs der Nato-Staaten, sodann bringen bei ihm zu Hause Streiks das Land zum Erliegen. Alles wie gehabt also, imperiales Gehabe plus Rebellion im Inneren? Nicht ganz.

Denn es gibt Neues, in der Nato, in Europa und namentlich in Frankreich selbst. Dort ist ein 41 Jahre junger Reformer an der Macht, blitzgescheit, der nicht im Team, sondern solo spielt, und zwar schneller und entschlossener als seine drei Vorgänger, als seine Umgebung oder seine Widersacher. Er hat keine Vordenker und keine Einflüsterer, bestenfalls Zulieferer. Weder rechts noch links steht er, sondern in der modernen Mitte, ungewöhnlich in Frankreich. Seine Unterstützer bilden keine Partei hergebrachten Typs, sondern eine amorphe Bewegung, mit ihm an der Spitze. Er trifft die Entscheidungen, die großen, die mittelgroßen, außerdem fast alle kleinen.

Wie sehr darf man Politik personalisieren? Im Falle Frankreichs recht weitgehend, denn das System ist auf Personalisierung angelegt. Alle fünf Jahre wählt das Volk direkt seinen Präsidenten, und solange Präsidentschafts- und Parlamentswahl miteinander synchronisiert sind, stattet es ihn kurz nach seiner Wahl auch noch mit einer Mehrheit in der Nationalversammlung aus. Der Präsident hält den Löwenanteil der Macht. Und wenn er so durchsetzungsstark wie Macron ist, dann zählt die Person alles, oder sagen wir: fast alles. Dann kann auch ein kleiner Fehler eine große Krise auslösen.

Im Jahr 2017 war Macron aus der Kulisse in das höchste Amt gestürmt. Die staatstragenden Parteien rechts und links von ihm zerbröselten wie alte Kekse. Er war die Inkarnation der Erneuerung. Das erste Jahr der Präsidentschaft ließ sich ganz gut an, mit Verbesserungen im Schul- und Ausbildungswesen, besonders in benachteiligten Stadtvierteln; außerdem lockerte Macron den rigiden Kündigungsschutz und bescherte den Unternehmern Steuererleichterungen.

Mit Erfolg? Die Regierung verweist auf die sinkende Arbeitslosigkeit. Die tendiert gegen acht Prozent, das wäre der Stand des Jahres 2000. Dem Statistikamt Insee zufolge sinkt die Quote zwar bereits seit 2015, aber Erfolg hat ja viele Väter.

Weniger populär waren die Reduzierung der Mietbeihilfen sowie die Abschaffung der Vermögensteuer. Bald wurde Macron das Attribut "Präsident der Reichen" angeheftet. Sein Auftreten, vom vorzüglichen Englisch bis zur Sicherheit im Umgang mit Zahlen, tat ein Übriges. Auf die Durchschnittsfranzosen wirkt der ehemalige Investmentbanker wie ein Wesen von einem anderen Planeten. Auch deshalb wird die am Donnerstag einsetzende Streikbewegung eher mit Sympathie gesehen. Lokführer und Métro-Bedienstete, Lehrer, Krankenpfleger und andere wollen wegen der beabsichtigten Rentenreform in einen unbefristeten Streik treten. Sogar Polizisten wollen die Arbeit niederlegen. Gut möglich, dass außerdem Landwirte (wegen der Umweltschutz-Auflagen) und Baufirmen (Dieselsteuer) auf die Protestwelle aufspringen, Schüler und Studenten sowieso.

Macron hat Argumente auf seiner Seite. Das französische Rentenwesen kennt 42 unterschiedliche Systeme, je nach Berufszweig. Sie sind großenteils historisch bedingt, entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg aufgrund eines Kompromisses zwischen dem damaligen Präsidenten Charles de Gaulle und den Kommunisten. Bahnbedienstete beispielsweise können mit 57 Jahren in Rente gehen, Lokführer gar mit 52, und die Renten sind großzügig. Ganz allgemein gilt, dass Beschäftigte im öffentlichen Sektor sowie in Staatsbetrieben deutlich besser behandelt werden als jene in der Privatwirtschaft. Macron will nun alles vereinheitlichen. Nicht zuletzt, weil die Steuerzahler die Sonderregelungen mit acht bis neun Milliarden Euro jährlich subventionieren müssen.

Doch hier beginnt das Problem. Geht es der Regierung um Gerechtigkeit? Oder um das Loch in den Rentenkassen? Das wird nicht klar, und aus dem Regierungslager dringen immer neue Überlegungen in die Öffentlichkeit. Wie lange wird man arbeiten müssen, um wie viel Rente zu erhalten, und mit welcher Altersgruppe soll es losgehen? Bis heute weiß kein Franzose, wie hoch seine Rente nach der Reform sein wird. Die Unsicherheit erzeugt Unmut.

Die Macronisten befürchten, dass sich zu den wohlorganisierten Aktionen der Gewerkschaften ein chaotisierendes Element gesellt, die sogenannten Gelbwesten. Jene Wutbewegung also, ausgelöst von einer Steuererhöhung für Dieselöl, die seit einem Jahr immer wieder aufflammt und von Gewaltaktionen der schwarzen Blocks begleitet wird. Steuererleichterungen und Beihilfen im Wert von rund zehn Milliarden Euro konnten die Wut zwar dämpfen, sie bleibt aber als untergründiges Gefühl bestehen.