Ein Riss geht durch die Kirche. Die alten Gemäuer bersten, sie stehen auf schwankendem Grund. Im Norden der Niederlande befindet sich Europas größtes Erdgasvorkommen. Eine gigantische Blase, die – wenn sie abgesaugt wird – zu tektonischen Verschiebungen führt.

Wer auf die Risse in den Kirchengebäuden im Gebiet um Groningen blickt, die Fotografin Julia Gunther festgehalten hat, dem schwebt unweigerlich eine Metapher vor Augen: Auch der Felsen Petri wird von Beben heimgesucht. In beiden Fällen handelt es sich weder um ein Naturereignis noch um eine Strafe Gottes. Diese Erschütterungen sind menschengemacht. In beiden Fällen, auch wenn die Ursachen verschieden sind. Viel zu lange wurde weggesehen, vertuscht, beschönigt und geleugnet – bis das Problem nicht mehr gedeckelt werden konnte.

Erst zeigten die Risse sich haarfein; solange sie sich zukitten ließen, dachte keiner an die Ursachenforschung. Ahnte man, dass das ganze System ins Wanken geraten könnte? Von oben wurde gemauert, unten bröckelte es. Hätten sich die Leidtragenden nicht an die Öffentlichkeit gewandt, hätten sie sich mit Geld bestechen oder mit Drohungen einschüchtern lassen, hätte sich wohl irgendwann eine größere Katastrophe Bahn gebrochen.

Normalerweise geht es also immer zunächst um den Erhalt des Status quo – Macht und Pfründe werden über den immer gleichen Sermon gesichert, dass es keine Alternative gibt. Da ist die Kirche nicht anders als ein Wirtschaftsgigant. Wir erinnern uns, mit welchem Widerwillen die katholischen Bischöfe eine externe Missbrauchsstudie in Auftrag gaben, um sich dann kurz vor der Veröffentlichung von den Wissenschaftlern, die die Evaluation durchführten, zu trennen.

Anders verhielt sich da doch der niederländische Wirtschaftsminister Eric Wiebes. Als sich der direkte Zusammenhang zwischen Erdgasförderung und Erdbeben wissenschaftlich erhärtet hatte, beschloss die niederländische Regierung, den Abbau bis 2030 schrittweise aufzugeben. Doch so lange geruhen die Beben nun mal nicht, ihre Arbeit sein zu lassen. Die Schäden an den Gebäuden gegen die günstige Energiezufuhr aufzurechnen stand für die Bürger in einem zunehmend stärkeren Missverhältnis. Die Proteste wurden lauter, nun soll schon 2022 Schluss sein. Ausnahme sollen extrem harte Winter bleiben.

Sich die Erde untertan zu machen und sich dabei an der Schöpfung zu versündigen, das wollte die niederländische Gesellschaft nicht mehr. Und sie bringt dafür kein geringes Opfer: 95 Prozent aller Energiehaushalte müssen nun umgestellt werden, es ist überdies teuer für jeden Haushalt. Diesen Wagemut, den Kurs zu ändern, ohne zu wissen, wohin die Reise geht, hat die Kirche unter Papst Franziskus bisher nur angedeutet.

Wer hätte geglaubt, dass sich ausgerechnet die Wirtschaft zum ethischen Vorreiter macht, die Schöpfung zu bewahren? Sprach der Pontifex nicht noch in seiner Sozialenzyklika die markigen Worte "Diese Wirtschaft tötet"? Als der Missbrauch in seiner Kirche nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden konnte, bemühte Franziskus Anfang diesen Jahres in seiner Kinderschutzkonferenz den Teufel, der die Kirche von außen angreift. Immer wieder argumentieren einzelne Bischöfe, Reformen müssten behutsam vorgenommen, jeder Einzelne mitgenommen werden. Dass den Kirchenmitgliedern die Wahrheit durchaus zumutbar ist und sie die Scheu davor immer häufiger als üble Winkelzüge erkennen, beweist längst die Abstimmung mit den Füßen, die sich in den steigenden Kirchenaustrittszahlen manifestiert. Noch immer aber wird im Vatikan mehr getüncht als grundsaniert. Nur nützt es nichts, die Altardecke zurechtzuzupfen, wenn die Bohlen des Kirchenbodens weiter vor sich hin faulen. Der Eiertanz scheint nur einem Ziel zu dienen: Überdruck abzulassen.