Unter Räubern – Seite 1

Mit Finanzoperationen ist es manchmal wie mit dem Heiligen Geist. Irgendetwas fließt, man weiß nicht immer genau, um was es sich handelt und wohin die Ströme unterwegs sind. Auch Papst Franziskus hat sich schon einmal Gedanken über das Verhältnis von Geld und Metaphysik gemacht. In einer Ansprache an Kurienmitarbeiter in seinem ersten Amtsjahr stellte der Papst fest: "Wenn wir es nicht verstehen, das Geld zu hüten, das man sieht, wie wollen wir dann die Seelen der Gläubigen hüten, die man nicht sieht?"

Während die Sorge um die Seelen seit 2000 Jahren der Dauerbrenner der katholischen Kirche sein soll, drängen zuletzt die Finanzen immer mehr in den Vordergrund. Als die Kardinäle im Konklave Jorge Bergoglio zum Papst wählten, lautete einer der wichtigsten Aufträge, Licht in das Dunkel der Konten und Tresore im Kirchenstaat zu bringen. Jahrzehnte der Misswirtschaft und des Betrugs sollten endlich in geordnete Bahnen gelenkt werden. Mehr als sechs Jahre später sind die Bemühungen von Franziskus, die Geschäfte des Kirchenstaates in Ordnung zu bringen, evident, aber nicht immer überzeugend.

Sein Vorgänger Benedikt XVI. leistete angesichts des vernichtenden Rufs etwa der Vatikanbank IOR dringend notwendige Vorarbeit. Es wurden Kommissionen gegründet, neue Stellen und Behörden geschaffen, Personal kam, ging oder wurde geschasst. Als Franziskus Ende November auf dem Rückflug seiner Pastoralreise aus Japan und Thailand auf die jüngsten Verwirrungen der Vatikanfinanzen angesprochen wurde, da fällte der Papst ein vielsagendes Urteil. Erstmals, so betonte er, seien die Missstände durch interne Untersuchungen aufgeflogen. Das sei zweifellos ein Fortschritt, da die Aufklärung früher stets von außen angestoßen wurde. Franziskus stellte aber genauso unmissverständlich fest: "Es gibt Korruption, man sieht es."

Alles begann mit einer Razzia am 1. Oktober, bei der fünf Kurienmitarbeiter vom Dienst suspendiert wurden. Die katholische Kirche wollte sich eigentlich ihrer Zukunft widmen, wenige Tage später sollte die Amazonas-Synode und damit die Diskussion um das Wesen der Kirche im 21. Jahrhundert beginnen. Dann ging es plötzlich um eine fragwürdige Geldanlage des Vatikans in London. In der Sloane Avenue im vornehmen Stadtteil Chelsea hatten sich Kirchenmänner am Erwerb einer Luxusimmobilie beteiligt. Offiziell wurde das Geschäft als Geldanlage deklariert, offenbar war aber das Gegenteil der Fall. Am Deal beteiligte externe Manager kassierten horrende Gebühren, vielleicht sogar Schmiergelder. Der Heilige Stuhl schrieb Millionenverluste.

Die Vatikan-Justiz prüft den Fall. Der Kaufpreis soll weit über dem Marktpreis gelegen haben. Je nach Angaben wurden insgesamt 200 bis 300 Millionen Euro investiert, im Namen Gottes. Es sei üblich, dass der Heilige Stuhl seine Mittel in Immobilien anlege, hieß es aus dem Staatssekretariat. Man investiere in "Rom, Paris, in der Schweiz und in London". Über das Gebaren des Vatikans als internationaler Finanzjongleur ist nicht allzu viel bekannt, offenbar besitzen die Prälaten auch nicht gerade ein Händchen für gewinnbringende Geschäfte. Es kommt hinzu, dass das Geld etwa für die Londoner Immobilie aus einer Kollekte der Gläubigen in aller Welt stammt. Am 29. Juni zum Fest Peter und Paul spenden viele Kirchgänger den Peterspfennig genannten Obolus, der eigentlich für karitative Zwecke bestimmt ist. Bis die "arme Kirche für die Armen" Wirklichkeit wird, wie sie Franziskus seit Amtsbeginn vorschwebt, wird es noch eine Weile dauern.

Der Deal zwischen dem Vatikan und einem italienischen Manager über die Nobelimmobilie wurde im Jahr 2012 eingefädelt. Offenbar wurde im vergangenen Jahr eine umfangreiche zweite Transaktion notwendig. Nun begannen Reibereien zwischen den zahlreichen internen Büros im Kirchenstaat. Bezahlen sollte den Deal die sagenumwobene Vatikanbank IOR, die inzwischen mit Vertrauensleuten des Papstes besetzt ist. Das IOR weigerte sich und informierte den internen Rechnungsprüfer. Der ging diesen Sommer zum Papst und sagte nach dessen Worten: "Hier ist eine hässliche Sache, etwas, das nicht funktioniert. Was soll ich tun?" Franziskus empfahl dem Mann die vatikanische Staatsanwaltschaft. Auch der Staatsanwalt wandte sich an den Papst mit der Erlaubnis für eine Hausdurchsuchung. "Ich habe das autorisiert", erklärte Franziskus später.

Es spricht für den Aufklärungswillen des Papstes, dass erstmals überhaupt interne Ermittler in der Regierungszentrale des Kirchenstaates tätig wurden. Staatsanwalt Gian Piero Milano durchforstete zusammen mit Beamten der Vatikangendarmerie mehrere Büros im Staatssekretariat, dem Kanzleramt des Vatikans. Die Fäden des Londoner Geschäfts liefen hier zusammen und nicht etwa in den für Finanzen oder Immobilien zuständigen Behörden wie der Güterverwaltung Apsa oder dem 2014 von Franziskus neu geschaffenen Sekretariat für Wirtschaft. Das Dickicht der Zuständigkeiten im Vatikan ist mit Franziskus nicht durchsichtiger geworden. Das Staatssekretariat mit seinen Geheimkonten erweist sich dabei als ganz besonders harter Brocken. Als der frühere Chef des Sekretariats für Wirtschaft, der wegen sexuellen Missbrauchs in Australien verurteilte Kardinal George Pell, einst mit einem starken Mandat des Papstes ausgestattet, sich auch Einblicke in die Geschäfte des Staatssekretariats verschaffen wollte, biss er sich an Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin und dessen Leuten die Zähne aus. Das Staatssekretariat ist auch unter Jorge Bergoglio unantastbar geblieben. Erst jetzt, als klare Unregelmäßigkeiten zutage kamen, griffen die Kontrollmechanismen. Wozu heute das Wirtschaftssekretariat da ist, dessen Bildung die päpstlichen Berater zur Untersuchung und Koordination sämtlicher Geschäfte vorschlugen, ist vielen im Vatikan ein Rätsel.

"Jeder gegen jeden"

Auch sonst ergibt sich das konfuse Bild eines Finanz-Wirrwarrs, in dem zahlreiche Protagonisten um Kompetenzen streiten. Im Vatikan sei ein Krieg "Jeder gegen jeden" im Gange, schrieb das Nachrichtenmagazin L’Espresso. Unklar ist in diesem Zusammenhang auch die Rolle der internen Finanzaufsicht AIF. Nach Geldwäsche-Skandalen im Zusammenhang mit der Vatikanbank rief sie Benedikt XVI. im Jahr 2010 ins Leben. Präsident war bis vor Tagen der Schweizer René Brülhart. Seine Arbeit fand zunächst allgemeine Anerkennung, da er den Vatikan und sein Controlling auf internationale Standards brachte. Nun wurden bei der Razzia am 1. Oktober auch die Büros der AIF durchsucht, Dokumente, Computer und Mobiltelefone beschlagnahmt. AIF-Direktor Tommaso Di Ruzza gehört zu den fünf Kurienmitarbeitern, die vom Dienst suspendiert wurden.

Auch Brülhart wurde später entlassen, weil unter seiner Verantwortung der Staatsanwaltschaft Dokumente vorenthalten worden seien. Der Vorgang wirft die Frage auf, wie sehr man sich im Vatikan über das Funktionieren der eigenen Abteilungen im Klaren ist. Die AIF teilt in der Egmont Group mit internationalen Finanzaufsichtsbehörden sensible Daten, um Delikte wie Geldwäsche verhindern zu können. Dass sensible Dokumente anderer Staaten nun in die Hände der Vatikan-Ermittler kommen, ist für die Egmont Group nicht akzeptabel. Sie schloss das AIF in der Folge aus ihrem 164 Staaten umfassenden Verbund aus. Auf seiner fliegenden Pressekonferenz gestand Franziskus ein, selbst zunächst keinen Ausweg aus dem Dilemma gesehen zu haben. "Deshalb habe ich einen angesehenen italienischen Richter dazu befragt", berichtete er. Die Justiz in einem souveränen Staat sei unabhängig, habe der Richter geantwortet. Keine Behörde dürfe diese Ermittlungen behindern. Franziskus hielt sich an die Maßgabe des externen Beraters.

Im Endergebnis kontrollierte damit die Staatsanwaltschaft die interne Finanzaufsichtsbehörde. Das geschah aber nur, weil der Papst grünes Licht von einem externen Experten bekam. Von Gewaltenteilung kann im Kirchenstaat weiterhin keine Rede sein. Insofern ist auch die allmächtige Rolle des Staatssekretariats keine Überraschung, der Behörde, die wie im Pontifikat Benedikts XVI., aber auch schon unter Johannes Paul II., ein Eigenleben entwickelte, weil sich die Päpste verwaltungstechnischen Aufgaben lieber entzogen. Dies kann man Franziskus nicht vorwerfen, allerdings sind die Ergebnisse seiner Bemühungen immer noch kaum zu greifen. Am Londoner Immobiliengeschäft wird deutlich, wie sehr sich auch in den vergangenen Jahren die gewissenhaftesten Rechnungsprüfer am Staatssekretariat die Zähne ausbissen. 2017 wurde der damalige Rechnungsprüfer Libero Milone unter haarsträubenden Umständen entlassen. In der Vatikangendarmerie wurde der italienische Finanzfachmann nach nur zwei Amtsjahren zur Unterzeichnung seiner Rücktrittsurkunde gezwungen. Milone habe gegen alle Regeln verstoßen und die Privatleben seiner Vorgesetzten ausspioniert, behauptete damals einer der mächtigsten Männer im Vatikan, der damalige Erzbischof Angelo Becciu, Substitut im Staatssekretariat.

Der Substitut ist der Stellvertreter des Kardinalstaatssekretärs und mit allen inneren Angelegenheiten des Kirchenstaates betraut. Offenbar betraf die Entlassung Milones hingegen die obskuren Finanzpraktiken des Staatssekretariats, die er aufzudecken begann. Er habe Informationen über mit "Hunderten Millionen von Dollar" gefüllte Vatikankonten in der Schweiz erbeten, berichtete Milone nun der Financial Times. "Einige Leute waren besorgt, dass ich etwas entdecken könnte, was ich nicht sehen sollte", sagte Milone vor Tagen der Zeitung. Er und seine Leute seien zu nahe an Informationen herangekommen, die letztlich geheim gehalten werden sollten. Als er vom Papst persönlich eine Erlaubnis bekommen habe, bei den Schweizer Banken Nachfragen zu stellen, sei dieser Vorstoß intern torpediert worden. Es folgte sein Rauswurf.

Milone war an den damaligen Substituten Becciu geraten, den allmächtigen Strippenzieher aus Sardinien. Auch im skandalumwitterten Erwerb der Londoner Immobilie hatte Becciu seine Finger als Chef der Ersten Abteilung des Staatssekretariats entscheidend mit im Spiel. Das Büro, über das die Transaktionen im Staatssekretariat getätigt wurden, leitete sein langjähriger Privatsekretär Mauro Carlino. Dieser gehörte zu den nach der Razzia suspendierten Mitarbeitern. Becciu hingegen musste schon im Sommer vergangenen Jahres seinen Hut nehmen. Allerdings landete er ausgesprochen sanft. Papst Franziskus beförderte ihn zum Präfekten der einflusslosen, aber prestigeträchtigen Kongregation für Heiligsprechungen und ernannte ihn zum Kardinal.