Die Rollen seines Lebens – Seite 1

Film, das sind Lichtbilder, die über eine Leinwand huschen, und das Publikum schaut gebannt zu. So sehen das die meisten. Frank Becker sieht das etwas anders. Er schafft es gerade noch bis zum Ende des Vorspanns, dann ist er eingeschlafen. Abends ist er immer sehr müde. Film, das sind für ihn Unmengen von Büchsen, die auf etwa 6000 Quadratmetern in verschiedenen Kellerräumen und Hallen im Bielefelder Vorort Brackwede lagern und die er ständig bewegen muss: rausholen, sichten, katalogisieren. Sie umlagern, damit die Ordnung der Regale einigermaßen der Ordnung des Katalogs entspricht. Sie verpacken, wenn ein Festival oder eines der letzten Kinos, die noch 35-Millimeter-Kopien abspielen, an einem der Filme interessiert sind. Vor Kurzem hat er zwei Sattelschlepper voller Filmrollen auf den Hof gelotst und tagelang mit Helfern eingeräumt. Becker ist dauernd schweißgebadet. Er erfährt am eigenen Leibe, dass die scheinbar körperlosen Lichtbilder bis vor wenigen Jahren noch gut 20 Kilo pro Spielfilm wogen.

Tagsüber, wenn er einen mit Schweißflecken auf dem Hemd empfängt, macht es den Eindruck, als sei es wirklich eine Art von körperlicher Liebe, die den 59-Jährigen mit dem Kino verbindet. Eine Leidenschaft für Film als Materie. Er sei kein Champagner-Cineast, sagt Becker, er arbeite hier im cineastischen Maschinenraum – damit der analoge Tanker weiterschippern könne.

Der analoge Tanker, das ist das größte private Filmarchiv Deutschlands, aufgebaut von Becker. Es besteht aus über 120.000 Filmrollen, die von der Stummfilmzeit bis zur digitalen Wende in deutschen Kinos liefen und die bei ihm ein Obdach gefunden haben. Der Maschinenraum ist Beckers Büro. Es befindet sich im Souterrain des an der Brackweder Einkaufsstraße gelegenen Schreibwarengeschäfts, das der gelernte Kaufmann ebenfalls in die neue Zeit zu retten versucht. Seit mehr als 100 Jahren ist das Unternehmen in Familienhand, und abgesehen von ein, zwei modernen Geräten könnte das in Brauntönen gehaltene Interieur selbst Filmkulisse sein: eine Büroeinrichtung auf dem Stand von ungefähr 1986. Was wohl auch daran liegt, dass Becker jahrelang sein ganzes Geld in die Filmsammlung gesteckt hat. Vielleicht müssen Räume, in denen echte Leidenschaft wohnt, aber einfach unstylish sein. Was hier wirklich zählt, sieht man an den Kinoplakaten und an den Filmrollen, die herumliegen – Papierkram und Filmmaterial in einer wilden Mischung. In der einen Tageshälfte rettet Becker den Laden, damit er in der anderen Tageshälfte Filme retten kann.

Sein Lieblingsfilm? "Der unsichtbare Dritte von Alfred Hitchcock." Aber zum Filmeschauen kommt er kaum noch, es ist einfach alles wahnsinnig viel geworden. Seit der digitalen Wende im Filmgeschäft klingelt bei Becker dauernd das Telefon. Da waren all die Verleiher, die kaputtgingen, die Filmzentrallager, die aufgelöst wurden. Auch viele kleine Produktionsfirmen sind untergegangen, und selbst die großen lösen ihre analogen Archive auf. Es gibt nur noch um die 40 Kinos in Deutschland, die analoges Material abspielen können. Das Publikum für Wiederaufführungen alter Filme ist überschaubar. Für die wenigen verbleibenden Filmkunstkinos und Festivals ist Becker einer der Verleiher geworden: hier ein Doris-Day-Klassiker für das Metropolis in Hamburg, dort ein paar Kopien für die Bernhard-Wicki-Reihe im Metro Kinokulturhaus in Wien. So fließt auch ein bisschen Geld in die Kasse.

Wo Bestände aufgelöst werden sollen, steckt man sich Beckers Telefonnummer zu. Täglich wird in Deutschland Filmmaterial vernichtet, und die Entsorgung kostet Geld. Besser also, dieser Filmverrückte aus Bielefeld fährt mit seinem Transporter vor und holt die Rollen ab. Und so gibt es inzwischen kaum noch etwas, das es bei Becker nicht gibt: Blockbuster, Heimatfilme, Komödien, Werbefilme aus der Stummfilmzeit, Synchronfassungen amerikanischer Klassiker – alles da. Immerhin 95 Prozent der Filme sind im Archivkatalog erfasst, eine Excel-Liste mit Titel, Länge, Produktionsjahr, Produktionsland. Den Rest muss er noch aufarbeiten, er kommt nicht hinterher. Trotzdem soll es im Archiv Becker keinen Aufnahmestopp geben: "Für größere Bestände werden zur Not neue Räume gemietet, kleinere Mengen schieben wir noch irgendwo unters Sofa."

Ist seine Sammlung eine Arche Noah oder eher ein Gnadenhof für Filme? "Ganz klar Arche Noah", sagt Becker. Er habe noch sämtliche Originalnegative der Deutschen Wochenschau, 8000 Büchsen von 1945 bis 1982. Manchmal kommt es auch vor, dass an dem, was lange in der Schmuddelecke lagerte, plötzlich ein kulturelles Interesse entsteht. Vor ein paar Jahren rief der Sender Arte bei ihm an: Man plante eine Dokumentation über das Phänomen der Bahnhofskinos in Westdeutschland. "Cinema Perverso" sollte der Titel lauten – Becker konnte mit reichlich Originalmaterial dienen.

Diese Bilderwelten drohen zu verschwinden

Eine übergreifende Bestandserfassung steht in Deutschland erst am Anfang, und private Sammlungen wurden bisher kaum berücksichtigt. Deshalb weiß man nie so genau, ob man es nicht vielleicht mit einer seltenen, wenn nicht der letzten Kopie eines Films zu tun hat. In Beckers Archiven stapeln sich die Rollen auf Metallregalen bis zur Decke, die Filme lagern meist noch in jener wilden Mischung, in der sie angeliefert wurden. Verstaut wurden sie, wo gerade noch Platz war. Becker sagt, das große Sortieren stünde noch an, damit nicht nur er weiß, wo welche Rolle in den Tiefen des Archivs zu finden sind. Lässt man den Blick über die Filmtitel schweifen, drängt sich doch eine Frage auf: Sollten nicht zumindest die deutschen Produktionen besser an einen Ort wie das Bundesarchiv verlegt werden, wo sie unter optimalen Bedingungen lagern könnten? Die Luftfeuchtigkeit in Bielefeld-Brackwede ist in Ordnung, aber die Temperatur sollte für Farbfilm eigentlich niedriger sein. Doch Klimatechnik ist teuer. Beckers Antwort fällt ostwestfälisch schroff aus: "Das sind fähige Leute beim Bundesarchiv, aber die kommen nicht aus dem Quark, Beamte eben. Die sind nicht schnell genug, wenn es Bestände zu übernehmen gilt. Genauso wenn man da einen Film anfragt: Das dauert Wochen. Bei mir kriegen die Leute jeden Film am nächsten Tag."

Stellt man die Frage Ursula von Keitz, Leiterin des Filmmuseums Potsdam, die Becker sehr zugetan ist und gelegentlich Kopien aus seinem Archiv zeigt, kriegt man eine diplomatischere Antwort: "Die öffentlichen Archive haben im Grunde genommen das gleiche Problem wie Becker: Die schiere Menge des Materials ist kaum zu bewältigen. Allen fehlt es an Mitteln." Für von Keitz ist es kein Problem, wenn seltene Filmkopien in Privathänden verbleiben. Sammler archivieren möglicherweise auch wertvolle Fassungen, sie sollten sie aber nicht wie einen van Gogh im Safe verschwinden lassen. Davon kann bei Becker nicht die Rede sein. Genau dafür schuftet er ja in seinem cineastischen Maschinenraum: dass diese Filme sichtbar bleiben. Sein Feind ist der gesellschaftliche blinde Fleck, in dem diese Bilderwelten zu verschwinden drohen, seit sie durch Codes von den Leinwänden verdrängt wurden. Demgegenüber erscheint die Aussicht auf optimale Lagerung in einem staatlichen Archiv wie ein perfekter Sarg.

Becker öffnet eine alte Filmbüchse: "Schauen Sie mal. Das ist eben die Gefahr." Das amorphe Gebilde erinnert nur noch entfernt an eine Filmrolle. Essigsäure-Ausfällungen haben das Material komplett zerstört. In diesem Fall handelte es sich um eine Wochenschau-Ausgabe zu Hitlers 50. Geburtstag. Ein Verlust, den ein Filmliebhaber verkraftet. Doch nicht auszudenken, wenn dasselbe mit einem Technicolor-Klassiker wie Vom Winde verweht aus dem Jahr 1939 passieren würde. Cineasten können über die fotografische Brillanz bestimmter Jahrgänge ins Schwärmen geraten wie Weinkenner über einen Bordeaux. Damals wurden die Kopien eben noch von Hand gezogen. Ihre Schärfe und Farbstärke ist unerreicht.

Wird der Code in 50 Jahren noch auslesbar sein?

Auch durch Digitalisierung wird man nicht sämtliche Produktionen der analogen Ära vor dem Verfall schützen. Ein langzeitsicheres Digitalisat eines 90-Minüters in Farbe kostet um die 15.000 Euro. Und dabei bleibt technisch unwägbar: Wird der Code in 50 Jahren noch auslesbar sein? Schon in der kurzen digitalen Ära haben sich die Formate mehrfach geändert. Auf einer Filmrolle dagegen sind die Bilder mit bloßem Auge zu erkennen. In den USA wird von digitalen Filmen zur Archivierung oft eine Ausbelichtung auf Polyester produziert. Unter guten Lagerbedingungen kann analoges Material über 100 Jahre und noch länger halten. "In den USA und in Frankreich hat die Filmkultur einen anderen Status als bei uns", erklärt von Keitz und wird offiziös: Auch in Deutschland sei ein beherztes Bekenntnis zum Film als Bestandteil der Kultur nötig. Alle filmkulturellen Institutionen bräuchten mehr Förderung, auch Archive wie das von Becker. Der ist auch so zu einer wichtigen Größe neben den öffentlichen Archiven und Kinematheken geworden. Becker als der unsichtbare Dritte. Die Frage nach der Digitalisierung kommentiert er lakonisch: "Ich mach ja auch kein Handyfoto von einem Rembrandt und sage dann, jetzt können wir den Rembrandt ruhig wegwerfen."

Lieber bringt er seine Rembrandts auf die Leinwand, für die sie produziert worden sind. Jeden Freitagabend tut er das und nennt es "Kino Melodie", so wie in seinen Kindheitstagen das Brackweder Lichtspielhaus hieß. In Wirklichkeit finden die Filmabende in der Aula der Realschule statt. Und Becker kämpft oben im Vorführraum gegen den Schlaf an. Frage an ihn: Wie ist er überhaupt zu dieser Leidensbereitschaft für Film gekommen? Die knappe Antwort: "Ich bin als Kind gemobbt worden."

Das war genau hier, in dieser Schule, die in den Siebzigerjahren mal seine eigene war. Becker war jahrelang der Klassendepp, weil die anderen auf den psychedelischen Rock von T. Rex standen, während er eine seltsame Schwäche für den Schlagersänger Rudi Schuricke hatte ("Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt"). Fast täglich steckte sein Hintern im Mülleimer. Dann nutzte er eine Vollversammlung in der Aula und verkündete großspurig: "Ich möchte einen Filmclub gründen." Die Schulleitung unterstützte das: "Auf dem Projektor, auf dem uns vormittags das Liebesleben der Ameisen gezeigt wurde, habe ich dann nachmittags vor 600 Schülern Dracula jagt Minimädchen vorgeführt." Bei der Auswahl der Filme gab es manchmal Ärger mit dem Direktor, dafür kam Becker jetzt bei den Mitschülern gut an. Vor allem als er in einem Kino einen Aushilfsjob als Vorführer ergatterte und dort bald die Spätvorstellungen abspulen durfte. Da war er gerade mal vierzehn, kannte aber schon jeden Schulmädchenreport. Alle wollten nun die Schulpausen mit ihm verbringen und mehr erfahren.

Die inoffizielle Deutschlandpremiere der "Rocky Horror Picture Show"

Becker streckte seine Fühler derweil in die Verleiherbranche aus und beschaffte die ersten ausrangierten Kopien, die er im Filmclub vorführen konnte. Eine Verwertungskette, die ihm stetig mehr Beliebtheit zuschaufelte. Und Geld und Kontakte: Seinem Arbeitgeber, dem Kinobetreiber, konnte er einen alten 35-Millimeter-Projektor abschwatzen, den er in seinem alten Kinderzimmer installierte. Er hatte nun sein eigenes kleines Privatkino, auf knapp 15 Quadratmetern unter der Dachschräge seines Elternhauses.

Auf der Berlinale 1979, da war Becker 18 Jahre alt, hat er Horst kennengelernt, mit dem er heute noch liiert ist. Horst arbeitete damals schon als Chefdisponent bei Twentieth Century Fox in Düsseldorf. An den Wochenenden besuchte er oft Frank und hatte dann ausländische Produktionen im Gepäck, die er sichten musste, um ihren Vertrieb zu planen. Und so kam es, dass die inoffizielle Deutschlandpremiere der Rocky Horror Picture Show unter der Dachschräge eines Bielefelder Kinderzimmers stattfand.

Bevor Becker den elterlichen Betrieb übernahm, arbeitete er selbst lange als Cutter bei Filmproduktionen. Auch damals gab es schon eine Menge Material, das auf der Müllkippe gelandet wäre, hätte sich nicht rumgesprochen, dass Becker selbst den letzten Ramsch nimmt. Dazu zählte man in den Siebzigern etwa auch Ausgaben der Deutschen Wochenschau. So ist sein Archiv über die Jahre gewachsen, erst ganz allmählich, dann rapide: Seit der Digitalisierung platzt es aus allen Nähten, und Becker fragt sich manchmal, wie lange er das rein körperlich überhaupt noch schafft.

Eine neue Zukunftsperspektive kam 2011, als Detlef Timmerhans Beckers Büro betrat – Timmerhans war ein Spross der Familie, die hier bis Ende der Sechziger das Kino Melodie betrieben hatte. An der ungefragten Namensnutzung nahm er nun allerdings nicht mehr groß Anstoß. Nachdem er verstanden hatte, was Becker eigentlich machte, war Timmerhans klar, dass hier etwas massiv falsch lief: "Du betreibst die größte private Filmsammlung Deutschlands und sicherst sie durch ein Schreibwarengeschäft ab?" Nicht gerade eine florierende Zukunftsbranche.

Die beiden kamen ins Plaudern. Hatte sich Becker als Teenager durch Filme aus der Mobbinghölle befreit und nennt seine Filmabende in der Schule heute "Melodie", so weckte der Name bei Timmerhans Erinnerungen an das Kino, über dem er mit seinen Eltern gewohnt hatte und wo er als kleiner Junge abends noch manchmal beim Vorführer sitzen durfte. Doch bald hatten die kleinen Vorstadtkinos gegen das Fernsehen keine Chance mehr, und der Vorhang schloss sich für immer. Timmerhans hatte sein Berufsleben dann als Mitinhaber einer Produktionsfirma für Werbefilme verbracht. Nun, kurz vor dem Ruhestand, verspürte er wieder Lust auf größeres Kino. "Lass uns eine Stiftung gründen", sagte er.

Das war einfacher als gedacht – und es machte Beckers Leben leichter. Seine Filmsammlung ist jetzt von seiner privaten Finanzsituation entkoppelt, und er kann mit Unterstützung von Timmerhans ein Herzensprojekt ankurbeln: Mit einem mobilen Kino will er herumtingeln und Jugendlichen diese Technik wieder nahebringen – die Streaming-Generation anregen, vom Handy aufzuschauen und den Blickwinkel zu erweitern. Schließlich hat es doch auch ein Vinyl-Revival gegeben.

Die neue Perspektive für Becker: Weil seine Sammlung nun schon als öffentliches Gut anerkannt ist, könnte er sie auch irgendwann mal unkomplizierter an einen anderen Träger übergeben und müsste dann nie wieder Filmrollen schleppen. Neulich hat die Umwandlung in eine Stiftung allerdings dazu geführt, dass er wieder ziemlich ins Schwitzen kam. Die Erben eines passionierten Filmfreaks boten ihm eine Sammlung im Wert von mehreren Hunderttausend Euro an – eine Summe, die er früher nie hätte aufbringen können. Nun aber kann die Stiftung das Filmmaterial als Sachspende empfangen, und die Erben erhalten steuerliche Vergünstigungen. Dazu konnte Becker nun wirklich nicht Nein sagen. Also fuhren die beiden Sattelschlepper mit Filmrollen vor. Es war wieder mal eine ungeheure Plackerei.