Becker streckte seine Fühler derweil in die Verleiherbranche aus und beschaffte die ersten ausrangierten Kopien, die er im Filmclub vorführen konnte. Eine Verwertungskette, die ihm stetig mehr Beliebtheit zuschaufelte. Und Geld und Kontakte: Seinem Arbeitgeber, dem Kinobetreiber, konnte er einen alten 35-Millimeter-Projektor abschwatzen, den er in seinem alten Kinderzimmer installierte. Er hatte nun sein eigenes kleines Privatkino, auf knapp 15 Quadratmetern unter der Dachschräge seines Elternhauses.

Auf der Berlinale 1979, da war Becker 18 Jahre alt, hat er Horst kennengelernt, mit dem er heute noch liiert ist. Horst arbeitete damals schon als Chefdisponent bei Twentieth Century Fox in Düsseldorf. An den Wochenenden besuchte er oft Frank und hatte dann ausländische Produktionen im Gepäck, die er sichten musste, um ihren Vertrieb zu planen. Und so kam es, dass die inoffizielle Deutschlandpremiere der Rocky Horror Picture Show unter der Dachschräge eines Bielefelder Kinderzimmers stattfand.

Bevor Becker den elterlichen Betrieb übernahm, arbeitete er selbst lange als Cutter bei Filmproduktionen. Auch damals gab es schon eine Menge Material, das auf der Müllkippe gelandet wäre, hätte sich nicht rumgesprochen, dass Becker selbst den letzten Ramsch nimmt. Dazu zählte man in den Siebzigern etwa auch Ausgaben der Deutschen Wochenschau. So ist sein Archiv über die Jahre gewachsen, erst ganz allmählich, dann rapide: Seit der Digitalisierung platzt es aus allen Nähten, und Becker fragt sich manchmal, wie lange er das rein körperlich überhaupt noch schafft.

Eine neue Zukunftsperspektive kam 2011, als Detlef Timmerhans Beckers Büro betrat – Timmerhans war ein Spross der Familie, die hier bis Ende der Sechziger das Kino Melodie betrieben hatte. An der ungefragten Namensnutzung nahm er nun allerdings nicht mehr groß Anstoß. Nachdem er verstanden hatte, was Becker eigentlich machte, war Timmerhans klar, dass hier etwas massiv falsch lief: "Du betreibst die größte private Filmsammlung Deutschlands und sicherst sie durch ein Schreibwarengeschäft ab?" Nicht gerade eine florierende Zukunftsbranche.

Die beiden kamen ins Plaudern. Hatte sich Becker als Teenager durch Filme aus der Mobbinghölle befreit und nennt seine Filmabende in der Schule heute "Melodie", so weckte der Name bei Timmerhans Erinnerungen an das Kino, über dem er mit seinen Eltern gewohnt hatte und wo er als kleiner Junge abends noch manchmal beim Vorführer sitzen durfte. Doch bald hatten die kleinen Vorstadtkinos gegen das Fernsehen keine Chance mehr, und der Vorhang schloss sich für immer. Timmerhans hatte sein Berufsleben dann als Mitinhaber einer Produktionsfirma für Werbefilme verbracht. Nun, kurz vor dem Ruhestand, verspürte er wieder Lust auf größeres Kino. "Lass uns eine Stiftung gründen", sagte er.

Das war einfacher als gedacht – und es machte Beckers Leben leichter. Seine Filmsammlung ist jetzt von seiner privaten Finanzsituation entkoppelt, und er kann mit Unterstützung von Timmerhans ein Herzensprojekt ankurbeln: Mit einem mobilen Kino will er herumtingeln und Jugendlichen diese Technik wieder nahebringen – die Streaming-Generation anregen, vom Handy aufzuschauen und den Blickwinkel zu erweitern. Schließlich hat es doch auch ein Vinyl-Revival gegeben.

Die neue Perspektive für Becker: Weil seine Sammlung nun schon als öffentliches Gut anerkannt ist, könnte er sie auch irgendwann mal unkomplizierter an einen anderen Träger übergeben und müsste dann nie wieder Filmrollen schleppen. Neulich hat die Umwandlung in eine Stiftung allerdings dazu geführt, dass er wieder ziemlich ins Schwitzen kam. Die Erben eines passionierten Filmfreaks boten ihm eine Sammlung im Wert von mehreren Hunderttausend Euro an – eine Summe, die er früher nie hätte aufbringen können. Nun aber kann die Stiftung das Filmmaterial als Sachspende empfangen, und die Erben erhalten steuerliche Vergünstigungen. Dazu konnte Becker nun wirklich nicht Nein sagen. Also fuhren die beiden Sattelschlepper mit Filmrollen vor. Es war wieder mal eine ungeheure Plackerei.