Anfang September (!) haben ein paar Verlage schon mal Weihnachtsbücher geschickt, manche mit Begleitschreiben, aus denen ein gewisses Entschuldigungsräuspern herauszuhören war ("... damit Sie rechtzeitig planen können, ... die allgemeine Beschleunigung ..."). Im Oktober wurden Weihnachtsmärkte eröffnet. Wenn es so weitergeht, fällt der Beginn der Weihnachtszeit demnächst mit dem der Freibadsaison zusammen. Da mache ich nicht mit. Ich empfehle deshalb ausdrücklich ein wunderbares Buch, das weder mit Weihnachten noch mit dem Winter zu tun hat. Es heißt Fünfzig Dinge, die erst ab fünfzig richtig Spaß machen und handelt vom Herbst des Lebens.

Andrea Gerk hat es geschrieben und Moni Port witzig illustriert. Die Damen sind Jahrgang 1967 und 1968, wissen also, worum es geht. Glücklicherweise handelt es sich bei diesem Buch weder um den hundertsten Ratgeber noch um eine schlecht gelaunte Anklageschrift gegen Altersdiskriminierung. Auch erspart uns die Autorin das Herumkramen in ihrem Erfahrungsschatzkästlein. Sie macht etwas Originelleres und literarisch Interessanteres: Sie polstert die alte, ein wenig verstaubte Gattung der Kalendergeschichte auf, diese anmutige Mischung aus Anekdote und Reflexion. In jeder ihrer fünfzig Miniaturen geht es um eine Aktivität oder eine Idee, die den biografischen Herbst besonnt.

Beispielsweise: die Haare wachsen lassen. Klingt banal, entspringt aber der Beobachtung, dass sich viele Frauen mit Blick auf ihr erhöhtes Alter einen Kurzhaarschnitt zulegen. Weil er halt praktisch ist. Weil sich der Aufwand, den es kostet, eine lange Mähne zu pflegen, nicht mehr zu lohnen scheint. Dieser betrüblichen Verzichtslogik widerspricht dieses Brevier mit der Genusslogik der Muße. Die verbleibende Lebenszeit mag schrumpfen. Dafür aber wächst, so Gerks Credo, dank abnehmender beruflicher Ambitionen und familiärer Pflichten die freie Alltagszeit. Und nichts macht jünger als deren Verschwendung an Dinge, die lustvoll sind, wenn auch nicht notwendig. Also: Langhaar. Oder: "Rezepte kochen, die absurd aufwendig sind", "Sich gegen 18 Uhr einen Drink genehmigen", "Sich langweilen", "Im Chor singen", "Etwas tun, was man nicht kann", "Alle Verflossenen zum Essen einladen", "Seltsame Dinge sammeln" ... Es geht beim Älterwerden nämlich nicht um die ultimative Lebensrevolution. Es geht um die vielen kleinen Freiheiten, das Leben ein wenig zu renovieren – und sich selbst auch.

Eines der schönsten Stücke des Buches hat den Titel Ticks und Macken pflegen. Sein weiser Schlusssatz lautet: "Angepasst hat man sich schließlich lange genug, und eine leichte Kauzigkeit schärft ab einem gewissen Alter Charakter und Persönlichkeit."

Andrea Gerk: Fünfzig Dinge, die erst ab fünfzig richtig Spaß machen
Kein & Aber, Zürich 2019; 192 S., 15,– €