Sabine Rückert: Wir betrachten die Bibel als ein Werk der Weltliteratur. Wir sind beide Pastorentöchter, unser Vater war Pfarrer, unsere Mutter Pfarrerstochter. Wir sind mit einer dicken Hausbibel aufgewachsen. Sie wiegt sechs Kilo.

Johanna Haberer: 54 Zentimeter hoch, 42 Zentimeter breit und 33 Zentimeter dick ist unsere Hausbibel. Mit ihren Geschichten sind wir beide aufgewachsen. Die Erzählungen der Bibel gehören quasi zur Innenausstattung unserer Hirne und Herzen. Und natürlich ist die Bibel auch ein Weltkulturerbe, ein Inspirationsraum für unglaublich viele Schriftsteller, Dichter und Literaten.

Rückert: Gott spricht in der Schöpfungsgeschichte mit sich selbst und nennt sich selber "uns". Am Schluss der Schöpfungsgeschichte sagt er: "Lasset uns Menschen machen nach unserem Bilde." Das erinnert mich an die Figur Gollum aus "Herr der Ringe": dieser merkwürdige Kauz, der unter einem Stein in Wasserpfützen wohnt. Auch Gollum redet mit sich selbst, ist auch vollkommen einsam – so wie Gott. Deshalb erschafft Gott sich wohl auch Menschen, um nicht mehr so allein zu sein.

Haberer: Zur Zeit der Autoren gab es ja überall Statuen von vielen Göttern. Diese vielen Göttervorstellungen sind in der Genesis in einem Gott vereint. Es bleibt aber ein Gott in Beziehung, und zwar zu uns Menschen als seinen Ebenbildern. An die Stelle der Götterstatuen treten die Menschen. Der Mensch ist eben nicht sündig und schlecht. Er hat das ganze Potenzial Gottes als sein Ebenbild. Jeder Mensch – ein massiver Demokratisierungsschub im Vergleich zu den damaligen Hierarchien!

Rückert: An Tag sechs erschafft Gott alle Tiere, und dann sagt er plötzlich: "Lasset uns Menschen machen." Für den Menschen gibt es keinen extra Tag, er wird in einem Zug mit den Tieren geschaffen. Das finde ich interessant.

Haberer: Der Mensch wird gleichberechtigt mit den Tieren in die Schöpfung eingebettet. Alles Lebendige gehört zusammen, Mensch und Tier haben ihren je eigenen Platz. Nach der Schöpfungserzählung isst der Mensch noch kein Fleisch, er lebt vom Getreide. Die Genesis erzählt die Utopie einer gewaltlosen Weltordnung, in der alles Lebendige miteinander in Frieden lebt.

Rückert: Am siebten Tag vollendet Gott sein Werk und dann ruht er. Gott muss ruhen – ist das nicht interessant? Er muss mal Pause machen. Das finde ich für ein Individuum, das alles weiß und kann, erstaunlich.

Haberer: Über dieses "Ruhen" wird heftig diskutiert, weil das hebräische Verb auch "sich zurückziehen" meinen kann. Dann wäre die Frage, ob Gott nun nicht mehr da ist. Es meint aber, dass es auch einen Tag geben muss, an dem nicht das Leistungsprinzip gilt. Daher kommt unsere Siebentagewoche. Die Kommunisten wollten mal eine Zehntagewoche etablieren. Die Bibel hält dagegen: Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Leistungen.