Der Schmerz einer Trennung wird selten geringer, wenn sich der formale Scheidungsakt lange hinzieht. Am 3. Juni wurden erste Gerüchte laut, Heinz-Christian Strache könnte der Ausschluss aus der FPÖ drohen. Am 30. November erklärte nun einer der beiden Nachfolger des über den Ibiza-Skandal gestürzten Ex-Frontmanns der Freiheitlichen, Herbert Kickl, dass Straches Ausschluss nur mehr eine Frage von Stunden sei. Zwei Tage später war dann klar, dass sich der Showdown einmal mehr in die Länge ziehen wird. Strache, so schließlich der Stand am Dienstag, wurde von der Partei vor ein Schiedsgericht zitiert – doch weil sich der Geladene auf Urlaub befinden soll, könnte es bis zu dem tatsächlichen Termin der Anhörung noch eine ganze Weile dauern.

Dabei steht schon heute fest: Der 14 Jahre lang amtierende Popstar des rechten Lagers hat ausgedient. Für Schlagzeilen wird Heinz-Christian Strache zwar weiterhin sorgen und einige Zeit lang auch eine gar nicht so kleine Wählerschar hinter sich versammeln können. Doch Durchschlagskraft auf der politischen Bühne wird er ohne Parteiapparat im Rücken und ohne gewiefte Einflüsterer, die ihm helfen, Hasskampagnen zu schüren, kaum entwickeln können. Einer wie sein einstiger Vordenker Herbert Kickl fehlt ihm jetzt, und auch all die Mitarbeiter, die nicht nur Dinge wie Spesenabrechnungen ebenso kreativ wie unbürokratisch abwickeln. Warum spielt die FPÖ also dann weiter auf Zeit?

Die Aussagen der vergangenen Tage ließen ja keinen Zweifel aufkommen. Wer in den blauen Reihen derzeit etwas zu sagen hat, der will Strache und mit ihm die ganzen Blamagen seit Bekanntwerden des Ibiza-Videos loswerden. "Wir vergessen natürlich nicht, was HC Strache für die FPÖ Positives getan hat, aber was in den letzten Wochen und Monaten passiert ist, ist nicht mehr tragbar!" Mit diesem Facebook-Post meldete sich Parteichef Norbert Hofer am Wochenende aus der Versenkung zurück und wiederholte im Grunde das, was vor ihm schon eine lange Reihe gewichtiger Freiheitlicher postuliert hatte.

Formal ist es laut FPÖ-Statuten aber die Wiener Landespartei, die über einen Mitgliederausschluss urteilen muss. Die Verantwortung für diese unpopuläre Entscheidung hat der junge Landeschef Dominik Nepp, der einst von Strache protegiert wurde, an ein Schiedsgericht delegiert. Und dieses dreiköpfige Gremium unter Vorsitz des pensionierten Notars Friedrich Stefan, so die offizielle Erklärung für den Aufschub, müsse nun den ganzen Fall eingehend prüfen und formal einwandfrei klären. Das macht freilich Sinn, hat Strache doch schon anklingen lassen, er werde einen Ausschluss anfechten.

Doch mit ihrem Spiel auf Zeit hofft die FPÖ, noch mehr zu erreichen. Zum einen geht es um die interne Front. Das Strache-Lager innerhalb der Partei ist zwar nur mehr klein, aber es existiert. Der Erste, der sich aus der Deckung gewagt hat, ist der Wiener Gemeinderat Karl Baron. Vergangene Woche hatte er sich für eine Rückkehr Straches als Landesparteichef ausgesprochen und damit auch Gerüchte über ein sehr rasches Comeback des Gestrauchelten angeheizt.

Denn auf neue Wahlen müsste Strache gar nicht warten. Bei der letzten Wiener Gemeinderatswahl vor vier Jahren stand er in vier Kreiswahllisten auf Platz eins. Tritt nun ein FPÖ-Mandatar wie Baron im Gemeinderat zurück, kann Strache automatisch nachrücken. Sollte es ihm dann noch gelingen, zwei weitere Freiheitliche aus dem Gemeinderat zum Überlaufen zu überreden, stünde ihm zudem Klubförderung zu.

Strache muss sich gedulden, doch er ist kein Mann der Geduld

Wer von den blauen Wiener Mandataren, abgesehen von Karl Baron, tatsächlich abtrünnig werden könnte, ist unklar – auch für die Parteiführung, die sich hinter den Kulissen Klarheit über die eigenen Reihen zu verschaffen versucht. Und solange Strache nicht formal ausgeschlossen ist, so das Kalkül, kann er sich auch nicht in eine Märtyrerpose werfen und die Gemeinderats-Rochade in Angriff nehmen.

Das ist der zweite Vorteil, den sich die FPÖ von der Aufschiebung des Ausschlusses erhofft. Das Warten nimmt Strache Wind aus den Segeln. Noch am Wochenende hatte er sich in Position gebracht und in einem Video-Statement über den "Vernichtungsfeldzug, der groteske Züge annimmt", geklagt. Doch aus der Opferinszenierung, er sei quasi dazu gezwungen worden, gegen die FPÖ in den Kampf zu ziehen, wird ohne den Parteiausschluss vorläufig nichts.