Erinnern Sie sich? Vor neun Jahren, da wollte eine furchtlose, junge Gymnasiastin aus dem Berner Oberland die Schweiz beim Eurovision Song Contest vertreten, schied aber bereits in der Vorrunde aus. (Es gewann die brave Anna Rossinelli.)

Doch ihren Traum von der Musikerinnenkarriere gab Ilira Gashi nicht auf. Sie ist heute drauf und dran, ein internationaler Popstar zu werden.

Mit dem House-DJ Alle Farben landete Ilira im vergangenen Jahr in Deutschland den wochenlangen Nummer-eins-Hit Fading. Der Song zählt 36 Millionen Klicks auf YouTube. Vor wenigen Wochen war Ilira als "Best Swiss Act" für die MTV European Music Awards, neben der Rapperin Loredana und dem Liedermacher Faber. (Es gewann die schrille Loredana.)

Nun sitzt Ilira Gashi vor einem Garderobenspiegel in Berlin-Mitte, im Produktionsstudio des Kindersenders Kika, und pudert sich das Gesicht. Sie ist der Stargast in der nächsten Staffel der Songwriting-Talentshow Dein Song und wird einer Teenagerin dabei helfen, ein eigenes Lied einzustudieren. Heute drehen sie die Szenen, die Ilira mit ihrem Protegé zeigen: beim Frühstück, beim Songschreiben, beim Proben.

Die Stylistin Flo glättet die Spitzen ihrer langen, schwarzen Haare. Ilira streicht den roten Schottenrock glatt und ist bereit für die Kamera. In diesem Moment stößt auch Jaro, einer ihrer Manager, dazu. "Sie ist auch aus dem Kosovo", stellt mich Ilira vor, als wäre ich damit Teil ihres Clubs geworden. Wir tragen sogar den gleichen Nachnamen, sind aber nicht verwandt."A po don me pi diqka?" Ob ich etwas trinken wolle, fragt sie auf Albanisch und huscht dann los.

Die erste Szene, ein gemeinsames Frühstück mit der Teeniestar-Kandidatin, ist im Kasten, Ilira bleibt am Tisch sitzen und schneidet sich ein Stück Käse ab. "Ich vermisse den Käse aus der Schweiz", sagt sie auf Berndeutsch.

Neun Jahre sind seit ihrem Versuch vergangen, beim Eurovision Song Contest mitzumachen. Woher hatte sie den Willen, so lange durchzuhalten? "Von meinen Eltern!", sagt sie sofort.

"Du weißt ja selbst, wie das für deine Eltern war"

Iliras Mutter wuchs in der albanischen Hauptstadt Tirana auf, studierte Medizin und lernte bei einem Badeurlaub ihren Vater, einen Kosovaren aus Prishtinë, kennen. Das Kosovo war damals eine autonome Provinz Serbiens. Wie viele Kosovaren litt der Vater unter den serbischen Repressionen, verlor seine Arbeit, schlitterte in die Armut, floh ins Ausland und erhielt in der Schweiz schließlich Asyl. Gemeinsam mit seiner Frau zog er nach Brienz im Berner Oberland und baute sich dort eine neue Existenz auf. Ein Jahr später kam Ilira zur Welt, kurz danach ihre Schwester. Obwohl die Familie in Sicherheit war, als der Krieg 1998 ausbrach, sei dieser für sie eine einschneidende Erfahrung gewesen, sagt Ilira: "Ich war zwar noch sehr jung. Aber ich spürte die Angst meiner Eltern."

Iliras Eltern wurde in der Schweiz nichts geschenkt. "Du weißt ja selbst, wie das für deine Eltern war", sagt sie zu mir. Sie schlugen sich mit verschiedenen Jobs durch. Die Mutter wollte als Psychiaterin arbeiten. "Sie musste dafür noch mal von vorn anfangen." Also sich noch einmal ausbilden lassen. Heute hat sie eine Praxis und behandelt Patienten, darunter viele Frauen, die aus dem Kosovo kommen und unter posttraumatischen Belastungsstörungen und Depressionen leiden. Etwa weil sie während des Krieges Opfer von sexueller Gewalt wurden. "Ich wünsche mir, dass wir irgendwann loslassen könnten vom Schmerz", sagt Ilira. "Die Generation unserer Eltern gibt die Erinnerungen an die Kinder weiter. Viele Menschen haben das Geschehene noch nicht verarbeitet."

Das Aufwachsen im ländlichen Brienz war nicht einfach. "Allein durch meine Herkunft war ich anders. Ich war eine der wenigen Ausländerinnen in der Klasse." Gleichzeitig macht sie keinen Hehl daraus, dass sie sich lieber ihren Tagträumen hingab, als unbedingt dazugehören zu wollen. Ihre beste Freundin war ihre jüngere Schwester. Mit Autoritätspersonen hatte sie Probleme, zum Unterricht erschien sie "gestylt wie eine Dragqueen". Sie hörte Metal, aber auch Popmusik und verehrte Lady Gaga. "Eines Tages rief mich der Rektor ins Büro und meinte, wenn ich so viel Zeit und Mühe in die Schule investieren würde wie in mein Aussehen, hätte ich sicher bessere Noten." Ihr letztes Schuljahr absolvierte sie in Deutschland und machte das Abitur mit Schwerpunkt klassischer Musik. Danach setzte sie ganz auf ihre Musikkarriere.