In der Serie "Die ZEIT-Redaktion entdeckt..." schreiben Britta Stuff, Francesco Giammarco, Nina Pauer und Alard von Kittlitz jede Woche im Wechsel über Beobachtungen aus ihrem Alltag.

Eigentlich wollte ich eine Kolumne über Hass schreiben, und zwar über meinen Hass auf Konferenzen. Ich hatte mir alles schon innerlich zurechtgelegt: die Tatsache, dass Konferenzen nirgendwohin führen, dafür aber ewig dauern. Ich wollte schreiben, wie dann jeder Lebensmut aus mir entweicht und wie ich meist versuche, schon vor Ende der Konferenz abzuhauen. Ich hatte in der Küche der ZEIT ein Erste-Hilfe-Plakat entdeckt, auf dem die Symptome eines Schocks aufgelistet sind: Teilnahmslosigkeit, Schweiß auf der Stirn, fahle Blässe. Und wollte ausbreiten, dass mich Konferenzen offenbar in einen Schockzustand versetzen.

Ich lasse das nun. Ich habe beschlossen, dass ich nicht über Hass schreiben möchte. Das fällt mir schwer, denn die Wahrheit ist: Es ist viel leichter, über etwas zu schreiben, das man nicht mag, als über etwas, das man mag. Hass ist unterhaltsamer, und man bekommt mehr Aufmerksamkeit. Vielleicht kommt so auch der ganze Hass in die Welt: Es ist viel bequemer, zumindest für den, der hasst.

Dabei gibt es so viele liebenswerte Menschen auf der Welt.

Ich habe eine Freundin, die hat, um Kontakt zu ihrer verstorbenen Katze aufzunehmen, so eine Art Schamanen in ihre Wohnung gebeten. Der ließ ausrichten: Der Katze geht es gut dort, wo sie jetzt ist. Sie hat keine größeren Rechnungen mit meiner Freundin offen. Man könnte nun sagen, dass das etwas irre ist, ist es vielleicht auch, aber ist es nicht auch einfach sehr nett? Brauchen wir nicht mehr Menschen auf der Welt, die um ihre Katzen trauern? Brauchen wir nicht mehr Schamanen, die sagen: Mit der toten Katze ist alles okay?

Ein Kollege von mir sagte neulich in einem Nebensatz, der ideale Tod sei es, von einem reißenden Tier, beispielsweise einem Tiger, gefressen zu werden. Ich glotzte ihn verwirrt an, aber er fand das ganz logisch. Ein anderer Kollege fragt, wenn man mit ihm Kaffee trinken geht, gern mal, für wie viel Geld man, theoretisch, die Tischdekoration aufessen würde. Ist das verrückt? Bisschen schon. Aber auch toll. Und ist es nicht generell toll, was in Menschen so vorgeht?

Zum Beispiel in meiner Freundin, die in Paris wohnt. Sie ist Feministin und regte sich jahrelang über einen Mann in ihrem Wohnhaus auf, der sie jeden Morgen im Flur aufdringlich anstarrte. Sie sagte: "Ich habe noch nicht die Straße betreten und bin schon ein Objekt!" Dabei fasste sie sich an die Stirn.

Nun hat der Mann nach Jahren des Starrens das Starren aufgegeben, und sie gestand mir neulich, dass sie seitdem sehr verunsichert ist: Findet der Mann sie etwa nicht mehr attraktiv? Soll sie mal was mit ihren Haaren machen? Ob ich glaube, dass der Mann denkt, dass sie dick ist? Ich wollte meine Freundin für diese Fragen umarmen. Und dafür, dass sie sich traut, sie auszusprechen.

Ich finde, es gibt nichts Schöneres als die kleinen Verrücktheiten von Menschen. Marilyn Monroe hat mal gesagt: "Unperfektheit ist schön, Verrücktheit ist genial, und es ist besser, komplett lächerlich zu sein als komplett langweilig." Ich finde: Lasst uns mehr über unsere Verrücktheiten reden und über Lachhaftigkeiten. Ich zum Beispiel freue mich darüber, dass, während ich diese Zeilen schreibe, gerade Tina-Turner-Woche auf Radio Paradiso ist. Lasst uns Konferenzen abhalten und nur über so was reden, zu so einer Runde würde ich auch kommen und bis zum Schluss bleiben.