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Kim versteht die Frage nicht. Urlaub? Sicher, er sei schon einmal ein paar Tage nicht in der Fabrik gewesen in den sechs Jahren, die er dort arbeite. Aber freigenommen? Einfach so zur Erholung? Kim lacht. Natürlich nicht. Wie solle das gehen?

Im Hof vor einem ärmlichen Haus haben sich ein paar Kleinkinder um den Mann herum versammelt, barfuß laufen sie über den lehmigen Boden. Eine magere Kuh knabbert zwischen Unrat und Abfällen Grashalme ab. Umgerechnet etwa fünfeinhalb Euro am Tag verdient Kim in der Fabrik, was dem Mindestlohn in Kambodscha entspricht, plus einer geringen Zulage. "Das reicht aber nicht, um meinen kleinen Sohn zu ernähren, für das Milchpulver und eine eigene Wohnung", sagt der Arbeiter. Deshalb wohnt er im Haus seiner Schwiegereltern.

Sechs Tage pro Woche sägt Kim in der Fabrik Rohre aus Aluminium zurecht, die andere Arbeiter zu einem Rahmen zusammenschweißen, dem Grundgestell eines jeden Fahrrads. Auch Laufräder Bremsen und Gangschaltung werden dort montiert. Die Räder kommen in Container und landen einige Wochen später am anderen Ende der Welt.

Zum Beispiel in einem Fahrradmarkt am Berliner Stadtrand. An einem Novembertag interessieren sich dort ein Junge und sein Vater für ein blaues Mountainbike der Marke Bulls: 24 Gänge, der Rahmen aus Aluminium, vorn eine Federgabel. Einen Blick unter das Rad aber werfen die beiden nicht. Sonst würden sie dort, am tiefsten Punkt des Rahmens, einen kleinen Aufkleber entdecken, der sich bei Nässe und Schmutz schnell ablöst. Die Aufschrift: "Made in Cambodia".

Dass T-Shirts und Turnschuhe oft unter üblen Arbeitsbedingungen in Südostasien produziert werden, ist bekannt. Fahrräder indes gelten als umweltfreundlich und nachhaltig. Kaum jemand macht sich Gedanken darüber, wo und wie sie hergestellt werden. Dabei haben viele Räder eine dunkle Seite.

Wohnung eines Arbeiters in Bavet © Zacharias Zacharakis für ZEIT ONLINE

Aus keinem anderen Land der Welt importiert Deutschland mehr Fahrräder als aus Kambodscha. Auch für die EU ist das südostasiatische Land der größte Lieferant. Laut der offiziellen Handelsstatistik hat Kambodscha im vergangenen Jahr 1,5 Millionen Räder nach Europa geschickt. Davon gingen fast 560.000 nach Deutschland.