Arbeiterinnen im Industriegebiet von Bavet nach Feierabend © Zacharias Zacharakis für ZEIT ONLINE

Im Gewerkschaftsbüro drehen sich zwei Ventilatoren, die Hitze ist drückend. Sok erzählt weiter von seiner Arbeit. "Es ist fast unmöglich, bezahlten Urlaub zu bekommen", sagt er. Dem Gesetz nach stehen Beschäftigten in Kambodscha jährlich 18 Tage bezahlter Urlaub zu. Nur hielten sich viele Arbeitgeber in der Gegend nicht daran, sagt Sok. Die Gewerkschafter bestätigen das. In seinen fünf Jahren bei A&J, berichtet Sok, habe er sich einige Male so erschöpft gefühlt, dass er sich krankgemeldet habe, um ein paar Tage zu Hause bleiben zu können. Die Fabrik habe ihn in dieser Zeit nicht bezahlt.

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Die ZEIT hat die Fabrikleitungen von A&J, Smarttech und Speedtech um Stellungnahmen zu den Arbeitsbedingungen gebeten. Nur A&J hat darauf reagiert. Vorstandschef Jon Edwards teilte mit, dass Urlaub "normalerweise von unseren Vorgesetzten gewährt wird, wann immer Arbeiter diesen beantragen". Die Sozialstandards im Unternehmen würden regelmäßig durch unabhängige Prüfer begutachtet, die beim Urlaub keine Verstöße festgestellt hätten. Produktionsziele würden bei A&J nicht vorgegeben, schreibt er, ergänzt aber auch: "Wir entwickeln interne Erwartungen über die Leistung der Fabrik". Diese Erwartungen würden jedoch nicht als Grundlage für die Bezahlung der Beschäftigten herangezogen, so Edwards: "Unsere Belegschaft ist in der Lage, einfach und regelmäßig unsere Produktion zu schaffen, selbst in der Spitzensaison."

Es ist fast unmöglich, bezahlten Urlaub zu bekommen
Sok

Im Gewerkschaftsbüro erkennt Sok Fahrräder der deutschen Marke Cube auf Fotos wieder, bei einem Mountainbike sagt er: "Das Modell haben wir hier geschweißt. Ganz sicher." Ein Kollege aus demselben Werk bestätigt das. Cube sei einer der größten Kunden. Die beiden berichten von Sonderwünschen der Auftraggeber aus Deutschland. So müssten Rahmen und Laufräder separat verpackt werden, weil man sie erst in Deutschland zusammenschrauben wolle. "Es sind auch häufig Vertreter dieser Firma bei uns", sagt Sok. "Sie schauen sich unsere Arbeit an und sagen, was wir anders machen oder verbessern sollen." Ob sich diese Besucher je bei ihm erkundigt haben, wie es ihm geht? "Nein", sagt Sok und schüttelt den Kopf.

Der Gewerkschafter Pisey Puth von der Cambodian Labour Confedaration (CLC) © Zacharias Zacharakis für ZEIT ONLINE

Die ZEIT hat auch versucht, von Cube und den Fahrradfirmen ZEG aus Deutschland sowie Woom aus Österreich konkrete Auskünfte über die Arbeits- und Produktionsbedingungen in den kambodschanischen Fabriken zu erhalten. Bis zum Redaktionsschluss am Dienstag hat jedoch keines der drei Unternehmen die Fragen beantwortet.

Wo und wie die Arbeiter aus den Fahrradfabriken leben, zeigt Pisey Puth von der Cambodian Labor Confederation, einer anderen Gewerkschaft. Mit seinem Motorrad fährt er zu den Wohnsiedlungen, die Bavet umgeben. Über ungeteerte Buckelpisten geht es durch eine Siedlung voller armseliger Behausungen, vorbei an Bambushainen, in denen vermüllte Wassergräben bis an den Straßenrand reichen. Dazwischen spielen Kinder, spärlich oder gar nicht bekleidet.

Vor einer von mehreren Wohnbaracken hält Puth schließlich an. Draußen sitzt ein Mann und erlaubt uns, einen Blick in sein Zimmer zu werfen. Zusammen mit seiner Frau wohne er hier auf wenigen Quadratmetern, erzählt er. Der Boden ist gefliest, ein Bett gibt es nicht, abends rollen sie Decken aus. Aus Sperrholz ist eine Kochecke gezimmert. In einer abgetrennten Kammer befindet sich ein Plumpsklo. So reihen sich die Zimmer der Arbeiter aneinander, manche wohnen mit vier oder fünf Personen in so einem Raum. Umgerechnet 45 Euro Miete koste das pro Monat, sagt Gewerkschafter Puth, manchmal auch mehr.

Die Fahrt geht weiter in ein Industriegebiet, bis zur Fabrik von Speedtech. Nach Angaben der Arbeiter entstehen hier unter anderem Kinderräder für die österreichische Firma Woom. Es ist 16.30 Uhr, die meisten Arbeiterinnen und Arbeiter haben gerade Feierabend und strömen aus den Werkstoren. Nicht alle wohnen in unmittelbarer Nähe.

Viele pendeln aus weiter entfernten Dörfern nach Bavet. Häufig nutzen sie dazu offene Pritschenlaster, deren Ladeflächen nur mit einem Geländer umzäunt sind. Vor allem junge Frauen besteigen solche Fahrzeuge. Eng zusammengepfercht stehen sie auf den Lastern, die sie nach Hause bringen.