Fahrt durch die Wohnviertel der Arbeiter in Bavet © Zacharias Zacharakis für ZEIT ONLINE

"Manche Frauen und Männer fahren morgens bis zu zwei Stunden zur Arbeit und abends wieder zurück", sagt der Gewerkschafter Puth. Immer wieder passierten während der Fahrt schwere Unfälle. "Erst im vergangenen Monat gab es einen Unfall mit zwei Toten", sagt Puth. Meist stammten die Fahrer aus den Dörfern der Arbeiterinnen und Arbeiter. Wenn sie morgens ihre Passagiere abgeliefert hätten, säßen sie den ganzen Tag herum, sagt Puth. Sie langweilten sich, und manche tränken Alkohol.

Die Realität in den Fahrradfabriken steht im harten Widerspruch zum Selbstbild so vieler Radfahrer in Europa: naturbewusst, friedlich, um Nachhaltigkeit bemüht. Unbemerkt geblieben sind die Zustände aber nicht. Im Februar reisten Abgesandte der EU-Kommission nach Kambodscha, um die Vorwürfe zu untersuchen. "Sie waren hier und haben mit uns gesprochen", bestätigt Pav Sina, der Präsident von CUMW. Er habe ihnen von allen Problemen und Missständen erzählt. "In allen drei Fahrradfabriken werden Gewerkschaften systematisch ausgeschlossen", sagt er. Wer sich zu organisieren versuche, werde gefeuert. Vor vier Jahren hatten die Beschäftigten erstmals Arbeitervertreter gewählt und für mehr Lohn protestiert. Die Regierung ließ die Streiks gewaltsam niederschlagen. "Alle, die damals mitgemacht haben, wurden entlassen", sagt Sina.

Jon Edwards, der Vorstandschef der Fabrik A&J, bestreitet das. "Keinem Arbeiter wurde je gekündigt, weil er einer Gewerkschaft beigetreten ist", teilt er mit. Die Fabrikangestellten hätten zudem eine eigene Vereinigung gegründet, die bei der kambodschanischen Regierung offiziell registriert worden sei. CUMW-Gewerkschafter und Arbeiter bestätigten die Existenz dieses Gremiums. Es handele sich dabei aber nicht um eine echte Interessenvertretung der Arbeitnehmer.

Die Fahrradfabrik an A&J in Bavet © Zacharias Zacharakis für ZEIT ONLINE

Mitte November hat die Europäische Union ihren Prüfbericht der Regierung in Phnom Penh übergeben, allerdings ohne ihn zu veröffentlichen. Radio Free Asia zitierte aus dem Dokument, das dem Sender nach eigenen Angaben zugespielt wurde. Die EU-Vertreter hätten "schwerwiegende Verletzungen gegen Prinzipien der Internationalen Arbeitsorganisation ILO" festgestellt. Handelskommissarin Cecilia Malmström sagte bislang nur, dass die Kambodschaner nun einen Monat Zeit hätten zu reagieren. Im Februar will die EU entscheiden. Möglicherweise könnte Kambodscha seine Zollvorteile verlieren. Es wäre das erste Mal in der Geschichte der Everything-But-Arms-Regel, das so etwas passiert.

In Bavet fürchten sich die Menschen vor dem Tag der Entscheidung. Auch Kim hat davon gehört und spricht darüber mit Kollegen und der Familie. "Es geht schon länger das Gerücht um, dass unsere Fabrik schließen wird", sagt er.

Angeblich lohne sich das Geschäft nicht mehr, wenn die EU die Zollfreiheit streiche. Seine Arbeit wolle er aber nicht verlieren, weil sein Land mit Europa streite. Und wer weiß, vielleicht verbessere sich dadurch auch etwas. So wie viele andere fährt auch Kim morgens mit einem der Pritschenlaster in die Fabrik, die Mountainbikes für deutsche Freizeitradler fertigt. Von Kollegen habe er gehört, dass zu einigen Fabriken neuerdings richtige Busse fahren würden. Die seien sicherer, sagt Kim, und darin könne man sogar sitzen.

Mitarbeit: Muyhong Chan