Ein schummriges Zweierbüro im dritten Stock des Willy-Brandt-Hauses, auf dem Schreibtisch ein Spielzeug-Zirkuszelt mit einem Aufkleber: "Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat." Im Regal zwei Bauarbeiterhelme. Am Fensterrahmen hängt die Titelseite der taz: "Riesenskandal: Juso-Chef ist links".

Wer hätte gedacht, dass das Zentrum der deutschen Politik einmal so aussehen würde?

Unter dem Zeitungscover sitzt Kevin Kühnert, der echte, der am Montag dieser Woche mindestens so vergnügt wirkt wie auf dem Foto. Dafür gibt’s ja auch einen Grund: Er hat gewonnen. Kühnert ist jetzt Königsmacher.

Zwei Tage zuvor, als er Olaf Scholz als neuen SPD-Chef verhindert hatte, feierte Kühnert in Vogts Bierexpress in Berlin-Kreuzberg bis spät in die Nacht hinein. Mit den beiden kommenden Parteivorsitzenden, mit Jusos, Freunden und Pfefferminzlikör. Am Morgen danach machte er sich daran, den Sieg abzusichern, rief den engsten Vertrauten des unterlegenen Scholz an und sondierte die Lage.

Nun muss er sich darum kümmern, wie es in Rheinland-Pfalz weitergeht. Malu Dreyer, die Ministerpräsidentin, hat angekündigt, nicht für den stellvertretenden Parteivorsitz zu kandidieren, also hat Kühnert einen Vertrauten gebeten, einmal nachzuforschen, wen man sich dort als Parteivize wünscht. Was man eben so tut, wenn man derjenige ist, bei dem nun alle Fäden zusammenlaufen. Und derjenige, auf den es nun ankommt.

Alle politische Energie, die die deutsche Sozialdemokratie derzeit noch aufbringen kann, fließt zügig in den Flur der Jusos. Das merkt man schon nach ein paar Minuten in Kühnerts Büro. Er kennt in der Parteizentrale im Willy-Brandt-Haus nicht nur fast jeden Mitarbeiter und jeden Raum – er kennt auch alle Winkelzüge.

Für die beiden Demnächst-Chefs ist das alles Neuland.

Es war 18.07 Uhr am vergangenen Samstag, als plötzlich alles vorbei zu sein schien, alles unter- oder zumindest zu Ende zu gehen begann, was man heute mit der SPD verbindet: das Establishment der Partei; Leute wie Scholz, Andrea Nahles, Sigmar Gabriel; die große Koalition; die politische Landschaft, wie die Deutschen sie seit vielen Jahren kennen.

Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans, weiten Teilen der Bevölkerung bis dahin völlig Unbekannte, waren soeben als Sieger aus dem Kandidatenrennen um den SPD-Vorsitz hervorgegangen. Für prominente Sozialdemokraten war der Triumph der Neulinge ein Fanal: Die SPD würde unter dem neuen Spitzen-Duo und ihrem Mastermind Kühnert nach links schwenken, die Regierung verlassen, bei Neuwahlen untergehen und dorthin verschwinden, wo ihre Schwestern und Brüder aus Frankreich oder Griechenland schon längst sind – in der Bedeutungslosigkeit. Gute Nacht, SPD. Rest in peace, Groko.

Wenige Tage später sieht es so aus, als komme alles ganz anders.

45,33 ist zwar eine Verliererzahl, aber eine mit Wirkmacht. 45,33 Prozent der SPD-Mitglieder haben die neue Spitze nicht gewählt. Diese Zahl ist so groß, dass Esken und Walter-Borjans, die parteiintern nun als "Eskabo" Karriere machen, das unterlegene Lager einbinden müssen, wenn sie erfolgreich sein wollen. Also verströmen sie Sanftmut, sobald sie vor eine Kamera treten.

Zu den 45,33 Prozent gehören nahezu die komplette Bundestagsfraktion, alle SPD-Minister, der Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland sowie die geschlossene Front der sozialdemokratischen Ministerpräsidenten, mit anderen Worten: all jene, die bis zum Samstag noch mächtig waren in der Partei. Dass das Votum gegen Olaf Scholz auch ein Votum gegen sie war, diese Analyse teilen allerdings die wenigsten. Gefühle wie Zerknirschung, Frustration oder sonst irgendetwas, das Selbstkritik erahnen ließe, lassen sie nicht zu. Die monatelang bejubelte No-Groko-Stimmung an der Basis, das revolutionäre Ergebnis des Mitgliedervotums – für die SPD-Minister und sehr viele sozialdemokratische Parlamentarier ist das nur eine minimale Störung im System, die es zu beheben gilt. Also: einmal schütteln, aufstehen, weitermachen.