Auf der Website der irischen Fluggesellschaft Ryanair ist alles ganz einfach: Ein Klick während der Buchung eines Tickets, und schon geht ein Euro als Kompensation an den Klimaschutz. Fliegen und gleichzeitig etwas fürs Klima tun, das scheint so kinderleicht zu sein. Doch als kürzlich ein BBC-Reporter der Sache nachging, stellte er fest, dass mit dem gesammelten Geld unter anderem Wale umsorgt werden. Was das denn mit Klimaschutz zu tun habe, fragte er Michael O’Leary, den Chef von Ryanair, und der antwortete: Der Euro sei sowieso "nur eine Geste". Außerdem habe sicher keiner seiner Kunden etwas gegen den Schutz von Walen.

Ob sich das Modell Ryanair auch im großen Stil durchsetzt, ob also auch Regierungen die Förderung von allerlei sympathischen, aber für das Klima nutzlosen Projekten künftig "Kompensation" nennen und als Klimaschutz deklarieren können, darüber wird in diesen Tagen in Madrid verhandelt. Denn dort treffen sich die 197 Regierungen, die das Pariser Übereinkommen abgeschlossen haben. In der französischen Hauptstadt hatten sie sich vor vier Jahren darauf geeinigt, die Erwärmung der Erdatmosphäre auf deutlich unter zwei Grad, verglichen mit dem Stand vor der Industrialisierung, zu begrenzen. Seither streiten sie jedoch über das sogenannte Regelbuch. In dem soll verbindlich stehen, wie Einsparungen von CO₂ zu berechnen sind und wie man sie überprüft. Besonders viel Streit gibt es um den Artikel 6 des Übereinkommens und damit um die Frage: Unter welchen Bedingungen dürfen sich Länder von der Pflicht freikaufen, innerhalb der eigenen Grenzen CO₂ zu sparen?

Der Artikel sieht vor, dass Staaten für den Klimaschutz zusammenarbeiten. Dahinter steckt die ökonomisch sinnvolle Idee, Treibhausgase zunächst dort einzusparen, wo dies am wenigsten kostet. Es ist schließlich billiger, einen Windpark in Marokko zu bauen als in Schleswig-Holstein. Und das bedeutet: Mit einem Euro lassen sich in Nordafrika mehr Klimaschutzmaßnahmen finanzieren als in Europa. Warum also nicht jenseits der Landesgrenzen investieren, sich dafür ein Zertifikat ausstellen lassen – und das eigene Kohlekraftwerke erst mal weiterlaufen lassen?

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FDP-Chef Christian Lindner fordert von der Bundesregierung schon länger, den internationalen Handel mit solchen Zertifikaten stärker zu nutzen. Auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze sieht dies grundsätzlich positiv. "Mit einer Einigung in Madrid wäre der Weg frei für internationale Kohlenstoffmärkte und für Projekte dort, wo es besonders viel bringt." Im Umweltministerium wird allerdings angefügt, dass die Regeln streng sein müssten. Nur, was heißt das?

Die Vergangenheit lehrt: Man kann gar nicht strikt genug sein. Denn schon früher haben Länder und Unternehmen internationale CO₂-Zertifikate gekauft. Das Kyoto-Protokoll, das erste Klimaschutzabkommen, machte es möglich. Bald jedoch flogen enorme Betrügereien auf. Zudem gelangten in kurzer Zeit dermaßen viele Zertifikate auf den Markt, dass dieser zusammenbrach. "Eigentlich haben wir vor allem schlechte Erfahrungen gemacht", sagt Juliette de Grandpré, die für die Umweltorganisation WWF arbeitet. Auch die meisten anderen Umweltverbände sehen die Sache kritisch. In Madrid werden sie die Verhandlungen über den Artikel 6 deswegen genau beobachten.

Auch die Europäische Union war lange Zeit skeptisch. Bereits vor Jahren hatten die EU-Regierungen den Kauf von Zertifikaten aus dem außereuropäischen Ausland weitgehend eingestellt. Außerdem wollten sie vom Artikel 6 erst einmal keinen Gebrauch machen, selbst wenn er denn beschlossen werden sollte: Europa wollte vorrangig in Europa CO₂ reduzieren.

Sollte allerdings die EU den Klimaschutz ehrgeiziger betreiben wollen als bisher, sollte insbesondere die neue Kommissionschefin Ursula von der Leyen die Regierungen dafür gewinnen können, mehr fürs Klima zu tun und ambitioniertere Ziele zu formulieren, dann dürfte der Kauf außereuropäischer Zertifikate wieder ein Thema werden. Das würde wiederum bedeuten: Statt in Deutschland Kohlekraftwerke zu schließen, könnte die Bundesregierung in Namibia Windparks bauen lassen.

Karsten Neuhoff vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung findet dieses Vorgehen grundsätzlich problematisch: "Der Artikel 6 widerspricht eigentlich der Idee von Paris", sagt er. Schließlich sei das Ziel des Übereinkommens, dass jedes einzelne Land möglichst bald CO₂-neutral wirtschafte. Erst wenn das gesichert sei, wenn zumindest alle glaubhaft darauf hinarbeiteten, dann könne man auch über den Artikel 6 reden. Wenn sich hingegen die reichen Länder in größerem Umfang freikaufen könnten, dann reduziere das den Druck, neue Techniken zu entwickeln.

Diese Wirkung lässt sich am Beispiel der Luftfahrtbranche illustrieren. Die soll von 2021 an nur noch CO₂-neutral wachsen, so wollen es die Regierungen. Anstatt jedoch mit Hochdruck an der Entwicklung von klimafreundlichem Kerosin oder sparsameren Motoren zu arbeiten, will sie künftig einfach mehr Zertifikate kaufen.