Es reicht wahrscheinlich, die Geschichte mit dem Bus zu kennen: Als Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans auf der letzten SPD-Regionalversammlung auf die Bühne traten, hielt Esken in ihrer Hand einen Leinenbeutel, wie man ihn von Supermarktkassen kennt. Leider ist es völlig unmöglich, Leinenbeutel außerhalb von Supermärkten würdevoll zu tragen. Wenn man eine politische Rede hält oder in der ersten Reihe einer Veranstaltung sitzt, bei der über den neuen Vorsitz der deutschen Sozialdemokratie entschieden wird, sieht ein Leinenbeutel aus, als hätte man versehentlich Kekse mitgebracht oder dreckige Unterhosen.

Das Publikum in München hat also auf den Beutel gestarrt, bei dieser Konferenz, als Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans noch nicht designierte Parteivorsitzende waren. Und während Walter-Borjans sagte, was er immer gesagt hat, dass der metaphorische Bus, auf dem vorn Sozialdemokratie draufsteht, neue Fahrer brauche, damit er nicht wieder "in die neoliberale Pampa abbiegt", hat Saskia Esken aus diesem Leinenbeutel ein rotes VW-Bus-Modell gezogen und dabei gegrinst. Es gab ein wenig Applaus dafür. Wie nett, konnte man denken, dass die beiden sich was überlegt haben. Aber auf dieser großen Bühne, zwischen den teuren Anzügen und den großen Reden, gab es nur genau ein Adjektiv, das wirklich beschreibt, wie die beiden wirkten, mit ihrem Leinenbeutel und dem Spielzeugbus: drollig.

Nun ist Drolligkeit zuallererst menschlich und damit nicht schlimm. Menschen verhalten sich drollig, wenn sie unverhofft im Mittelpunkt stehen und das nicht gewohnt sind. Sie haben dann drollige Ideen und machen drollige Bewegungen. Aber wahrscheinlich gibt es kaum etwas, was Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans als Parteivorsitzende der SPD so dringend in den Griff bekommen müssen wie ihre eigene Drolligkeit. Sie macht sich nicht gut auf politischen Bühnen.

Walter-Borjans kommt beim Reden oft nicht zum Schluss, reiht Fakten an Anekdoten an Fakten an Anekdoten, Esken kommt oft nicht auf den inhaltlichen Punkt, versteckt sich hinter Nullsätzen, obwohl sie eigentlich Inhaltliches zu sagen hätte. Ihr ist es wichtig, immer zu betonen, dass sie diejenige war, die ihn, Walter-Borjans, zur Kandidatur aufgefordert hat. Und er ist einer dieser älteren Männer, die wissen, dass sich Patriarchentum nicht mehr schickt. Wenn er sich aber doch mal zu viel Raum nimmt, sie übergeht, sich im Reden verliert, dann merkt man ihr an, wie sehr sie das nervt – so wie man ihr sowieso fast alle Emotionen anmerkt, weil da noch keine Schutzhülle drum rum ist, kein Politiker-Modus, der automatisch anspringt. Esken und Walter-Borjans sind zwei, die man kaum lästern hört, die nicht taktieren, die freundlich sind und herzlich, und das ist wohl ihre Schwäche, denn es gilt als unprofessionell.

Während der Bewerbungsphase für den Parteivorsitz haben sich Esken und Walter-Borjans über so ziemlich jede Aufmerksamkeit gefreut: Er war sogar auf die Interviews stolz, die nur in kleinen Lokalzeitungen veröffentlicht wurden, und sie erkundigte sich bei den Regionalkonferenzen immer mal wieder, ob denn die heute-show da sei, denn den Witz, dass sie wie Jogi Löw aussieht, den fand sie ganz gut. Sie sahen gemeinsam dabei zu, wie ihre Twitter-Followerzahlen stiegen, und man hatte das Gefühl, jeder nette Kommentar bedeutete ihnen die ganze Welt.

Von dem Moment an, in dem Kevin Kühnert und seine Jusos ihnen die Unterstützung aussprachen, wussten Esken und Walter-Borjans, dass es gar nicht unwahrscheinlich war, Parteivorsitzende zu werden. Wirklich gerechnet haben sie damit nicht. Auch deswegen wirken die beiden jetzt so überrumpelt: wie am Tag nach der Verkündung des Ergebnisses, als Esken auf die Frage, was jetzt gewonnen sei, erst mal nur einfiel: "dass die Mitglieder abgestimmt haben".

Während der Regionalkonferenzen reisten Walter-Borjans und Esken immer gemeinsam an. In dieser Hinsicht waren sie das teamigste Team von allen. Aber sie waren eben auch ein Team, das aufgrund seiner relativen Machtlosigkeit recht viel Redefreiheit hatte. Man konnte ihnen den Idealismus abnehmen und ihre krasse Kritik an der Groko. Und wenn sie sich in einer Sache nicht einig waren, dann sagten sie eben oft genug, dass sie sich doch einig sind, und niemand nahm es mehr so genau, weil sie dazu einfach nicht wichtig genug waren.

Jetzt aber bekommen sie die Macht, die Kritik, den Zuspruch, das alles, zwei ziemlich normale Leute. Die Frage ist also, was aus der eskaboschen Drolligkeit und aus der Team-Harmonie wird, wenn man sie mit Macht befüllt. Ob die zwei gemeinsam auch funktionieren, wenn sie nicht mehr nur zwei Bewerber sind, die die Redezeit unter sich aufteilen müssen, sondern eine Doppelspitze, die die SPD unter sich aufteilen und hinter sich versammeln muss.

Einmal, als Esken und Walter-Borjans auf Olaf Scholz und Klara Geywitz trafen, fiel Scholz für einen kurzen Moment Eskens Nachname nicht ein. "Saskia ...", sagte er und dann, nach ein paar Sekunden Stille erst, "Esken". Jetzt muss er sich, so wie die ganze Partei, diesen Namen merken – und Esken selbst muss damit zurechtkommen, dass ihr Name nicht mehr nur ihr Name ist, sondern ein Symbol für die Unsicherheit, die diese Wahl allen gebracht hat.