Den 14. Oktober 1797, einen Tag voller Regen, verbringt Goethe im schweizerischen Stäfa am Ufer des Zürichsees. Schon am Morgen fasst er den Entschluss, an diesem trüben Tag das Bett nicht zu verlassen, und schreibt einen ausführlichen Brief an Schiller. Darin ist von einer langen Alpenwanderung die Rede, von literarischen Entwürfen und von Reiseplänen für den bevorstehenden Winter. In Peter Handkes Exemplar des Briefwechsels zwischen Goethe und Schiller sind von Goethes Bericht nur wenige Worte lesbar geblieben: Auf die Mitte der Buchseite hat Handke mit Kugelschreiber eine Pappel gezeichnet, die das Schriftbild beinahe vollständig bedeckt. Es ist keine rasch hingeworfene Skizze, sondern eine sorgfältig ausgeführte Zeichnung, für die der Zeichner neben dem ohnehin griffbereiten Schreibwerkzeug noch einen zweiten Stift zu Hilfe genommen hat. Und doch kommt man nicht auf den Gedanken, dass hier ein Wettstreit zwischen Schrift und Bild ausgetragen wird oder die Worte des berühmten Vorgängers mit einer Zeichnung zugedeckt werden sollen. Im Gestrichel des Kugelschreibers wird das Flirren und Zittern des Laubs deutlich spürbar, und selbst das Rascheln der Blätter scheint auf dem kleinen Blatt mitgemalt zu sein. Zu den Rändern hin lösen sich jedoch einzelne Blätter aus dem Verbund und mischen sich unter die Buchstaben, als ziehe es sie hin zur gedruckten Schrift.

Handkes Zeichnungen hatten ihren Ort bisher an der Peripherie des literarischen Werks. Einige wenige von ihnen kannte man von den Buchumschlägen, so etwa dem Einband des Journals Das Gewicht der Welt, wo im unteren Seitendrittel des faksimilierten Spiralblocks vier nebeneinandergereihte, schlaufenartige Gebilde erscheinen: schaukelnde Haltegriffe in einem Zugabteil, wie der dazugehörige Journaleintrag bemerkt. Im Verlag Schirmer/Mosel ist nun ein Band mit einhundert Zeichnungen Handkes erschienen, ergänzt um einen Text des Philosophen Giorgio Agamben, der sich darin als genauer Leser Handkes zu erkennen gibt. Den Anlass zu dieser Veröffentlichung lieferte eine Ausstellung der Blätter in der Berliner Galerie Klaus Gerrit Friese vor zwei Jahren. Handke hat die Zeichnungen aus seinen Journalen herausgeschnitten und jede für sich auf ein DIN-A4-Blatt geklebt: Ihrem Sichtbarwerden geht ein Akt des Zerschneidens voraus. Irgendwo muss es auch die Negativformen dieser Fragmente geben – dicht beschriebene Journalseiten mit leeren Rechtecken, wo zuvor die Zeichnungen waren. Aber auch das Werk der Schere kann Schreiben und Zeichnen nicht leicht voneinander trennen. Es gibt nur wenige Zeichnungen in diesem schön gestalteten Buch, in die nicht auch die Schrift hineinragt. Einmal geht sie mitten durch den ausgestreckten Körper der Katze "Hibou" hindurch; auf einem anderen Blatt erscheint zwischen zwei Zeilen die Weiche einer Zugnebenstrecke irgendwo in Spanien.

In seinem Essay hebt Agamben das Winzige der Zeichnungen hervor: Eine Magie liege im Verringerten und Reduzierten. "Es ist, als befreite sich der verkleinerte Gegenstand von den Gesetzen der Wirklichkeit, um in ein anderes Universum überzuwechseln." Bei aller Genauigkeit der Beobachtung sind Handkes Zeichnungen daher niemals naturalistisch. Von manchen von ihnen geht etwas Funkelndes aus. Ihre Betrachtung zeigt auch, wie manche Dinge sich erst im Blick des Zeichners einander nähern: die Wirbel einer Palme im Nachtwind in Portugal und die Wirbel im Haar der schlafenden Tochter im Zug; eine Löwenzahnkugel und die steinerne Rosette der Kathedrale Notre-Dame. "Als ob jedermann", heißt es einmal in Handkes Journal Phantasien der Wiederholung, "überall auf der Welt, tagaus, tagein, seinen Bildauftrag hätte: den Auftrag, Bild zu sein für die anderen: die Frau gerade geht als ›einkaufende Hausfrau neben einer Pfütze, in welche Regentropfen fallen, an einem Busbahnhof vorbei‹, und weiter geht einer als ›Mann mit dem Regenschirm‹." Einen solchen Bildauftrag hatten auch die fünf Schulkinder im fränkischen Ansbach, die Handke an einem Julitag vom Fenster seines Hotelzimmers aus gezeichnet hat. Die Zeichnung könnte selbst von einem Kind sein. Aber mit wenigen Strichen ist hier ein Seheindruck genau wiedergegeben – die Schar der Kinder auf ihrem Weg zur Schule, jedes für sich auf seine eigene Weise trödelnd, mit ihren viel zu großen Schulranzen auf dem Rücken zugleich jedoch zusammengehörig wie die Mitglieder eines unbekannten Insektenvolks.

Man sollte aus diesen Zeichnungen keine Preziosen der Hochkunst machen wollen und die schwer beladene Rhetorik des Meisterwerks von ihnen fernhalten. Sie bestechen gerade in ihrer Hinwendung zum Unscheinbaren, ihrer Beiläufigkeit, ihrer Nähe zur täglichen Schrift. "Ich bestehe auf dem Laientum", so Handke vor wenigen Monaten im Gespräch mit dieser Zeitung (ZEIT Nr. 18/19). "Wir sind von Grund auf Laien, ungeschickt." In der Reihe von Handkes "Versuchen" – vom Versuch über die Müdigkeit bis zum Versuch über den Pilznarren – sollte es noch den "Versuch über die Ungeschicklichkeit" geben. Die Ungeschicklichkeit erschiene darin nicht länger als Makel, als Markenzeichen der Vertrottelten, sondern als eine Art von Tugend, ein Umgang mit den Dingen, der nicht schon durch den fachgerechten Blick, das Kennertum der Profis und Experten verstellt ist. "Man müsste ein Gesetz gegen Könner erlassen", so Handke im Interview. "Ich würde es sofort befürworten."

Peter Handke: "Zeichnungen"; Schirmer/Mosel, München 2019; 244 S., 39,80 €