Der Wahlkampf war unerträglich. Die Menschen auf der Straße warfen den Kandidaten der Genfer FDP ihre Prospekte ins Gesicht, deckten sie mit Beschimpfungen ein. Als der Albtraum endlich vorbei und die Freisinnigen geschlagen waren, trat Christian Lüscher, Vizepräsident der Schweizer FDP, vor die Kameras und flehte: "Aus Liebe zur FDP, Pierre, verlass die Partei!"

Pierre Maudet, das ist der Genfer Regierungsrat, der vor zwei Jahren mit seiner "Operation Valmy" in den Bundesrat wollte, am Ende aber seinem Tessiner Parteikollegen Ignazio Cassis unterlag. Pierre Maudet, das ist der Karrierist, der mit der Westschweizer Elite teure Partys feierte und trotzdem die einfachen Leute für sich einnahm. Pierre Maudet, das war das ewige Wunderkind des Schweizer Freisinns, bei dem alles golden glänzte, was er anpackte.

Heute aber ist Pierre Maudet vor allem der Mann, der seit über einem Jahr von einem Skandal in den nächsten taumelt. Die Affäre Maudet: Juristisch sind das die Vorwürfe der Vorteilsannahme wegen einer Luxusreise nach Abu Dhabi, gleich drei geschenkte Feiern zum 40. Geburtstag und Spenden sowie Tricksereien bei den Steuern. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, die Justiz hat noch kein Urteil gesprochen.

Und die Affäre Maudet, das ist auch eine große Enttäuschung: Er war der Saubermann, der gegen Drogendealer, Velo-Rowdys und Güselsünder kämpfte – und nun beim Lügen erwischt wurde. Er belog das Parlament, die Regierung und die Öffentlichkeit über Charakter und Finanzierung seiner rätselhaften Aktivitäten. Mehr noch: Maudet, der Sicherheitsdirektor, belog die Justiz. Er vernichtete Beweise, stiftete andere zur Lüge an. Die Genfer Regierung spricht inzwischen offiziell davon, dass Maudet durch sein "Lügenkonstrukt" und sein "unwürdiges Verhalten" sein Amt schwer beschädigt habe. Trotzdem hält sich Pierre Maudet an der Macht.

Wie schafft er das? Ein Gespräch mit der ZEIT lehnt Maudet ab.

Seit Juli hätte er Anrecht auf eine Lebensrente. Doch er will gar nicht in Rente gehen. Und weil ihn niemand absetzen kann, macht er einfach weiter, als wäre nichts passiert, und hält an der Unschuldsvermutung fest, die nach wie vor für ihn gilt. In Interviews mit anderen Medien spricht der 41-Jährige von seiner Läuterung und seiner Einsamkeit. Vertraute sagen: "Ich bin nicht sein Freund. Wie sollte er Freunde haben? Bei dem Arbeitspensum." Parteikollegen sagen auch: Maudet bleibt, weil er nicht anders kann. Weil er nichts anderes kann.

Der Staatsrat stürzte sich schon als 14-Jähriger in die Politik, hat zeitlebens rund um die Uhr Politik gemacht. Niemand erzählt von Maudets Frau, seinen drei Kindern, stattdessen erzählen alle von seiner irrwitzigen Arbeitsleistung. Und zum Schluss fällt oft der Satz: "Aber zitieren Sie mich nicht, der Mann ist immer noch gefährlich!"

Pierre Maudet ist geschwächt, viele Unterstützer haben sich von ihm abgewandt. Aber die Romandie ist klein, Genf ein Dorf, und die Netzwerke, die ihm an die Macht halfen, die gibt es noch immer. Der ZEIT liegt die Buchhaltung von Maudets Unterstützerverein vor. Ein Verein, der die Genfer Transparenzvorschriften der Parteifinanzierung umging und seine Einkünfte vor den Steuerbehörden verheimlichte, wie die TV-Sendung 10vor10 aufdeckte.

Auf der Liste der privaten Spender stehen als erste Geldgeber: eine Lobby-Agentur namens CPC mit 2500 Franken, die Hotel-Gruppe Manotel mit einer ersten Tranche von 30.000 Franken sowie ein Privatbankier und die Stiftung Finanzplatz Genf mit zusammen 50.000 Franken. Die wiederholten Spenden von Manotel sind Teil des Strafverfahrens, das wegen Vorteilsnahme gegen Maudet läuft. Die Beurteilung durch die Justiz steht noch aus.

Interessant ist auch die Stiftung Finanzplatz Genf. Ihr Präsident ist der Bankier Yves Mirabaud. Gleich zu Beginn der Affäre Maudet intervenierte er schriftlich bei Bertrand Buchs, dem damaligen Präsidenten der Genfer CVP. Mirabaud erklärte im Brief, er sei "schockiert" von der "aggressiven Kritik" der CVP an Pierre Maudet. Und er verband die Kritik mit dem Hinweis, dass seine Bank zu den treuen Unterstützern der CVP zähle. Bertrand Buchs erzählt heute, er sei damals stark unter Druck geraten. Dieser Brief, der sei unerhört gewesen. In seinem Antwortschreiben habe er sich solche Einmischungen verbeten: mit der Folge, dass die CVP Genf kein Geld mehr erhalten habe.