Wenn man Martina Angermann fragt, wann sie die Angst das erste Mal spürte, erzählt sie von dem Abend, als sie sich nicht traute, in ihrem eigenen Rathaus das Licht anzumachen. Es war im April 2016. Sie wollte nur schnell die Reste ihres Geburtstagsfrühstücks vom Vortag wegräumen. Kurz vorm Gemeindehaus sah sie die Biker. Fünf, sechs stämmige Typen, Motorradrocker, das erkannte sie an den Kutten. Sie standen einfach nur da. Vielleicht die Road Eagles? Angermann parkte näher als sonst am Rathaus. Sie machte kein Licht. Im Schein der Straßenlaterne stellte sie die Teller und Gläser in die Spülmaschine. Dann stieg sie wieder in ihren silbernen Golf und fuhr nach Hause.

"Was war das denn gerade?, habe ich damals gedacht", sagt sie. Die Angst ist schwer zu fassen, drei Jahre später noch.

Martina Angermann, 61 Jahre alt, ist Ende November als Bürgermeisterin von Arnsdorf zurückgetreten, nach 18 Jahren im Amt. Ihr Fall war gerade in ganz Deutschland in den Schlagzeilen. Lokalpolitikerin gibt auf – ein Opfer rechter Hetze. Was genau ist passiert, dass eine über Jahre beliebte Bürgermeisterin sagt: Ich kann nicht mehr? Da seufzt Martina Angermann. Sie sagt: "Wenn es nur die Road Eagles wären."

Sie steht bei sich zu Hause am Herd und wendet Buletten in der Pfanne. Dazu gibt es Spiegeleier, Kartoffeln und Sauerkraut. Deftige sächsische Küche, da besteht sie drauf. "Na, wenn schon Besuch kommt", sagt sie.

Am Anfang habe sie noch gedacht: Nein, du bleibst standhaft. Von solchen Leuten lässt du dich nicht vertreiben. "Aber irgendwann erträgt man es nicht mehr."

Martina Angermann legt einen dicken Ordner auf den Küchentisch. Sie hat darin alle Facebook-Posts, E-Mails, Briefe abgeheftet. Es sind Beleidigungen darin, Anzeigen, Hilferufe. Sie hat all die Jahre dokumentiert, wie die Angst in ihr Leben sickerte.

Arnsdorf ist eine kleine Gemeinde zwischen Wiesen und Apfelbäumen, eine halbe Stunde östlich von Dresden. Angermann kennt hier jeden, sie wohnt in einem Nachbarort, seit ihrer Geburt. Während ihr Land 1990 zerfiel, begann sie, Verwaltung zu studieren: "Weil ich mir von den schlauen Wessis nicht sagen lassen wollte, wo es langgeht."

Das kam ihr zugute, als sie 2001 für die SPD Bürgermeisterin wurde. Sie ließ die Grundschule sanieren, die Feuerwehr, die Trauerhalle. Die Leute waren zufrieden mit ihr, das spürte sie. Ein Arnsdorfer Architekt schenkte ihr zum 50. Geburtstag ein großes Aquarell: eine waldige Felslandschaft in der Sächsischen Schweiz. Sie hängte es in ihre Amtsstube.

2015 war das Jahr, in dem Martina Angermann ein zweites Mal wiedergewählt werden wollte. Ihr Wahlkampf fiel in eine aufgeheizte Zeit: In kleinen Gemeinden ging die Angst um, zu viele Flüchtlinge unterbringen zu müssen. Mancherorts eskalierte die Gewalt: Unterkünfte brannten, vermeintliche Ausländer wurden gejagt. In Arnsdorf tauchten Road Eagles in Angermanns Bürgersprechstunde auf. Sie sprachen sich gegen eine Flüchtlingsunterkunft aus. So laut, dass andere verstummten.

Angermann führte in dieser Zeit Gespräche mit Vereinen und Unternehmen. Sie wollte vorbereitet sein, sollte der Landkreis Flüchtlinge schicken. Ein Plan sah vor, ein Containerdorf in einem Gewerbegebiet zu errichten. Einige Wochen vor der Wahl nahm ein Kollege aus der Verwaltung die Bürgermeisterin beiseite. Sie müsse sich da mal etwas ansehen. Auf Facebook behauptete jemand, die Gemeinde habe einen illegalen Pachtvertrag abgeschlossen:

7. April 2015. Facebook-Seite "Arnsdorf 01477 Bürgerforum – überparteilich": "Strafrechtlich wäre auch noch zu prüfen, ob die Gemeinderäte nicht grob fahrlässig handelten, denn sie wissen ja bescheid. Also liebe Gemeinderatsmitglieder. Noch mal scharf nachdenken, ob ihr noch mal für die Asylunterbringung auf einem Gewerbegrundstück ohne jedes Konzept stimmen wollt. Es könnte sehr teuer werden. Auch für euch privat!"