Politiker, aber auch Medien haben nicht die Aufgabe, Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen! Das war ein von Helmut Schmidt oft gebrauchter Satz – um diesen Kommentar mit einem großen Sozialdemokraten aus einer für seine Partei noch glorreichen Zeit zu beginnen. Mal abgesehen davon, dass die Frage, ob der SPD das Ende droht, heute wohl nicht allzu viele Menschen in Panik versetzen würde – der Schmidt-Satz bleibt im Prinzip richtig. Und doch ist bei allem Bemühen um Nüchternheit der Eindruck schwer von der Hand zu weisen, dass da gerade eine Partei aus Angst vor dem Tod Selbstmord begeht.

Das hat nicht nur mit der Wahl der beiden designierten Parteivorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans zu tun – von einigen Genossen zärtlich, aber völlig vergebens "Eskabo" abgekürzt. Auch nicht mit dem nun angeblich anstehenden Linksruck, von dem bislang noch keiner den Beweis erbracht hat, dass er der Partei jemals Erfolg beschert hätte. Es hat vor allem damit zu tun, dass die Geschichte der SPD in den letzten Jahren eine einzige politische Tragödie war.

Sie trägt schwer am Erbe einer Agenda, zu deren guten Seiten sie sich nicht bekannt hat und deren schlechte Seiten sie erst spät zu korrigieren begann. Sie hat sich durch drei Koalitionen geschleppt, von denen zumindest die letzte zu viel war. Sie hat ihr Führungspersonal verschlissen und auf höchster Ebene Versprechen gegeben, die sie nicht gehalten hat. Sie hat sich in Streitigkeiten verzettelt, die die meisten Wähler abstoßen. Was sich als Gesamtbild aufdrängt, ist eine Partei, die sich nicht mehr mag. Wie sollen erst andere sie attraktiv finden?

Man muss sehr optimistisch sein, um der SPD eine große Zukunft vorherzusagen

Es kommt so vieles noch hinzu: das Schwinden ihrer Klientel, auf deren Fragen sie kaum noch Antworten gegeben hat, insbesondere nicht in der Migrationspolitik. Heute sind CDU und AfD die stärksten Parteien unter den Arbeitern. In größter Not also, nachdem die SPD auch noch Andrea Nahles rausgeekelt hatte, sollten nun die Parteimitglieder eine neue Führung ernennen. Basisdemokratie als letzte Rettung. Sie kam in Form von Kandidaten, die entweder niemand kannte oder denen man alles zutraute – nur eben nicht den Aufbruch der Partei. Gewinnende Politiker traten erst gar nicht an. Manuela Schwesig und Malu Dreyer fielen aus persönlichen Gründen aus, Franziska Giffey durch die damals drohende, inzwischen abgewendete Aberkennung ihres Doktortitels; sie ist heute die größte Hoffnung der SPD.

Und die Promi-Männer? Entweder verspekulierten sie sich, so wie der unterlegene Olaf Scholz, der immerhin den Mut hatte, anzutreten. Zu groß aber war der Unmut über die Groko und zu gering das Vertrauen darauf, dass er der Partei die Lust am Neuen vermitteln könnte. Oder sie duckten sich weg, so wie Lars Klingbeil oder Kevin Kühnert, der dafür lieber die Wahl von Eskabo orchestrierte und jetzt eine Art (un)heimlicher Vorsitzender der SPD ist. Zum Entsetzen des gemäßigteren Flügels der SPD hat nun ein Duo gewonnen, gewählt von nur einem Viertel der Mitglieder, das bar von bundespolitischen Erfahrungen und, schlimmer noch, von sehr überschaubarer Ausstrahlung ist. Es soll die SPD zu neuen Ufern führen. Die Frage ist nur: Wohin?

In einen neuen Koalitionskrach? Ganz raus aus der Regierungsverantwortung? Wo steht sie dann? Die Querelen könnten weitergehen, vielleicht sogar noch heftiger als zuvor. Links von einer möglicherweise links gewendeten SPD steht schon eine Linkspartei. Und rechts von ihr gibt es lauter Konkurrenten, die viel Sozialdemokratisches verinnerlicht haben, so wie die CDU. Konkurrenten, die sich offenbar auch schneller modernisieren als die SPD, wie ausgerechnet die CSU. Oder die für viele Wähler wichtigere Themen auf der Agenda haben, wie die Grünen mit ihrer beneidenswert harmonischen Führung. Eine Vorstellung davon, was die SPD noch zu bieten hat, wird es schon auf dem kommenden Parteitag geben: Wird sie die Spaltung vertiefen, weil die eine oder andere Seite ihre Position rücksichtslos durchsetzen will – oder gibt sie sich selbst noch eine Schonfrist?

Die Rettung der SPD mag aus den Kommunen, von erfolgreichen Bürgermeistern kommen, von einer Frau oder einem Mann, die ein großes Thema mit persönlicher Beliebtheit und Kompetenz verbinden. Aber man muss schon sehr optimistisch sein, um der SPD eine große Zukunft vorherzusagen. Zu heftig scheint etwas zu wirken, worunter offenbar nur linke Parteien leiden (beim Parteitag der CDU hat gerade der Überlebenswille gesiegt): ein fatales Selbstzerstörungsgen. Wer das ohne Bedauern hinnimmt, der hat links in der Brust einen Stein und kein Herz.