Nähert man sich in Deutschland, in Thüringen zumal, "Weimarer Verhältnissen", wie es immer mal wieder geäußert wird? Das ist zugleich einfach und schwierig zu beantworten. Einfach – denn natürlich haben wir keine Weimarer Verhältnisse. Wir leben nicht in einem politischen System, das von einem großen Teil der politischen Elite vehement abgelehnt wird. Die Bundeswehr und ihre Kommandeure sind eine demokratische Parlamentsarmee. Die Wirtschaftselite finanziert keine rechtsradikalen Parteien, die Professoren hetzen nicht vom Katheder gegen die Republik, und es gibt keine Studentenschaft, die sich sogar noch rechts von den Professoren positioniert. Regelmäßige Straßenschlachten gibt es ebenso wenig wie paramilitärische uniformierte Veteranenverbände, und statt sechs Millionen Arbeitslose haben wir praktisch Vollbeschäftigung.

Freilich: Morddrohungen gegen Politikerinnen und Politiker, der tatsächliche Mord an Walter Lübcke, die Rede von "Altparteien" und "Lügenpresse", einzelne rechte Umtriebe in der Bundeswehr und der Polizei, das Liebäugeln mit den Autoritären besonders in Teilen der Wirtschaftselite – all das und einiges mehr sind Warnzeichen. Aber dieses Gift ist noch lange nicht so tief eingedrungen, wie es in Weimar der Fall war.

Aber was genau sind eigentlich diese Weimarer Verhältnisse? Die Vorstellung davon ist geprägt von Glanz und Glamour und Gewalt, von Babylon Berlin und Hans Falladas "kleinem Mann". Das ist nicht ganz falsch, aber richtig ist es noch weniger. Es ist nur ein Versatzstück. Der Alltag der meisten Menschen sieht anders aus, damals wie heute. Unter Wissenschaftlern ist es heute weitgehend unumstritten, dass die Weimarer Republik keineswegs zum Scheitern verurteilt war.

Gerade aber die Debatte um die Thüringer Wahlen weist auf einen weiteren Aspekt der "Weimarer Verhältnisse" hin: die Unfähigkeit der Parteien zum parlamentarischen Kompromiss. Diese Kompromiss-Unfähigkeit war in der Tat ein Problem der Weimarer Republik, und wir scheinen uns in diese Richtung zu bewegen. Das Gezerre um eine Jamaika-Koalition nach der Bundestagswahl war ein Warnzeichen, die starrsinnige Haltung einiger Parteien seit dem Thüringer Wahlsonntag ein weiteres.

Dabei ist die Erkenntnis, dass demokratische Parteien grundsätzlich untereinander koalitionsfähig sein müssen, wenn der Parlamentarismus funktionieren soll, nicht unbedingt neu. Hugo Preuß, der linksliberale Staatsrechtler, Theoretiker des Pluralismus und vor allem Vater der Weimarer Reichsverfassung, warnte bereits Anfang der 1920er-Jahre beschwörend vor dem, was man heute "Ausschließeritis" nennen würde. Für Preuß war es fatal, dass die Parteien inzwischen in einer parlamentarischen Republik lebten, sich aber so verhielten, als herrsche immer noch das Kaiserreich. Vor 1918 spielten die Parteien bei der Regierungsbildung im Obrigkeitsstaat keine Rolle, ab 1919 war die Regierung quasi ein Ausschuss der Mehrheitsparteien im Parlament. An die Stelle von Maximalforderungen – die ohnehin nicht erfüllt werden konnten – musste jetzt der Kompromiss treten. Das geschah aber nicht oder nur unzureichend.

Preuß ermahnte die Parteien, darunter auch seine eigene, die linkliberale Deutsche Demokratische Partei, bereits den Wahlkampf so zu führen, dass er hinterher die Regierungsbildung nicht gefährde. Und er forderte die "bürgerlichen" Parteien auf, ihren Argwohn gegenüber der SPD aufzugeben, denn es sei diese Partei gewesen, die die erste deutsche Demokratie im Revolutionswinter überhaupt erst möglich gemacht habe, als sie sich den Sirenengesängen von USPD und KPD widersetzte. Hintergrund der Weimarer Polarisierung waren die sozial-politischen "Milieus", die die Gesellschaft spalteten und die auch die Basis für die verschiedenen Parteien darstellten. Das katholische Milieu (in parteipolitischen Begriffen: das Zentrum) stand dem Arbeitermilieu (SPD, KPD) gegenüber, das liberal-urbane bürgerliche Milieu (DDP, zeitweise DVP) dem ländlich-protestantischen Milieu (DNVP). Extreme Parteien (DNVP, KPD) ließen sich aushalten, aber nur weil die demokratischen Parteien untereinander prinzipiell koalitionsfähig blieben. Und Preuß ging noch weiter: Der Begriff der "bürgerlichen" Partei war für ihn in einer Republik, in der es nur Staatsbürger gab, sinnlos geworden und diente nur der Ausschließung der SPD.

Die Übertragung auf heutige "Berliner" oder "Erfurter Verhältnisse" ist offensichtlich. Manche Parteien verhalten sich so, als lebten wir noch in den 1980er-Jahren, als es "Lagerwahlkämpfe" gab und das "bürgerliche" (CDU/CSU, FDP) vom "linken" Lager (SPD, Grüne) scharf getrennt waren und auch zu trennen waren. Entweder gab es Mehrheiten für das eine Lager oder für das andere, aber in jedem Fall hatte man am Abend eines Wahltages eine klare Mehrheit und damit auch Regierung.